
Sonstige Bräuche
Osterkrippe
von Clemens Gull
Die Osterkrippe ist das österliche Gegenstück zur Weihnachtskrippe. Anstelle von Stall, Stern und Heiliger Familie stellt sie die Leidensgeschichte Jesu Christi dar, die sogenannte Passion: von seinem Einzug in Jerusalem am Palmsonntag über das Letzte Abendmahl, die Verhaftung im Garten Getsemani, die Kreuzigung am Karfreitag bis hin zum leeren Grab am Ostersonntag. Wegen ihres ernsten Inhalts wird sie mancherorts schlicht die „ernste Krippe“ genannt.
Die Passionskrippe, auch Fastenkrippe oder Osterkrippe genannt, hat im alpenländischen Raum eine lange Tradition und stellt bildlich das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi dar.
Herkunft und Geschichte
Die Wurzeln der Osterkrippe reichen ins Mittelalter zurück. Zunächst wurde das Heilige Grab als Gebetsstätte nachgebaut, daraus entstanden Passionsspiele. Ab dem 14. Jahrhundert kamen auch Figuren für den häuslichen Gebrauch hinzu.
Besonders im Barock erlebte die Passionskrippe ihre Blütezeit. Parallel zur Weihnachtskrippe entwickelte sich in dieser Zeit in Tirol der Brauch, auch die Passion Christi mit Figuren nachzustellen. In den Stuben wie in den Kirchen wurde dabei häufig derselbe „Krippenberg“ verwendet wie in der Weihnachtszeit. Die bedeutendsten Tiroler Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts stellten sich der Herausforderung, auf kleinstem Raum detailreiche und ausdrucksstarke Figuren zu schaffen.
Im 18. und 19. Jahrhundert waren Passionskrippen weit verbreitet und wurden teilweise in Lebensgröße ausgeführt, um sie in Kirchen und öffentlichen Gebäuden auszustellen. Der Grund war praktischer Natur: Da viele Menschen damals nicht lesen und schreiben konnten, sollte die bildliche Darstellung das Wunder der Auferstehung vermitteln. Die Osterkrippe war damit so etwas wie das illustrierte Buch des einfachen Volkes.
Was zeigt eine Osterkrippe?
Osterkrippen sind wegen der Dichte der biblischen Geschichten meist relativ groß. In der Regel beginnen sie mit dem Einzug nach Jerusalem am Palmsonntag. Es folgt der Gründonnerstag, an dem Jesus im Garten Getsemani betet und Judas mit den römischen Soldaten erscheint. Die Kreuzigung am Karfreitag nimmt üblicherweise den meisten Raum ein. Meist ist auch das verschlossene Grab am Karsamstag zu sehen, bevor am Ostersonntag die Frauen vor dem geöffneten Grab Zeuginnen der Auferstehung werden. Auch die Begegnung des auferstandenen Jesus mit den Emmaus-Jüngern fehlt in vielen Ausführungen nicht.
Einfachere Varianten beschränken sich auf das Wesentlichste: ein Kreuz auf einem Hügel und davor ein geöffnetes, leeres Grab, vor dem ein runder Stein liegt.
Regionale Besonderheiten im Alpenraum
Im Alpenraum ist das Schnitzen von Krippen seit Jahrhunderten ein eigenständiges Handwerk. Einige wenige Künstler, wie der Tiroler Josef Arnold d. Ä. (1788–1879), erschienen später im Druck und ermöglichten es auch ärmeren Bevölkerungsschichten, künstlerisch hochwertige Figuren in ihrer häuslichen Fasten- oder Passionskrippe aufzustellen.
Bis heute sind es vor allem Regionen wie das Grödnertal in Südtirol, Tirol und der Salzburger Raum, die lebendig gehaltene Schnitztraditionen pflegen. Die geschnitzten Figuren werden in liebevoller Arbeit aus Bergahornholz gefertigt und naturbelassen oder mit Ölfarben in Handarbeit bemalt. Holzschnitzerbetriebe in Hof bei Salzburg, im Tiroler Unterland oder im Grödnertal haben die Passionskrippe in den letzten Jahren wieder ins Sortiment aufgenommen.
Vom Vergessen zur Wiederentdeckung
Die Osterkrippe war bereits seit dem 18. Jahrhundert weit verbreitet, verschwand dann aber und geriet eine Zeitlang in Vergessenheit. Seit einigen Jahren feiert die Passionskrippe jedoch ihre „Auferstehung“ und wird wieder präsenter.
Interessant ist auch die Diskussion um den Begriff selbst. Theologisch gesehen meint das Wort „Krippe“ eigentlich die Futterkrippe der Weihnachtsgeschichte. Manche Stimmen plädieren daher für die Bezeichnung „Ostergrab“ oder „Heiliges Grab“ als passendere Alternative. In der volkstümlichen Praxis hat sich aber der Begriff „Osterkrippe“ durchgesetzt, da er die Parallele zur Weihnachtskrippe unmittelbar verständlich macht.
Bedeutung heute
Die Osterkrippe ist kein museales Stück, sondern ein Brauch, der gerade wieder neu entdeckt wird. Wer in der Fastenzeit eine Passionskrippe aufstellt, schafft im Wohnraum einen stillen Ort der Besinnung, der an die eigentliche Botschaft des Osterfests erinnert, jenseits von Schoko-Eiern und Frühlingsblumen. Gerade für Familien mit Kindern bietet sie eine greifbare, anschauliche Form, um die Passionsgeschichte zu erzählen.