
Sonstige Bräuche
Namenstag
von Clemens Gull
„Geburtstag hat jedes Kalberl, Namenstag nur ein Menschenkind“ – mit diesem alten Spruch erklärte man in Österreich gern, warum früher der Namenstag mehr zählte als der Geburtstag. Gemeint ist der Gedenktag jener heiligen Person, deren Namen man bei der Taufe erhalten hat. Wer Josef heißt, feiert am 19. März, ein Georg am 23. April zu Georgi, ein Michael am 29. September zu Michaeli und ein Martin am 11. November zu Martini.
Ein Heiliger als Wegbegleiter
Hinter dem Namenstag steht die Idee des Namenspatrons. Wer den Namen einer heiligen Person trägt, soll in ihr ein Vorbild haben und sich zugleich unter ihren besonderen Schutz gestellt wissen. Die Heiligen werden meist an ihrem Todestag verehrt, den die Kirche als Tag ihrer Geburt für den Himmel versteht. Ähnlich wie eine Pfarre ihr Patrozinium am Tag ihres Kirchenpatrons feiert, begeht der einzelne Mensch so den Festtag seines persönlichen Patrons.
Gibt es mehrere Heilige mit demselben Namen, hat man die Wahl. Ein alter Brauch empfiehlt, sich an jenen zu halten, dessen Gedenktag als nächster auf den eigenen Geburtstag folgt. Hinzu kommt, dass die Kalenderreform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil manche Gedenktage verlegt hat. Wer sich an den alten Kalender hält, feiert deshalb mitunter an einem anderen Tag als jemand, der dem neuen folgt.
Wie die Tradition entstand
In den ersten christlichen Jahrhunderten war es noch keineswegs selbstverständlich, Kindern Heiligennamen zu geben. Schon im 4. Jahrhundert riet der Kirchenvater Johannes Chrysostomus aber dazu, sich bei der Namenswahl an den Märtyrern zu orientieren. Im Mittelalter setzte sich dann vielerorts die Gewohnheit durch, ein Kind nach dem Heiligen jenes Tages zu benennen, an dem es geboren oder getauft wurde. Namenstag und Tauftag fielen so oft zusammen.
Zur festen katholischen Tradition wurde der Heiligenname in der Zeit der Gegenreformation. Im Auftrag des Konzils von Trient (1545–1563) erschien 1566 der Römische Katechismus, der Heiligennamen ausdrücklich empfahl und das mit dem Vorbild und der Fürsprache des Patrons begründete. Damit setzte sich die katholische Kirche auch von den Reformatoren ab, die die Heiligenverehrung ablehnten. Das Rituale Romanum von 1614 bekräftigte die Empfehlung und mahnte zugleich, „anstößige oder lächerliche Namen“ zu vermeiden.
Der Taufname im Pfarrbuch
In Österreich hatte der Taufname lange auch eine amtliche Bedeutung. Bis Ende 1938 führten die Religionsgemeinschaften die Geburtenbücher, bei Katholiken waren das die Taufbücher der Pfarren. Erst mit 1. Jänner 1939 übernahmen die staatlichen Standesämter die Beurkundung der Geburten. Bis dahin war der Name, den ein katholisches Kind am Taufbecken erhielt, im wörtlichen Sinn sein offizieller Vorname.
Gefeiert wird mit Kaffee und Kuchen
Früher war der Namenstag in katholischen Familien ein richtiges Fest. Man ging auch an einem Werktag in die Messe, danach kamen Verwandte und Freunde zu einem guten Essen oder zu Kaffee und Kuchen zusammen. Heute zünden manche an diesem Tag die Taufkerze an, schreiben Glückwunschkarten, überreichen kleine Geschenke oder erzählen den Kindern die Geschichte ihres Namenspatrons.
In den vergangenen Jahrzehnten hat der Geburtstag dem Namenstag auch in katholischen Gegenden weitgehend den Rang abgelaufen. Viele Namen werden heute nach Klang oder Mode ausgesucht, ohne an einen Heiligen zu denken. Ganz verschwunden ist der Brauch aber nicht: Auf dem Land wird der Namenstag vielerorts noch gefeiert, und in Polen, wo man die Imieniny traditionell mit Blumen und Besuch begeht, hat er bis heute einen festen Platz im Jahr.



