Pfingstfeuer, Osterfeuer
Sonstige Bräuche

Osterfeuer

von Clemens Gull

Das Osterfeuer ist ein großes Brauchtumsfeuer, das in der Osternacht entzündet wird. In der katholischen Liturgie wird es am Ostersamstag vor der Kirche entfacht und steht symbolhaft für die Auferstehung Christi. An der geweihten Flamme wird anschließend die Osterkerze entzündet, die dann die ganze Messe über brennt.

Doch das Feuer hatte immer auch eine volkstümliche, gemeinschaftliche Seite. Im Alpenraum werden die Feuer vielerorts nach dem Besuch der Auferstehungsmesse oder nach der familiären Osterfeier in geselliger Runde entzündet. Es geht also nicht nur um Liturgie. Es geht ums Beisammensein, ums Draußensein, ums Licht nach langer Dunkelheit.

Herkunft

Als weltliche Volkssitte ist das Osterfeuer seit 1559 urkundlich bezeugt, geht aber auf deutlich ältere, vorchristliche Traditionen zurück. Der Brauch geht auf heidnische Frühlingsfeuer zurück, mit denen die Sonne begrüßt wurde, die nach der dunklen Winterzeit wieder länger zu sehen war und Fruchtbarkeit, Wachstum und Ernte versprach. Auch brennende Räder ließ man damals von Hügeln hinabrollen.

Die vorchristliche Vorstellung vom Feuer, das den Winter vertreiben und die Sonne als Sieger feiern sollte, wurde später christlich umgedeutet: auf Jesus Christus als Sieger über den Tod.

Dass diese Übernahme nicht reibungslos verlief, zeigt ein historisches Zeugnis: Im Jahr 739 berichtete der heilige Bonifatius über die Osterfeuer der Germanen, deren Brauchtum er mit großem Eifer auszurotten versuchte. Von da an weihte die Kirche das Osterfeuer und gab ihm damit ein christliches Gepräge. Eine klassische Strategie der frühen Kirchenmission: Nicht verbieten, sondern umdeuten.

Ein kleiner Hinweis zur Göttin Ostara, die in manchen Quellen als Ursprungsfigur des Osterfeuers genannt wird: Diese Verbindung ist und unter Volkskundlern umstritten. Die Gleichsetzung von „Ostern“ mit einer germanischen Frühlingsgöttin geht wesentlich auf Beda Venerabilis (8. Jahrhundert) zurück und wird seither diskutiert.

Wie läuft das Osterfeuer ab?

Das christliche Osterfeuer ist im deutschsprachigen Raum seit dem 11. Jahrhundert verbreitet. In seiner liturgischen Form wird es am Beginn der Osternacht-Feier vor der Kirche entzündet und gesegnet.
Volkstümlich gibt es zwei Hauptmomente: das Entzünden des großen Gemeinschaftsfeuers nach der Messe und das Heimbringen der geweihten Glut. Letzteres war früher kein bloßes Symbol, sondern praktische Notwendigkeit. Der heimische Herd sollte mit dem geweihten Feuer neu entfacht werden. Diesen Schritt hat die Modernisierung fast überall verdrängt. Fast überall.

Regionale Besonderheiten

Der Alpenraum bietet hier eine bemerkenswerte Vielfalt.

  • Der Salzburger Lungau
    hat eine der eindrucksvollsten Osterfeuer-Traditionen überhaupt. Hier werden in solider Blockbauweise vier bis sechs Meter hohe „Kästen“ gezimmert, also pyramidenförmige Holzgestelle, die innen mit Reisig oder anderen Baumabfällen gefüllt sind. Vor allem die Dorfjugend hilft beim Bauen mit. Tatsächlich können diese Konstruktionen bis zu zwölf Meter hoch werden. Mehrere Stunden lodern die Osterfeuer dann hoch hinaus und ziehen Schaulustige aus der ganzen Umgebung an. Zum Lungauer Osterfeuer gehört auch eine gerne erzählte Begebenheit: Als die Franzosen 1797 in das Gebiet eindrangen, sollen sie am Karsamstag von den lodernden Osterfeuern auf den Anhöhen ringsum so überrascht gewesen sein, dass sie sich von allen Seiten von Feinden umringt wähnten und Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Ob das so stimmt, lässt sich nicht mehr prüfen, aber die Geschichte sagt viel darüber aus, wie prägnant diese Feuer in der Landschaft wirkten.
  • In Oberösterreich
    hat sich in einigen Gemeinden ein anderer Brauch erhalten: In Reindlmühl, Traunkirchen oder Strobl werden sogenannte Weihscheitln im geweihten Osterfeuer angesengt. Das sind etwa 30 Zentimeter lange, zum Ende zugespitzte Fichtenspalten, die teils mit Aufschriften wie Herr, gib uns deinen Segen versehen werden.
  • In Unken im Pinzgau
    schließlich hat sich etwas erhalten, das im gesamten Alpenraum einzigartig ist: das Schwammtragen. Von der Buche werden Holzschwämme heruntergeschnitten, ein Jahr getrocknet und dann an einem Draht befestigt. Sie werden ins geweihte Osterfeuer gehalten, bis der Schwamm glüht.

Volkskundlich ist übrigens zu beachten, dass Osterfeuer keineswegs überall im Alpenraum gleich verbreitet sind. Laut dem Österreichischen Volkskundeatlas finden sich Osterfeuer vor allem im gesamten südösterreichischen Raum, insbesondere in Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland. In Nordtirol oder Salzburg gibt es an anderen Terminen ähnliche Jahresfeuer-Traditionen.

Das Osterfeuer heute

In Bayern, Tirol oder der Steiermark sind die Osterfeuer heute meist große, weithin sichtbare Gemeinschaftsfeuer, eindrucksvolle Inszenierungen, die den Winter symbolisch vertreiben und die Auferstehung feiern. Die ursprüngliche Funktion, das Heimbringen der geweihten Glut, ist dabei für die meisten Menschen in den Hintergrund getreten.

Gleichzeitig gibt es praktische Fragen, die man heute mitdenken muss. Das österreichische Luftreinhaltegesetz verbietet grundsätzlich das Verbrennen biologischer Materialien im Freien. Brauchtumsfeuer sind in einem bestimmten Zeitraum von diesem Verbot ausgenommen, sofern sie rechtzeitig angemeldet werden. Allerdings ist die Regelung von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich streng. Im Lungau, wo die Osterfeuer besonders dicht gesät sind, übernimmt die Berg- und Naturwacht die Kontrolle.