Madonna, Maria, Mutter Gottes
Einkehrbräuche

Herbergssuche

von Clemens Gull

Als Herbergssuche bezeichnet man in der christlichen Tradition die vergebliche Suche von Josef und Maria nach einer Unterkunft vor der Geburt Jesu. Die Grundlage ist eine knappe Stelle im Lukasevangelium, die berichtet, dass Maria ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen musste, weil kein Platz in der Herberge war. Aus dieser knappen biblischen Notiz heraus ist im Laufe der Jahrhunderte ein lebendiger Volksbrauch gewachsen.

Der Brauch hat seinen Ursprung in den mittelalterlichen Weihnachtsspielen als geistlichen und liturgischen Spielen und verselbständigte sich im 16. Jahrhundert. Die heutigen Formen der Herbergssuche haben ihren Ursprung in diesen mittelalterlichen Weihnachtsspielen, die vor allem von den Jesuiten weitergetragen und verbreitet wurden.

Aus dem Jesuitenorden heraus entwickelte sich eine besonders eindrückliche Variante: Meist neun Abende vor dem Heiligen Abend wurde ein Marienbild, eine geschnitzte Heilige Familie oder eine Marienstatue von der Kirche zu einer Familie gebracht, die ihr für einen Abend „Asyl“ gewährte. Damit sollte symbolisiert werden, dass die Menschen bereit waren, Jesus Platz in ihren Häusern zu geben.

Wie läuft die Herbergssuche ab?

Der Brauch kennt im Wesentlichen zwei Formen, die sich im Laufe der Zeit nebeneinander entwickelt haben.

Die ältere, spielerische Form ist eine szenische Darstellung: Dabei übernehmen zwei Kinder die Rollen von Maria und Josef, während der Vater oder ein älteres Kind den sie abweisenden Herbergsvater spielt. Meist gibt einer der bekannten Wechselgesänge dem Spiel den Rahmen, etwa das Lied Wer klopfet an?.

Die zweite, heute oft verbreitetere Form ist das Wandern einer Figur durch die Gemeinde: Eine Darstellung von Maria und Josef wird im Dorf von Haus zu Haus getragen und jeweils für einen Tag als Gast aufgenommen. In einem solchen Haus ist für die Marienfigur bereits ein kleiner Hausaltar vorbereitet. Im Haus wird gebetet, es werden Marienlieder gesungen, danach gibt es eine kleine Jause und ein gemütliches Beisammensein. Nach einer Stunde ist die kleine Feier beendet, und die Statue oder das Bild bleibt über Nacht in diesem Haus.

Regionale Besonderheiten im Alpenraum

Im Salzburger Land und in Tirol kennt man für diese wandernde Figur einen eigenen Begriff: das Frauentragen. Die Art des Frauentragens kann je nach Ort unterschiedlich sein. In einigen Orten wird das Fraubild vom Priester von Haus zu Haus getragen, in anderen Orten von Männern. In Rauris beispielsweise trugen sie die Figur früher sogar auf einer Tragkraxn. Dabei gibt es eine genaue Einteilung, in welcher Reihenfolge das Bild zu den Bauern getragen wird. Verwandte Bezeichnungen für denselben Brauch sind regional auch „Fraubeten“ oder „Frausingen“.

Der älteste schriftliche Nachweis im Land Salzburg über das Frauentragen fand sich nach dem Forschungsstand von 1972 erst im Jahr 1870. Das bedeutet aber nicht, dass der Brauch nicht älter ist, nur dass er bis dahin kaum schriftlich festgehalten wurde.

Allein in einer 180-Einwohner-Gemeinde im Bezirk Amstetten in Niederösterreich sind vier verschiedene Varianten des Herbergsuchens üblich, was zeigt, wie stark sich dieser Brauch regional ausdifferenziert hat.

Bedeutung heute

Mancherorts wurde der Brauch erst in den letzten Jahren wieder belebt oder neu eingeführt. Die Herbergssuche ist damit kein starres museales Ritual, sondern ein Brauch, der sich immer wieder neu erfindet. Pfarren, Familien und Nachbarschaften greifen ihn auf und gestalten ihn nach ihren Möglichkeiten.

Was dabei entsteht, ist mehr als eine religiöse Übung: In einer Zeit, in der Nachbarschaften oft anonym sind, schafft die Herbergssuche echte Begegnungen. Man klopft an, man wird eingelassen, man sitzt zusammen, singt und isst. Das Einfache daran hat seine eigene Kraft.