Schutzengelfest
Sonstige Bräuche

Schutzengelfest

von Clemens Gull

Heiliger Schutzengel mein,
lass mich dir empfohlen sein

kaum ein Gebet haben so viele Kinder im Alpenraum vor dem Einschlafen gesprochen. Die Vorstellung, dass jeder Mensch einen eigenen Engel an seiner Seite hat, gehört zu den innigsten Bildern der Volksfrömmigkeit. Die katholische Kirche widmet diesen Begleitern einen eigenen Tag: das Schutzengelfest am 2. Oktober.

Ein Engel für jeden Menschen

Die Wurzeln des Glaubens an Schutzengel reichen weit zurück. In den Psalmen heißt es, Gott befehle seinen Engeln, den Menschen auf allen seinen Wegen zu behüten, und im Matthäusevangelium spricht Jesus davon, dass die Engel der Kleinen allezeit das Angesicht des Vaters im Himmel sehen. Auch das Buch Tobit erzählt vom Erzengel Rafael, der den jungen Tobias unerkannt auf seiner Reise begleitet und beschützt. Aus solchen Stellen entwickelte sich die Überzeugung, dass jedem Menschen vom ersten bis zum letzten Tag ein Engel zur Seite steht.

Vom Ortsfest zum Fest der ganzen Kirche

Als eigener Feiertag entstand das Schutzengelfest erst spät. Um 1500 wurde es zunächst in einzelnen Gegenden gefeiert, früh belegt ist es etwa im südfranzösischen Rodez. Papst Paul V. erlaubte das Fest Anfang des 17. Jahrhunderts für die ganze Kirche, damals noch als freiwillige Feier. Wann genau es seinen heutigen Termin erhielt, stellen die Quellen unterschiedlich dar – nach verbreiteter Darstellung legte Papst Clemens X. es 1670 auf den 2. Oktober. Das Datum liegt passend nur drei Tage nach Michaeli am 29. September: Auf das Fest der Erzengel folgt das Fest jener Engel, die jedem Einzelnen zugedacht sind.

Der Schutzengelsonntag in Österreich

Neben dem 2. Oktober gibt es einen älteren Termin, der früher allgemein üblich war: den ersten Sonntag im September. In manchen Orten Österreichs wird an diesem Tag bis heute der Schutzengelsonntag gefeiert. Besonders bekannt ist das Fest im oberösterreichischen Stift Wilhering. Es geht dort auf die Barockzeit zurück und entstand aus Dankbarkeit darüber, dass die Stiftskirche trotz kriegsbedingter Unterbrechungen fertiggestellt werden konnte. Bis heute kommen Wallfahrer zu diesem Tag, und 2026 trugen junge Absolventen des Stiftsgymnasiums die Schutzengelstatue in der Prozession.

Schutzengel im Alltag

Mehr als im Kirchenkalender lebt der Schutzengel im häuslichen Brauchtum. Über vielen Kinderbetten hing früher ein Schutzengelbild, das seit dem späten 19. Jahrhundert weit verbreitet war: Ein Engel geleitet Kinder sicher über einen brüchigen Steg oder an einem Abgrund vorbei. Zur Taufe schenken Paten gern ein Medaillon oder einen Anhänger mit Schutzengelmotiv. Auch kleine Engelfiguren im Auto oder am Schlüsselbund sind weit verbreitet. Wer knapp einem Unglück entgeht, sagt auch ohne religiösen Hintergrund: „Da hast du einen guten Schutzengel gehabt.“

Ein Lostag im Bauernkalender

Auch im bäuerlichen Jahr hat der 2. Oktober seinen Platz. Er ist zugleich der Tag des heiligen Leodegar, und die Bauernregel dazu richtet den Blick schon auf das kommende Jahr: „Fällt das Laub auf Leodegar, so ist das nächste ein fruchtbar Jahr.“ So treffen sich an diesem Herbsttag zwei Formen der Zuversicht: das Vertrauen auf himmlischen Schutz und die Hoffnung auf eine gute Ernte.

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