
Lichtbräuche
Wintersonnwend
von Clemens Gull
Der Begriff kommt vom lateinischen solstitium „Sonnenstillstand“. An diesem Tag erreicht die Sonne ihren tiefsten Stand am Horizont und scheint kurz innezuhalten, bevor sie wieder höher steigt. Astronomisch gesehen ist die Wintersonnenwende der Moment, an dem die Nordhalbkugel der Erde am weitesten von der Sonne abgeneigt ist.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Dass Menschen die Sonnenwende begingen, lässt sich archäologisch weit zurückverfolgen. Megalithanlagen wie Stonehenge in England oder Newgrange in Irland sind so ausgerichtet, dass das Sonnenlicht zur Wintersonnenwende auf eine bestimmte Weise einfällt, ein deutliches Zeichen, wie wichtig dieser Moment für frühe Kulturen war.
Im Alpenraum selbst sind die Spuren weniger eindeutig greifbar, aber Volkskundler gehen davon aus, dass viele winterliche Bräuche, das Entfachen von Feuern, das Lärmtreiben, das Vertreiben böser Geister, ihre Wurzeln in dieser dunklen Jahreszeit haben.
Römische Einflüsse spielten ebenfalls eine Rolle: Das Fest Saturnalia und der Kult um den Sonnengott Sol Invictus („die unbesiegte Sonne“) wurden ebenfalls rund um den 25. Dezember gefeiert. Die frühe Kirche legte die Geburt Christi bewusst oder zumindest praktisch in diese Zeit: Das Licht, das in die Welt kommt, als Gegenentwurf zur dunkelsten Nacht.
Ablauf & typische Elemente
Feuer ist das zentrale Element der Wintersonnenwende in fast allen Kulturen, die diesen Tag begingen. Feuer bedeutete Wärme, Licht und die symbolische Einladung an die Sonne, wiederzukommen. Typische Elemente, die im volkskundlichen Kontext mit der Wintersonnenwende in Verbindung gebracht werden:
- Sonnwendfeuer
Auf Hügeln und Bergrücken entzündete Feuer, die weit ins Land leuchteten. - Immergrünes Grün
Tannenzweige, Stechpalme, Mistel und Efeu behielten ihr Grün, als alles andere abstarb. Sie galten als lebendiges Zeichen der Hoffnung auf Rückkehr des Lebens. - Raunächte
Die Nächte zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar, die eng mit der Wintersonnenwend-Zeit verbunden sind, galten als besonders kraftvoll, gefährlich und prophetisch. Hier löst sich die zeitliche Ordnung auf; alte Geister und neue Kräfte sind auf der Welt. - Lärmtreiben und Umzüge
Das laute Treiben in den Winterwochen, Peitschenknallen, Perchtenläufe, hat Volkskunde-Forscher immer wieder dazu verleitet, einen Zusammenhang mit dem Vertreiben der winterlichen Dunkelheit herzustellen. Ob das die ursprüngliche Bedeutung war, lässt sich heute nicht mehr eindeutig sagen.
Regionale Besonderheiten
Im alpinen Raum ist die Wintersonnenwende eng verwoben mit der Zeit der Raunächte und des Perchtenbrauchtums. Die Vorstellung, dass in der dunkelsten Zeit des Jahres übernatürliche Wesen umherzögen, sei es die Wilde Jagd, die Perchten, ist tief in der regionalen Volkskultur verwurzelt.
In manchen Gegenden Salzburgs und der Steiermark werden heute wieder bewusst Sonnwendfeiern organisiert, die an alte Bräuche anknüpfen wollen, teils von Heimatvereinen, teils einfach als Gemeinschaftsfest.
Bayern kennt vor allem das Herausnehmen des Adventslichts und verschiedene Lichtbräuche in dieser Zeit. Die genaue Abgrenzung, welche Elemente speziell auf die Sonnenwende zurückgehen und welche sich aus kirchlichem Advent und Weihnachten entwickelten, ist in der Alltagspraxis oft verwischt.
Bedeutung heute
Die Wintersonnenwende erlebt seit einigen Jahrzehnten eine gewisse Wiederentdeckung, getragen von sehr unterschiedlichen Menschen: Anhänger neuheidnischer Traditionen wie Wicca oder rekonstruierter germanischer Religiosität feiern sie als zentrales Fest. Aber auch Menschen ohne religiösen Hintergrund empfinden diesen Wendepunkt als etwas Bedeutsames, einen natürlichen Rhythmus, dem man sich verbunden fühlen kann.
Gleichzeitig löst die Sonnenwende manchmal die Frage aus, was „echt“ und was „rekonstruiert“ ist. Ehrliche Antwort: Vieles, was heute als alter Sonnwendbrauch präsentiert wird, ist eine moderne Neuinterpretation. Das macht es nicht wertlos, doch es lohnt sich, den Unterschied zu kennen.