
Herrenfest
von Clemens Gull
Wer im Kirchenkalender blättert, stößt auf ein dichtes Geflecht aus Festen, Gedenktagen und Hochfesten. Mittendrin eine besondere Gruppe: die Herrenfeste. Dahinter steckt kein einzelner Termin, sondern ein ganzes System von Feiertagen, das die katholische Kirche über das Jahr verteilt hat, um das Leben und Wirken Jesu Christi zu begehen.
Als Herrenfeste oder Feste des Herrn bezeichnet man jene Hochfeste und Feste im Kirchenjahr, die das Heilsgeheimnis Jesu Christi entfalten: von seiner Menschwerdung und Geburt über die Himmelfahrt bis hin zur Erwartung seiner Wiederkunft. Das Kirchenjahr selbst trägt deshalb auch den Namen „Herrenjahr“. Es dreht sich, grob gesagt, nicht um eine lineare Geschichtserzählung, sondern um eine jährliche Wiederholung derselben heilsgeschichtlichen Stationen, durch die die Gläubigen immer wieder in das Geheimnis Christi hineingezogen werden sollen.
Wie das Kirchenjahr seine Form bekam
Die älteste Grundlage des christlichen Kalenders ist schlicht jeder Sonntag. Schon seit dem 2. Jahrhundert galt der wöchentliche Versammlungstag als „Tag des Herrn“, lateinisch Dominica, weil er an die Auferstehung Jesu erinnerte. Dazu trat die 50-tägige Osterzeit als zweite tragende Säule des Kirchenjahres.
Im Lauf der Jahrhunderte wuchs dann ein immer dichteres Netz von Festtagen heran. Zunächst entstanden sogenannte historisierende Herrenfeste wie die Beschneidung des Herrn, die Taufe Jesu, die Darstellung Jesu im Tempel und die Verkündigung des Herrn, die alle an konkrete Ereignisse aus dem Leben Christi anknüpfen. Später kamen weitere Feste hinzu, unter anderem die Verklärung Christi (seit 1457) und das Fest der Heiligen Familie (seit 1921).
Ab dem Hochmittelalter entwickelte sich dann ein neuer Typ: die sogenannten Ideen- oder Devotionsfeste, bei denen nicht ein heilsgeschichtliches Ereignis, sondern ein Glaubensinhalt oder ein Ehrentitel Christi im Mittelpunkt steht, etwa die Dreifaltigkeit, die Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie oder sein Königtum. Zu diesen Ideenfesten gehören der Dreifaltigkeitssonntag (10. Jahrhundert), Fronleichnam (13. Jahrhundert), das Herz-Jesu-Fest (17. Jahrhundert) und das Christkönigsfest, das erst 1925 eingeführt wurde.
Einige der heutigen Herrenfeste tragen heute einen anderen Namen als früher. Im Zuge der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden bestimmte Feste, die ursprünglich marianisch geprägt waren, umbenannt und ausdrücklich als Herrenfeste ausgewiesen, weil ihr theologischer Kern das Wirken Christi betrifft, darunter die Verkündigung des Herrn (25. März) und die Darstellung des Herrn (2. Februar).
Die wichtigsten Herrenfeste im Überblick
Die katholische Kirche kennt heute folgende Hochfeste des Herrn:
Weihnachten (25. Dezember), Erscheinung des Herrn (6. Januar), Verkündigung des Herrn (25. März), die drei österlichen Tage von Gründonnerstag bis Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, der Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam, das Herz-Jesu-Fest sowie das Christkönigsfest am letzten Sonntag des Kirchenjahres.
Dazu kommen Feste mit etwas niedrigerem liturgischen Rang wie die Taufe des Herrn, die Verklärung Christi (6. August) und die Kreuzerhöhung (14. September).
Zwei Herrenfeste und ihr Brauchtum im Alpenraum
Von all diesen Festen haben zwei im Alpenraum besonders lebendiges volkskundliches Brauchtum entwickelt.
Fronleichnam: der Herr zieht durch die Straßen
Fronleichnam ist das „öffentlichste“ der Herrenfeste. Der Name kommt aus dem Mittelhochdeutschen: vrôn stand für „was den Herrn betrifft“, lîcham bedeutete „Leib“. Das Fest wurde von Papst Urban IV. im Jahr 1264 für die gesamte Kirche angeordnet, setzte sich jedoch nur langsam durch. Sein Kern ist die Überzeugung, dass Christus in der konsekrierten Hostie leibhaftig gegenwärtig ist, und so wird er an diesem Tag buchstäblich durch die Ortschaft getragen.
In den meisten Pfarren folgt nach der Messe eine Prozession, bei der das Allerheiligste in einer Monstranz unter einem Baldachin, dem sogenannten „Himmel“, getragen wird. Entlang der Prozessionsrouten werden Birkenbäumchen aufgestellt, Fenster mit Blumen und Kerzen geschmückt. In manchen Orten Kärntens und der Steiermark legen Frauen früh am Morgen kunstvolle Blumenteppiche aus Blütenblättern mit Sinnbildern und Sprüchen nieder.
