
Sonstige Bräuche
Preberschießen
von Clemens Gull
Wer zum ersten Mal am Prebersee im Salzburger Lungau steht und einem Schützen beim Preberschießen zusieht, reibt sich unweigerlich die Augen: Das Gewehr ist auf die Wasseroberfläche gerichtet, nicht auf die 120 Meter entfernte Zielscheibe. Und doch, mit einem kurzen Knall und einem winzigen Aufspritzen, trifft die Kugel Sekundenbruchteile später tatsächlich die Scheibe – von unten, wie durch Zauberhand. Was hier seit fast 200 Jahren praktiziert wird, ist eines der eigenwilligsten Schießbräuche im gesamten Alpenraum.
Eine Entdeckung bei der Entenjagd
Der Legende nach entstand das Preberschießen durch einen Zufall: Bei einer Entenjagd am Prebersee im frühen 19. Jahrhundert bemerkten Jäger, dass ihre Gewehrkugeln von der Wasseroberfläche abprallten, statt einfach zu versinken. Aus dieser Beobachtung wurde binnen weniger Jahre ein organisierter Wettbewerb. Die älteste erhaltene Zielscheibe stammt aus dem Jahr 1834 und ist heute im Heimatmuseum Tamsweg zu besichtigen – ihre Inschrift erinnert an ein „merkwürdiges Wasserscheibenschießen", das ein Tamsweger Kaufmann wegen der seltenen Schönwetterlage am See ausgerichtet haben soll. Damit ist das Preberschießen seit fast zwei Jahrhunderten lückenlos dokumentiert.
Zielen auf das Spiegelbild
Das Prinzip bleibt bis heute unverändert und ist zugleich sein größtes Rätsel: Geschossen wird mit Kleinkalibergewehren auf eine 22,5 Zentimeter große Zielscheibe, die etwa 90 Zentimeter über der Wasseroberfläche angebracht ist – aus 120 Metern Entfernung. Anstatt direkt auf die Scheibe zu zielen, richten die Schützinnen und Schützen ihr Gewehr auf deren Spiegelbild im Moorwasser des Sees. Die Kugel schlägt dort ein, hinterlässt eine wenige Zentimeter tiefe Mulde und springt als Querschläger – im Lungauer Dialekt „Geller" genannt – zurück nach oben, um die eigentliche Scheibe von unten zu treffen. Warum ausgerechnet das weiche, moorige Wasser des Prebersees diesen Effekt zuverlässig ermöglicht, weiß bis heute niemand mit letzter Sicherheit zu erklären. Ein direkter Treffer auf die Scheibe selbst gilt übrigens nicht als Erfolg, sondern als „Fisch" – ein Fehlschuss, der gegen die Regel verstößt.
Drei Termine im Jahr
Das Preberschießen findet nicht an einem einzigen Tag statt, sondern verteilt sich über die Saison: Ein Eröffnungsschießen eröffnet am ersten Juni-Wochenende die Saison, das eigentliche Große Preberschießen – der Höhepunkt des Jahres – findet traditionell am letzten Augustwochenende statt, und ein Schlussschießen Anfang Oktober beendet den Wettbewerbszyklus. Rund 150 Schützinnen und Schützen nehmen an jeder Veranstaltung teil. Gewonnen hat dabei nicht, wer die höchste Punktzahl erzielt, sondern wer die meisten „Blattschüsse" – Treffer mitten ins Zentrum der Scheibe – vorweisen kann.
Von Tamsweg bis Hollywood
Die Bekanntheit des Preberschießens reicht weit über den Lungau hinaus. 1957 schickte niemand Geringerer als Walt Disney ein Filmteam an den Prebersee, um das physikalische Phänomen zu dokumentieren und den See möglicherweise für ein Disney-Vergnügungsprojekt nachzubauen – ein Vorhaben, das an der schlicht nicht reproduzierbaren Beschaffenheit des Wassers scheiterte. Ähnliche Effekte lassen sich sonst nur am Schattensee in der Steiermark beobachten, was die Einzigartigkeit des Prebersees zusätzlich unterstreicht. Seit 2025 ist das Tamsweger Preberschießen zudem offiziell im Nationalen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich eingetragen – eine Anerkennung, die den Übergang vom regionalen Kuriosum zum anerkannten Kulturgut endgültig besiegelt.
Bis heute bleibt das Preberschießen damit, was es seit fast zwei Jahrhunderten war: ein Fest der Marksleute, ein physikalisches Naturschauspiel und ein Stück gelebter Lungauer Identität, das sich nirgendwo sonst auf der Welt in dieser Form wiederholen lässt.
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