Kirtag, Kirchweih, Kirchtag

Patrozinium

von Clemens Gull

Wer in einem Dorf aufgewachsen ist, kennt das: Einmal im Jahr ist die Kirche festlich geschmückt, die Glocken läuten ausgiebiger als sonst, und nach dem Gottesdienst geht es zum Wirten. Nicht der Nationalfeiertag, nicht Ostern, nicht Weihnachten, sondern der Namenstag der eigenen Kirche wird gefeiert. Genau das nennt man Patrozinium.

Das Wort stammt vom lateinischen patrocinium, was so viel bedeutet wie „Beistand“ oder „Schutzherrschaft“. Gemeint ist damit zweierlei: zum einen die Schutzverhältnis eines bestimmten Heiligen über eine Kirche, zum anderen das Fest, das an seinem liturgischen Gedenktag jährlich gefeiert wird. Im Alltag werden diese beiden Bedeutungen oft gar nicht auseinandergehalten, was auch unter Fachleuten zu Diskussionen führt.

Einfach gesagt: Jede katholische Kirche trägt einen Namen, meistens den eines Heiligen, etwa „St. Martin“ oder „Maria Himmelfahrt“. Dieser Heilige ist der Schutzpatron dieser Kirche. Und sein Festtag ist das Patrozinium.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Der Ursprung des Patroziniums reicht tief in die Frühzeit des Christentums. In der Alten Kirche war es zunächst Brauch, am Grab eines heiligen Märtyrers dessen Beistand zu erflehen. Aus diesem Grab-Kult entwickelte sich die Praxis, Kirchen über den Ruhestätten von Märtyrern zu errichten, und den jeweiligen Heiligen zum himmlischen Beschützer dieses Ortes zu machen.

Seit Bischof Ambrosius von Mailand bezeichnet das Patrozinium das Schutzverhältnis eines Heiligen, der seiner Kirche, seinem Bistum oder seiner Stadt helfend zur Seite steht. Die frühen Kirchen wurden zunächst vor allem Christus selbst, den Aposteln, Maria oder Johannes dem Täufer geweiht. Seit dem Spätmittelalter kamen auch abstrakte Glaubensgeheimnisse als Widmungsträger hinzu, etwa die Heilige Dreifaltigkeit, der Heilige Geist oder, in neuerer Zeit, das Heiligste Herz Jesu.

Im Mittelalter galt der Schutzheilige einer Kirche geradezu als deren rechtlicher Eigentümer, dem das Kirchenvermögen anvertraut war. Das erklärt auch, warum ein Patrozinium keine leichte Angelegenheit war, die man einfach so ändern konnte. Im Alpenraum wurde ein Patrozinium aufgrund seiner rechtlichen und sakralen Bedeutung nur selten gewechselt.

Für Volkskundler und Kirchenhistoriker sind die Patrozinien darüber hinaus eine wertvolle Quelle: Mithilfe der sogenannten Heiligentopografie, etwa durch die Verbreitung bestimmter Kultheiliger oder durch Patrozinienübertragungen, lassen sich Rückschlüsse auf frühe Kirchenorganisation und Missionsgeschichte ziehen.

Ablauf und typische Elemente

Das Patrozinium ist liturgisch ein Eigen-Hochfest der jeweiligen Kirche, also der höchste Festrang, den eine Pfarrei für sich beanspruchen kann. Im Mittelpunkt steht der feierliche Gottesdienst, oft mit Pontifikalamt, besonderer Predigt und Prozession. Das Patrozinium hat zudem eine Repräsentationsfunktion: Der Schutzpatron erscheint auf Fahnen, Flaggen, Wappen und Siegeln der Gemeinde.

In vielen Orten war und ist das Patrozinium auch ein Anlass für Volksmusik, Tanz und geselliges Beisammensein nach dem Gottesdienst und wurde zum Kirtag oder Kirchweih. Früher zählte dieses Fest nach der Ernte zu den beliebtesten in der Landbevölkerung und wurde gelegentlich drei Tage lang mit Tanz und Festessen begangen.

Regionale Besonderheiten

Im bayerisch-österreichischen Alpenraum trägt das Patrozinium oft eigene regionale Namen. Im österreichischen Raum spricht man häufig vom „Kirchtag“ oder „Kirtag“, in Bayern vom „Kirta“. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gehörte die Kirchweih zu den wichtigsten lokalen Festen; im Verlauf der Neuzeit vermischte sie sich zunehmend mit anderen Gelegenheiten wie dem Almabtrieb, dem Erntedank oder dem Schützenfest.

Da Patrozinium und Kirchweih-Weihetag nur selten auf denselben Tag fallen, wurde in früheren Zeiten in einer Gemeinde nach der anderen gefeiert, was erhebliches Volksvergnügen mit sich brachte, aber auch die Behörden auf den Plan rief. In Bayern führte man daher 1806 einen allgemeinen „Tag der Kirchweih“ ein, den dritten Sonntag im Oktober, um die vielen unterschiedlichen Festtermine zu vereinheitlichen und das Herumziehen des Gesindes einzudämmen. Viele Gemeinden feiern ihr Patrozinium seither trotzdem weiterhin gesondert.

Die genaue Ausgestaltung des Patroziniumsfestes variiert von Pfarrei zu Pfarrei stark. Manche Gemeinden begehen es schlicht mit einem feierlichen Gottesdienst, andere mit mehrtägigem Volksfest, Prozession und Jahrmarkt.

Bedeutung heute

Das Patrozinium ist heute in vielen Pfarreien zwar weniger spektakulär als früher, aber als Identifikationspunkt lebendig. Gerade in kleineren Dörfern des Alpenraums ist der Kirchtag noch immer einer der wichtigsten Termine im Jahreskalender, an dem sich Menschen treffen, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Die Verbindung von religiösem Fest und dörflicher Gemeinschaft ist das Herzstück dieses Brauches.

Für Kirchenhistoriker und Volkskundler sind die Patrozinien außerdem ein unterschätztes Forschungsfeld: An den Schutzheiligen der ältesten Kirchen lässt sich oft noch ablesen, welche Missionarsgruppen eine Region als erste christianisiert haben und aus welcher Richtung das Christentum einst vorgedrungen ist.