Sonnwendfeuer
Lichtbräuche

Herz Jesu Feuer

von Clemens Gull

Die Herz-Jesu-Feuer sind Bergfeuer, die jedes Jahr am zweiten Sonntag nach dem Fronleichnamsfest, also am dritten Samstag oder Sonntag nach Pfingsten, in ganz Tirol entzündet werden. Sie stehen im Zusammenhang mit der sogenannten Herz-Jesu-Verehrung, einem zentralen Element der tief verwurzelten Volksreligiosität in dieser Region. Die Feuer gelten als sichtbares Zeichen eines historischen Gelöbnisses, das das Land Tirol im Jahr 1796 abgelegt hat. Heute werden sie in allen Teilen des historischen Tirol gepflegt, von Nord- und Osttirol über Südtirol bis ins Trentino und in einzelne ladinische Gemeinden.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Vorchristliche Wurzeln: Das Feuer gehörte zum Berg

Der Brauch, im Frühsommer auf den Bergen Feuer zu entzünden, geht auf vorchristliche Sonnwend- und Johannisfeuer zurück. In den Alpen war die Sommersonnenwende ein wichtiger Zeitpunkt im bäuerlichen Jahr. Die Sonne war unter den extremen Lebensbedingungen im Alpenraum entscheidend für Wachstum und Gedeihen von Natur und Mensch. Besonders wichtig im Lebensrhythmus waren die Sonnenwenden, die unter anderem durch das Entzünden großer Feuer gefeiert wurden. Mit dem Einzug des Christentums wandelten sich diese Brauchformen: Die Sonnwendfeuer wurden zum Johannisfeuer, dem Fest Johannes des Täufers am 24. Juni. Das Feuer auf dem Berg blieb, der Name und die Bedeutung änderten sich.

Das Gelöbnis von 1796

Der entscheidende Wendepunkt kommt aus einer konkreten historischen Notlage. Im Frühjahr 1796 traf der Krieg gegen Napoleon das Land Tirol vollkommen überraschend und unvorbereitet. Die Tiroler verfügten zwar über das Privileg, das Kaiser Maximilian I. im „Landlibell“ festgesetzt hatte, nämlich an keinen Kriegen außerhalb des Landes teilnehmen zu müssen, dafür aber die eigene Landesverteidigung selbst zu organisieren. Dieses Privileg hatte über Generationen gut funktioniert, doch nun stand Napoleons Heer vor der Tür.

Vom 30. Mai bis 1. Juli 1796 trat ein 24-köpfiger Ausschuss der Tiroler Landstände in Bozen zusammen, um über die Situation zu beraten. Dort erhob sich eine Stimme mit einem ungewöhnlichen Vorschlag: Es war ursprünglich die Idee des Pfarrers Anton Paufler aus Wildermieming, die der Stamser Abt Sebastian Stöckl aufgriff und dem Tiroler Landtag vorschlug, das Land dem „Heiligsten Herzen Jesu“ anzuvertrauen, um so göttlichen Beistand zu erhalten. Dieser Vorschlag wurde von den Ausschussmitgliedern einstimmig angenommen. Das Gelöbnis sollte jährlich erneuert werden. Als Festtag wurde der zweite Freitag nach Fronleichnam festgelegt.

Andreas Hofer und der Sieg am Bergisel

Andreas Hofer erneuerte das Gelöbnis vor der Schlacht am Bergisel 1809 gegen die Franzosen und Bayern als einigendes Band unter den Tirolern. Hofers Truppen siegten, und dies machte den Herz-Jesu-Sonntag zum hohen Feiertag. Aus einem Notgelöbnis in einer Kriegssituation war damit ein fester Bestandteil der tirolerischen Identität geworden.

Die Feuer kommen später dazu

Ein wichtiger Hinweis für alle, die meinen, die Bergfeuer seien von Anfang an Teil des Brauchs gewesen: Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert werden auf den Bergen Tirols Herz-Jesu-Feuer als Zeichen der Erneuerung des Gelöbnisses von 1796 entzündet. Das Gelöbnis selbst ist also deutlich älter als die Feuerpraxis, die wir heute kennen. Damals nutzte man Bergfeuer als Signalmittel, um den Landsturm einzuberufen. Diese Signalfeuer hatten aber auch etwas Überirdisches an sich, sodass sie anlässlich des Herz-Jesu-Festtags entzündet wurden und die Sonnwendfeuer dabei zunehmend in den Hintergrund traten.

Ablauf und typische Elemente

Der Herz-Jesu-Sonntag

Der Festtag beginnt mit einem feierlichen Gottesdienst. Die Tiroler Landesregierung erneuert das Gelöbnis jedes Jahr bei einem Landesgelöbnisgottesdienst in der Jesuitenkirche in Innsbruck. Dabei wird das Gebet zur Gelöbniserneuerung gesprochen und ein Lied gesungen, das erstmals bei der 100-Jahrfeier 1896 erklang.

Die Feuer auf den Bergen

Am Abend des Herz-Jesu-Sonntags beginnt das eigentliche Spektakel. Freiwillige, häufig organisiert durch Bergsteiger- und Schützenvereine, tragen Holz, Laternen und Brennmittel auf die Berghänge und Gipfel. Die Feuer werden in Form von Herzen, Kreuzen oder den Zeichen Christi, also „INRI“ oder „IHS“, angeordnet. In Innsbruck und Umgebung werden sie auf den höchsten Berggipfeln entzündet. Einige Gruppen verbringen die Nacht auf den Bergen, damit die Feuer sicher abbrennen.

Ein dunkles Kapitel: Die Feuernacht 1961

Dieser Abschnitt gehört zur ehrlichen Darstellung des Brauchs. Am Herz-Jesu-Festtag 1961 sprengten Aktivisten des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) im Rahmen der sogenannten „Feuernacht“ 37 Strommasten in Südtirol. Die Wahl dieses symbolisch hoch aufgeladenen Datums war bewusst und zeigt, wie eng religiöse Symbole und politische Identität in der Südtiroler Geschichte verknüpft waren. Der Brauch wurde damit instrumentalisiert. Diese Dimension sollte nicht verschwiegen werden, wenn man über die Herz-Jesu-Feuer schreibt.

Bedeutung heute

Aus dem ursprünglich religiösen Gedanken ist heute ein Brauchtum geworden, das auch touristisch vermarktet wird. Das klingt nüchtern, beschreibt aber eine Entwicklung, die viele traditionsreiche Bräuche durchmachen. Für die meisten Tiroler sind die Herz-Jesu-Feuer beides: ein Stück kollektiver Erinnerung und ein Gemeinschaftserlebnis. Wer auf einer sommerlichen Hüttenwanderung erlebt, wie nach Einbruch der Dunkelheit an den gegenüberliegenden Hängen die Feuer aufflackern, begreift ohne lange Erklärungen, warum dieser Brauch seit über 200 Jahren lebt.