
Traditionen
Schifferstechen
von Clemens Gull
Beim Schifferstechen treten auf der Salzach zwei Mannschaften aus dem bayerischen Laufen und dem salzburgischen Oberndorf gegeneinander an: Auf flachen Flussbooten stehend versuchen sie, sich gegenseitig mit langen Stangen ins Wasser zu befördern. Der Wettkampf ist einer der wenigen noch lebendigen Zeugen der einstigen Salzachschifffahrt und wird bis heute meist Anfang August auf einer Flussschlinge bei Oberndorf ausgetragen.
Herkunft
Der Brauch wurzelt im Arbeitsalltag der Salzachschiffer und -flößer, die über Jahrhunderte Salz aus Hallein und andere Waren zwischen dem Erzstift Salzburg und Bayern flussabwärts transportierten. Weil dieses Gewerbe einträglich und zugleich gefährdet war, geht die Sicherung des Flusstransports bis auf das Jahr 1278 zurück: Damals stellte Erzbischof Friedrich II. von Walchen eine bewaffnete Wache auf, die den Salztransport auf der Salzach gegen Räuber absichern sollte. Aus dieser frühen Garde ging jenes Schifferschützen-Corps in Oberndorf hervor, das den Brauch bis heute betreut.
Das eigentliche Stechen ist deutlich jünger und dürfte aus dem Müßiggang der Schiffer selbst entstanden sein, offenbar als scherzhafte Nachahmung ritterlicher Turniere: Statt Pferd und Lanze dienten die eigenen Arbeitsgeräte – die flachen Zillen und die Stangen, mit denen sonst Flöße gesteuert wurden – als Turnierausrüstung. Schriftliche Spuren reichen bis ins späte 16. Jahrhundert zurück, eine gut dokumentierte Aufführung in Oberndorf ist für das Jahr 1640, während der Regentschaft von Fürsterzbischof Paris Lodron, überliefert.
Verbreitet war der Brauch einst auch in Hallein und in Laufen selbst, wo er allerdings schon im 19. Jahrhundert wieder in Vergessenheit geriet. Er reiht sich damit in eine größere Familie ähnlicher Wasserturniere ein, die unter dem Namen Fischerstechen auch in Städten wie Ulm, Bamberg, Nürnberg oder Worms bekannt waren. An der Salzach hat sich die Tradition jedoch bis heute allein in Oberndorf gehalten – gemeinsam mit dem historischen Nachbarn und Rivalen auf der anderen Flussseite, Laufen.
Ablauf
Austragungsort ist eine weite Kurve der Salzach beim Oberndorfer Ortsteil Altach – genau dort, wo der Fluss zugleich die Staatsgrenze zwischen Österreich und Bayern bildet. Auf beiden Seiten tritt je eine Mannschaft an, üblicherweise fünf bis sieben Männer stark, einmal aus Laufen, einmal aus Oberndorf. Ihre Tracht ist unverwechselbar: Barett, rote Schärpe, dazu Weiß von Kopf bis Fuß. Helfer rudern die Boote zur Flussmitte, wo jeweils zwei Kontrahenten am Heck ihrer Zille, dem sogenannten Gransel, Aufstellung nehmen.
Als Waffe dient eine rund zwei Meter lange, rot-weiß bemalte Stange – ursprünglich ein gewöhnliches Steuerholz der Flößer, im Turnier scherzhaft als „Lanze“ bezeichnet; eine gepolsterte Scheibe an der Spitze soll Verletzungen verhindern. Die Regel kennt keine Feinheiten: Wer von der Stange des Gegenübers aus dem Boot befördert wird, muss selbst an Land zurückschwimmen und ist damit aus dem Turnier. So kämpft sich Paar um Paar durch mehrere Runden, bis zuletzt nur zwei übrig bleiben – sie werden mit einer Rede und kleinen Erinnerungspreisen verabschiedet.
Umrahmt wird der Wettkampf von einem heiteren Programm: dem Wurstspringen, bei dem die Teilnehmer von der fahrenden Zille abspringen, um eine hoch über dem Wasser hängende Wurst zu erhaschen, sowie einer kleinen komischen Einlage, dem Hansl-und-Gretl-Spiel. Traditionell findet die Veranstaltung an einem Wochenende Anfang August statt, oft eingeleitet von einem Flussfest am Vorabend. Alle fünf Jahre wird das Programm zur größeren Piratenschlacht ausgebaut, einer vom Schifferschützen-Corps inszenierten Erweiterung des Brauchs.
Bedeutung heute
Die gewerbliche Salzschifffahrt auf der Salzach ist längst Geschichte, einen praktischen Zweck erfüllt das Schifferstechen daher nicht mehr. Gerade in seiner spielerischen, unernsten Art liegt aber sein Reiz: Der Volkskundler Karl Zinnburg beschrieb es bereits 1972 als „ein eigenartig lustiges Spiel“ ohne jeden dramatischen Anspruch.
Heute hält der Wettkampf vor allem die Erinnerung an die verschwundene Schifferzunft und an die enge Verbindung zwischen Laufen und Oberndorf wach – zwei Orte, die heute eine Staatsgrenze trennt, die aber jahrhundertelang derselbe Fluss, derselbe Erwerb und dieselben Bräuche verbunden haben. Getragen wird die Tradition weiterhin vom Schifferschützen-Corps Oberndorf, das auf jene Schutztruppe von 1278 zurückgeht und neben dem Schifferstechen auch die Plättenfahrten und die Sonnwend auf der Salzach ausrichtet.