
Heischebräuche
Neujahrssingen
von Clemens Gull
Beim Neujahrssingen ziehen Kinder – manchmal auch Jugendliche oder ganze Familiengruppen – am Neujahrstag oder in den ersten Januartagen von Haus zu Haus. Sie tragen kurze Lieder vor, sprechen Glückwünsche aus und erhalten dafür kleine Gaben: Süßigkeiten, Münzen, Nüsse oder Äpfel. Der Kern des Brauchs ist das gesprochene oder gesungene Wort als Träger von Segen und Glück. Wer es annimmt, darf auf ein gutes Jahr hoffen. Wer gut beschenkt, gibt das Glück weiter.
Der genaue Ursprung ist nicht eindeutig belegt, wie es bei vielen alten Volksbräuchen ist. Volkskundler vermuten, dass das Neujahrssingen auf vorchristliche Winterbräuche zurückgeht, bei denen Lärm, Gesang und rituelles Umhergehen böse Geister vertreiben und gute Mächte anlocken sollten. Der Jahreswechsel galt als gefährliche Schwellenzeit, in der die Ordnung der Dinge noch nicht gefestigt war.
Mit der Christianisierung wurden diese Bräuche überformt, aber nicht verdrängt. Das Singen bekam einen frommen Rahmen: Die Lieder handelten von Gottes Segen, vom Neujahr als Gnadenzeit, von Gesundheit und Ernte und verlagerte sich zum Sternsingen am Drei-Königs-Tag. In manchen Regionen sollen die Sänger früher auch Zweige mitgebracht haben, ähnlich wie beim Palmbuschen, um den Segen symbolisch ins Haus zu tragen.
Ablauf, Lieder und typische Elemente
Der Brauch ist einfach in seiner Form, aber reich in seiner Wirkung. Die Kinder erscheinen meist zu zweit oder zu dritt, klopfen an und starten ohne viel Vorgeplänkel ihr Lied. Typische Texte wünschen dem Haus Gesundheit, dem Stall gutes Vieh und dem Acker reiche Ernte, alte Sorgen, in neue Verse gekleidet. Ein klassischer Anfang lautet sinngemäß:
Ich wünsch euch ein glückseliges Jahr,
langes Leben und was euch lieb und teuer war!
Die Melodien sind meist schlicht, eingängig, leicht zu lernen. Nach dem Vortrag folgt die Gabe: Früher war es das, was der Hof hergab, eben ein Ei, ein Stück Brot, Nüsse. Heute sind es Münzen oder Süßigkeiten. Die Kinder bedanken sich, und weiter geht’s zum nächsten Haus. Als klassischer Heischebrauch, gab er die Möglichkeit den kargen Winter mit milden Gaben zu überstehen.
Regionale Besonderheiten
Das Neujahrssingen ist vor allem im ländlichen Raum lebendig: in Salzburg, Tirol, der Steiermark, in Teilen Oberösterreichs und im bayerischen Voralpenland.
In manchen Gegenden wird der Brauch auch als Anklöpfeln bezeichnet, je nachdem, ob er am 1. Jänner oder in den Tagen bis zum Dreikönigstag (6. Jänner) stattfindet.
Das Neujahrssingen ist nicht das Sternsingen. Das Sternsingen findet zu Dreikönig statt, hat einen kirchlich organisierten Rahmen (Caritas, Kolpingwerk) und einen klar missionarischen Charakter. Das Neujahrssingen ist volkstümlicher, ungebundener und älter in seiner Erscheinungsform. Beide Bräuche können in einer Region nebeneinander existieren.
In Salzburg und im Salzkammergut gibt es Berichte, dass die Neujahrslieder früher von Haus zu Haus unterschiedlich klangen, jede Familie hatte ihr eigenes kleines Repertoire, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Bedeutung heute
In vielen Dörfern ist das Neujahrssingen leise geworden – oder ganz verstummt. Wo früher ein Dutzend Kindergruppen an die Tür klopften, kommt heute vielleicht noch eine. Wo es noch gelebt wird, hat es eine besondere Qualität. Es bringt Nachbarn ins Gespräch. Es gibt Kindern eine kleine Rolle im Jahreslauf. Und es erinnert daran, dass ein gutes Jahr nicht einfach passiert, sondern dass man es sich wünscht, laut, singend, und gemeinsam.
Einige Volkshochschulen, Musikschulen und Trachtenvereine im Alpenraum bemühen sich aktiv darum, das Neujahrssingen wieder zu beleben und alte Liedtexte zu sammeln.