In Hallstatt hat der enge Ortsgrundriss zu einer besonders eindrucksvollen Lösung geführt. Weil der kleine Salinenort kaum Platz an Land bot, verlegte man die Prozession auf den See: Boote und Salzschiffe, mit Laub und Blumen geschmückt, begleiten das Allerheiligste über das Wasser. Das ist kein neumodisches Spektakel, sondern eine jahrhundertealte Tradition.
Das Herz-Jesu-Fest
Das Herz-Jesu-Fest, ein Freitag nach Fronleichnam, ist im Alpenraum vor allem als tirolerisches Fest bekannt. Sein volkskundlicher Reichtum liegt in den Bergfeuern, die alljährlich die Hänge erleuchten.
Der Brauch, im Juni Feuer zu entzünden, geht auf ältere Sonnwend- und Johannisfeuer zurück. In Erinnerung an das „Herz-Jesu-Gelöbnis“ von 1796 wurden diese vorchristlichen Feuer umgedeutet und mit einem religiösen Inhalt verbunden. Damals drohten die Truppen Napoleons in Tirol einzumarschieren. Die Tiroler Landstände, Adel, Bürger und Bauern, beschlossen in Bozen, das Land dem Herzen Jesu zu weihen und gelobten, das Fest in Zukunft in Ehren zu halten, wenn göttlicher Beistand käme.
Die Feuer werden heute in ganz Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol gepflegt und oft in Form von Herzen, Kreuzen oder den Christuszeichen IHS und INRI auf den Berghängen entzündet. Am Herz-Jesu-Sonntag, dem dritten Sonntag nach Pfingsten, wird das Gelöbnis jedes Jahr erneuert. Dass dieser Brauch auch politische Dimensionen bekam, etwa in der Südtirolfrage nach dem Ersten Weltkrieg, zeigt, wie eng religiöses Brauchtum und Regionalidentität im Alpenraum oft verflochten sind.
Das Herrenfest im engeren Sinn
In volkskundlichen Quellen aus Österreich, besonders aus dem bäuerlichen Milieu, meint „das Herrenfest“ oft ganz konkret den 2. Februar. Der offizielle liturgische Name lautet heute: Darstellung des Herrn.
Das Fest wird 40 Tage nach Weihnachten begangen und erinnert daran, dass Maria und Josef den neugeborenen Jesus als erstgeborenen Sohn gemäß jüdischem Brauch in den Tempel nach Jerusalem brachten, wo der greise Simeon das Kind als Licht der Welt pries. Daraus entstand die Bezeichnung Lichtmess: An diesem Tag werden die Kerzen für das kommende Jahr geweiht, und Lichterprozessionen erinnern an die Lichtsymbolik des Festes.
Bis zur Liturgiereform der 1960er-Jahre galt Lichtmess noch als Marienfest. Seither wird der Tag wieder als Herrenfest begangen, mit dem offiziellen Namen „Darstellung des Herrn“.
Im bäuerlichen Jahreskalender war der 2. Februar weit mehr als ein kirchlicher Termin. Das Dienstjahr in der Landwirtschaft endete an diesem Tag: Mägde und Knechte erhielten ihren Lohn, hatten einige freie Tage und konnten den Dienstherren wechseln. Bis 1912 war Mariä Lichtmess in Bayern ein gesetzlicher Feiertag.
Der Volksglauben rund um diesen Tag ist reich und regional unterschiedlich. Am Abend des Lichtmesstages kamen die Familien zum gemeinsamen Rosenkranzbeten zusammen, wobei so viele geweihte Kerzen brannten, wie Beter anwesend waren. Die Art, wie eine Kerze brannte, wurde gedeutet: Flackerte sie stark, drohte dem Besitzer Krankheit; erlosch sie zu früh, galt das nach dem Volksglauben als Zeichen des nahenden Todes.
Die geweihten Kerzen wurden auch außerhalb der Kirche eingesetzt: bei Geburten, Sterbefällen und Unwettern zündete man sie an, um Schutz zu erbitten.
Warum das alles heute noch relevant ist
Die Herrenfeste sind kein museales Relikt. Sie strukturieren bis heute den Jahresrhythmus in vielen Gemeinden des Alpenraums, sie geben Feiertagen einen Inhalt jenseits des freien Tages, und sie verbinden Glauben mit konkreten Erfahrungen: Licht in der Dunkelheit des Februars, das Tragen des Allerheiligsten durch den Ort, Feuer auf den Bergen in der Sommernacht. Dass viele dieser Bräuche ältere, vorchristliche Schichten in sich tragen, macht sie volkskundlich noch interessanter. Die Kirche hat selten bei null angefangen, sondern bestehende Rhythmen aufgegriffen und mit neuem Inhalt gefüllt.