Herz Jesu Sonntag
Sonstige Bräuche

Herz Jesu Sonntag

von Clemens Gull

Der Herz-Jesu-Sonntag ist der dritte Sonntag nach Pfingsten und in Tirol ein hoher Festtag: An ihm erneuern Land, Kirche und Schützen jährlich ein Gelöbnis, mit dem sich Tirol 1796 in höchster Not dem Schutz des Heiligsten Herzens Jesu anvertraute. Am Vorabend und am Festtag selbst brennen auf zahlreichen Bergen die sogenannten Herz-Jesu-Feuer – dieser Feuerbrauch hat sich jedoch als eigenständige Tradition entwickelt und wird an anderer Stelle ausführlich behandelt. Der Herz-Jesu-Sonntag selbst ist zunächst ein kirchlicher und landespolitischer Erinnerungstag, getragen von Gottesdienst, Gelöbnis und Gemeinschaft.

Die Verehrung des Herzens Jesu reicht als religiöse Idee weit über Tirol hinaus zurück. Schon in mittelalterlicher Mystik galt das Herz als Sitz der göttlichen Liebe, doch zu einer eigenen, weit verbreiteten Frömmigkeitsform wurde sie erst im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Ausschlaggebend waren die Visionen der Ordensfrau Margareta Maria Alacoque, die 1673 im burgundischen Kloster Paray-le-Monial das Herz Christi von Flammen umgeben und von einer Lanzenwunde gezeichnet gesehen haben will. Über den Orden der Jesuiten verbreitete sich diese Andachtsform in den folgenden Jahrzehnten in weiten Teilen des katholischen Europas und wurde später auch offiziell in den Festkalender der Kirche aufgenommen, als Fest am Freitag nach der Fronleichnamsoktav.

In Tirol erhielt diese allgemeine Frömmigkeit 1796 eine ganz konkrete, politische Zuspitzung. Als im Frühjahr jenes Jahres die Truppen Napoleons dem Land bedrohlich nahekamen, suchte man in Innsbruck und Bozen nach einem letzten Ausweg. Den entscheidenden Anstoß gab der Pfarrer von Wildermieming (Anton Paufler), der die Idee einer Landesweihe an das Herz Jesu vorschlug; der Stamser Abt griff den Gedanken auf und brachte ihn vor einen eigens einberufenen Ausschuss der Tiroler Landstände. Dieser fasste den Beschluss, das Land dem Schutz des „Heiligsten Herzens Jesu“ zu unterstellen – verbunden mit dem Versprechen, dieses Gelöbnis von nun an jedes Jahr feierlich zu erneuern.

Endgültig in die kollektive Erinnerung eingeschrieben hat sich das Gelöbnis erst durch die Ereignisse von 1809. Als Andreas Hofer und seine Truppen gegen die mit Napoleon verbündeten Bayern und Franzosen zogen, erneuerten sie zuvor das Herz-Jesu-Gelöbnis – und der überraschende Sieg am Bergisel wurde vielerorts als Bestätigung des göttlichen Beistands gedeutet. Aus einem Notgelöbnis in akuter Kriegsgefahr wurde damit ein fixer Bestandteil der Tiroler Landesidentität, der bis heute in allen Teilen des historischen Tirol – Nord-, Ost- und Südtirol ebenso wie im Trentino – gepflegt wird.

Im Zentrum der heutigen Feier steht der Landes-Gelöbnisgottesdienst, der traditionell in der Innsbrucker Jesuitenkirche stattfindet. Neben dem Bischof nehmen die Tiroler Landesregierung, Abordnungen der Schützenkompanien, Musikkapellen und Traditionsverbände teil. Gesprochen wird ein eigenes Gelöbnisgebet, gesungen ein Gelöbnislied, das erstmals zur Hundertjahrfeier 1896 erklang. Parallel dazu feiern viele Tiroler Pfarren an diesem Sonntag eigene Festgottesdienste mit lokalen Schützenkompanien. Eine Ausnahme bildet die Gemeinde Weerberg, die dem alten Kalender folgend nach wie vor an einem Freitag feiert und dabei eine der größten Glocken des Landes läuten lässt.

Zu dieser historischen Grundlage ist in den vergangenen Jahren eine zusätzliche, zeitgemäße Lesart hinzugekommen. Ein kirchlich getragener Gedächtnisverein hat den Festtag 2016 mit dem Motto „Offene Herzen” verknüpft und ihn dadurch zusätzlich zu einem Tag der Herzlichkeit gemacht, an dem freiwilliges Engagement und Nächstenhilfe im Vordergrund stehen. So verbindet der Herz-Jesu-Sonntag heute mehrere Ebenen: religiöse Verehrung, historisches Landesgedächtnis und eine bewusst gepflegte Gemeinschaftskultur, die weit über den engeren kirchlichen Rahmen hinausreicht.