
Lärmbräuche
Neujahrsschießen
von Clemens Gull
Beim Neujahrsschießen – auch Böllerschießen, Salutschießen oder regional schlicht Neujahrssalut genannt – wird rund um den Jahreswechsel mit Vorderlader-Gewehren, Böllern oder Steinschlossgewehren in die Luft geschossen. Meist geschieht das zu Mitternacht, manchmal aber auch an den sogenannten Raunächten oder zum Dreikönigstag (6. Jänner).
Es ist kein zufälliges Schießen, sondern ein rituell verankerter Brauch, der in Schützenvereinen, Prangerstutzenvereinen und Böllerschützenkompanien gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Der Ursprung des Neujahrsschießens reicht weit zurück – wie weit genau, lässt sich nicht eindeutig belegen. Volkskundlich vermutet wird, dass der Brauch auf vorchristliche Vorstellungen zurückgeht: Lärm, Feuer und Knall sollten böse Geister, Dämonen und das Unheil des alten Jahres vertreiben. Der neue Jahresbeginn sollte buchstäblich „freigekämpft“ werden.
Mit der Verbreitung von Schusswaffen ab dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit bekam dieser Brauch eine neue Form. Anstatt mit Glocken, Töpfen und Lärminstrumenten übernahm die Schusswaffe die Funktion des Abwehrenden.
Ob das Schießen direkten Ursprung in bäuerlichen Schutzbräuchen oder eher in der Ehrenbekundung durch Salutschüsse hat – wie es auch bei Hochzeiten, Kirchweih oder dem Einzug von Würdenträgern üblich war –, lässt sich regional unterschiedlich beantworten. Wahrscheinlich flossen beide Traditionen ineinander.
Ablauf und typische Elemente
Das Herzstück des Brauchs ist das gemeinsame Böllern je nach Region zu einer bestimmten Zeit. Dabei stellen sich die Schützen – oft in Tracht – auf erhöhten Plätzen, Almwiesen, vor Kirchen oder auf Dorfplätzen auf. Gezielt wird immer in die Luft, niemals auf Ziele.
Typische Elemente:
- Der Vorderlader
Das klassische Werkzeug des Böllerschützen. Er wird von Hand geladen, mit Schwarzpulver bestückt und per Steinschloss oder Zündkapsel gezündet. Der satte, tiefe Knall unterscheidet ihn deutlich vom hellen Krachen eines Feuerwerks. - Die Schützenkette
Oft schießen mehrere Schützen nacheinander oder gleichzeitig, um einen langen Salut oder ein Echo durch die Berge zu erzeugen. - Dreischuss oder Siebenschuss
Mancherorts ist die Zahl der Schüsse rituell festgelegt. Drei Schüsse gelten als Ehrengruß, sieben als festliches Salut. Auch die Dreifaltigkeit soll damit symbolisiert werden.
Im Salzburger Tennengau, im Pongau und in Teilen des Salzkammerguts ist das Böllerschießen eng mit den Raunächten verknüpft. Dort wird nicht nur zu Neujahr, sondern auch in der Heiligen Nacht und zu Dreikönig geschossen. Die Raunächte gelten als Zeit, in der die Grenze zwischen den Welten besonders dünn ist – das Schießen soll diese Nächte schützen.
In Bayern pflegen vor allem die Gebirgsschützen und traditionellen Schützenvereine das Neujahrsschießen. Besonders bekannt sind die Salven der Gebirgsschützenkompanien, die auch bei politischen und kirchlichen Anlässen ihren Böllersalut abfeuern.
In Tirol und der Steiermark ist das Böllerschießen oft Teil größerer Festveranstaltungen, bei denen Tracht, Musik und der Jahreswechsel eng miteinander verbunden werden.
Bedeutung heute
Das Neujahrsschießen erlebt in vielen Regionen eine stabile, teils sogar wachsende Pflege. Böllerschützenvereine sind aktiv, Nachwuchs wird ausgebildet, und die Tradition wird bewusst als kulturelles Erbe verstanden. Gleichzeitig gibt es, besonders in städtischen Räumen, Diskussionen über Lärm und die Nähe zu Wohngebieten.
Was bleibt, ist das Grundgefühl: Der Knall markiert einen Übergang. Er ist laut, unüberhörbar und kollektiv. Er sagt: Das alte Jahr ist vorbei. Das neue beginnt und wir sind dabei.