Lichtmesskerze
Heischebräuche | Sonstige Bräuche | Lichtbräuche

Lichtmesskerzen

von Clemens Gull

Die Lichtmesskerze ist eine Kerze, die am Fest Mariä Lichtmess, dem 2. Februar, in der Kirche gesegnet wird. Sie ist kein Schmuckgegenstand und kein Adventslicht. Sie ist ein Schutzgegenstand. Im alpinen Raum und im Alpenvorland gilt das geweihte Licht als aktive Schutzmacht gegen Unheil, Gewitter, Dämonen und Krankheit. Kurz gesagt: Man weihte die Kerze im Winter, stellte sie weg und holte sie in der Not hervor.

Bei der Prozession am Lichtmesstag wurden schon im 8. Jahrhundert brennende Kerzen getragen. Seit dem 10. Jahrhundert empfingen diese Kerzen die kirchliche Weihe und wurden dadurch zum hochgeschätzten kirchlichen Sakramentale. Ihre Einsatzgebiete sind bemerkenswert vielfältig und zeigen, wie tief der Glaube an ihre Schutzwirkung saß.

  • Beim Gewitter
    Bereits seit dem 9. Jahrhundert werden am Lichtmesstag die Kerzen gesegnet, und schon immer wurde den Lichtmesskerzen große Bedeutung zugemessen. So brennt noch heute bei Unwetter, Blitz und Donner in so mancher Familie die geweihte Wetterkerze.
  • Am Krankenbett und Sterbebett
    Eine besonders wichtige Rolle spielt die Kerze am Sterbebett. Sie brennt neben dem Sterbenden, um ihn vor Angriffen böser Mächte zu schützen und der Seele den rechten Weg zu weisen.
  • Bei Geburt und Wochenbett
    In Bayern lassen die Frauen meist einen roten Wachsstock weihen. Er dient besonders dazu, um Hand, Fuß und Geräte der Wöchnerin gewunden zu werden, damit aller Zauber von Mutter und Kind fernbleibe.
  • Als Wachskreuz an der Tür: In der Eifel befestigte man ein kleines wächsernes Kreuz aus Stücken der Lichtmesskerze hinter der Stubentür, wenn ein Kind geboren war. Ähnliche Bräuche fanden sich auch im Alpenraum.

Mehr als ein frommer Brauch

Im inneralpinen Raum gehört Lichtmess zu den mächtigsten Brauchtagen des Jahres. Im Zentrum steht die geweihte Kerze, der höchste Schutzkräfte zugeschrieben werden. Mit ihr schützt man Haus, Stall und Vieh. Wachs wird an Türen, Balken und Stallungen angebracht oder zu kleinen Kreuzen geformt. Auch gemeinschaftliche Bräuche sind verbreitet. Jugendliche ziehen mit brennenden Kerzen umher, es wird gesungen oder gesammelt. Lichtmess ist hier nicht nur ein häuslicher, sondern auch ein sozialer Tag.

In Bayern und auch Teilen Salzburgs war der Tag lange auch ein wirtschaftlicher Einschnitt: Bis 1912 war dieser Tag in Bayern sogar ein gesetzlicher Feiertag und ein wichtiger Tag im Bauernkalender. Denn am Lichtmesstag wurde der Lohn für das abgelaufene Jahr ausgezahlt und in der Regel ein neuer Dienstvertrag mit den Knechten und Mägden abgeschlossen. Das Licht und das Leben, der Jahreslohn und der göttliche Schutz – an Lichtmess liefen viele Fäden zusammen.

Ein Volksglaube mit Eigenlogik

Interessant ist auch, was der Volksbrauch um die Kerze an Aberglaube angereichert hat. Am Lichtmessabend vereinigte man sich in den Häusern zu gemeinsamem Beten und zündete Kerzen an; wessen Licht zuerst erlosch, der musste zuerst sterben. Solche Deutungen zeigen, wie eng Schutzmagie, Gemeinschaft und Todesangst in dieser Jahreszeit miteinander verwoben waren.

Nahezu überall dient Lichtmess dem Schutz. Haus, Stall, Vieh, Kranke, Sterbende und Neugeborene werden durch Kerzen, Wachs, Rauch oder rituelle Umgänge gesichert. Besonders empfindliche Übergänge, wie Geburt, Krankheit und Tod werden an diesem Tag mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht.

Bedeutung heute

In katholischen Kirchen findet auch heute noch an Maria Lichtmess eine Kerzensegnung statt, gelegentlich verbunden mit einer Lichterprozession. Die geweihte Kerze mit nach Hause zu nehmen ist in vielen Familien, vor allem im ländlichen Alpenraum, noch üblich. Ob sie dann wirklich beim nächsten Gewitter entzündet wird, ist und von Familie zu Familie verschieden.