Andreasgebet

Das Andreasgebet – wohl der bekannteste Brauch, besonders in Österreich verbreitet: Man schaute ins Feuer oder in einen Spiegel und sprach dabei folgendes Sprüchlein auf:

Heiliger Andreas, ich bitt‘ dich,
Bettstatt, ich tritt dich,
lass mir erscheinen den Herzallerliebsten mein!

Apfelorakel

Das Apfelorakel war eines der beliebtesten Liebesorakel der Andreasnacht – und eine der ältesten Verbindungen zwischen einer schlichten Frucht und der Sehnsucht nach dem, was noch kommen mag.

Das Apfelorakel ist ein Heirats- und Liebesorakel, das in der Andreasnacht (Nacht auf den 30. November) praktiziert wurde. Es gibt davon mehrere Varianten – gemeinsam ist ihnen der Apfel als Mittler zwischen dem Mädchen und seinem unbekannten Zukünftigen.

Wer Genaueres über seinen künftigen Partner erfahren wollte, versuchte es mit dem weit verbreiteten Apfelorakel: Hierzu wurde ein Apfel so geschält, dass die Schale ein unzerschnittenes, langes Band bildete. Dieses wurde anschließend nach hinten über die linke Schulter geworfen. Aus der Lage der Apfelschale konnte dann mit etwas Phantasie der Anfangsbuchstabe des Zukünftigen erahnt werden.

Das Entscheidende lag im Werfen – und im Deuten. Die Schale durfte dabei nicht reißen. Die Schale wirft das Mädchen mit der rechten Hand über die linke Schulter rückwärts über den Kopf: Es ersieht dann aus der Figur der Schale den Anfangsbuchstaben des künftigen Geliebten.

Die Varianten des Apfelorakels

Das Apfelorakel war kein einheitlicher Brauch – es gab davon mehrere Spielformen, die je nach Region und Gelegenheit unterschiedlich praktiziert wurden.

  • Die Apfelschale
    Die weitaus bekannteste Form, wie oben beschrieben: Schälen, werfen, deuten.
  • Die Apfelhälfte unter dem Kopfkissen
    Ein Mädchen erbat sich in der Andreasnacht von einer Witwe einen Apfel, teilte ihn schweigend in zwei Hälften, aß die eine davon und legte die andere unter das Kopfkissen, um den Zukünftigen im Traum zu sehen.
  • Drei Namen auf drei Äpfeln
    Kannte eine Frau drei Heiratskandidaten und konnte sich nicht für einen entscheiden, schrieb sie in der Andreasnacht die drei Namen getrennt auf drei Äpfel und legte die Früchte unters Kopfkissen. Von welchem sie dann träumte – der war der Richtige.
  • Apfelkerne ins Feuer
    Während ein Mädchen den Namen des Angebeteten murmelte, warf sie Apfelkerne ins Feuer. Platzten in der Hitze die Kerne hörbar, durfte sie auf Gegenliebe hoffen – verbrannten diese ohne Geräusch, konnte sie sicher sein, dass ihr die kalte Schulter gezeigt wurde.

Warum ausgerechnet der Apfel?

Der Apfel ist keine zufällig gewählte Frucht. Er ist eine der symbolisch aufgeladensten Früchte des europäischen Kulturraums überhaupt.

Als Sinnbild der Fruchtbarkeit und Liebe galt der Apfel im Altertum – und ebenso als verbotene Frucht im Paradies, damit als Symbol der Erbsünde und der Sinneslust. Dass ausgerechnet die Frucht, mit der Liebe, Verführung und Lebenskraft verbunden wurden, im Liebesorakel zum Einsatz kam, ist kein Zufall.

Wilde beziehungsweise verwilderte Apfelbäume waren schon zu Tacitus‘ Zeiten in Germanien einheimisch. Um den Apfelbaum haben sich heidnische Gebräuche früh gewoben, und auch die hohe Bedeutung des Apfels in der germanischen Mythologie bestätigt das.

Da das Teilen eines Apfels als Zeichen der Liebe gilt, teilt das ledige Mädchen einen Apfel, den sie sich von einer Witwe erbettelt hat. Das Teilen eines Apfels mit jemandem war also – lange vor dem Orakel – schon selbst eine Geste der Zuneigung. Das Orakel machte daraus ein Ritual.

In der Andreasnacht – und darüber hinaus

Das Apfelorakel war kein reiner Andreastags-Brauch. Die Schale konnte das Mädchen an dem Andreas-, Christ– oder Sylvesterabend abschälen – das Orakel funktionierte an all diesen Lostagen (Losnächten). Der Andreastag war jedoch der bevorzugte Termin, da er als erste große Losnacht des Jahres galt und damit besondere Weissagungskraft zugeschrieben bekam.

Bedeutung heute

Das Apfelorakel ist heute kaum noch lebendig – jedenfalls nicht als ernsthaft gemeintes Brauchtum. Als Spielform zu Silvester oder in pädagogischen Brauchtumsprojekten taucht die Apfelschalen-Variante gelegentlich noch auf.

Was bleibt, ist die Geschichte hinter dem Brauch: die Frage junger Frauen nach ihrer Zukunft, der Versuch, etwas Ungewisses in eine Form zu bringen – und sei es eine zufällig gefallene Apfelschale. Darin liegt eine tiefe, sehr menschliche Logik. Man weiß, dass der Buchstabe Zufall ist. Aber man schaut trotzdem hin.

Bleigießen

Beim Bleigießen wird ein kleines Stück Blei (früher) oder Wachs bzw. Zinn (heute) in einem Löffel über einer Flamme erhitzt, bis es flüssig wird. Dann schüttet man es rasch in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Die Schmelze erstarrt in einer zufälligen Form – und genau diese Form wird gedeutet.

Ein Ring? Heirat oder Bindung. Ein Schiff? Reise oder Aufbruch. Ein Kreuz? Unglück oder Trauer. Ein Herz? Liebe. Ein runder Klumpen? Glück und Fülle.

Die Deutungen sind nicht starr festgelegt, sondern wurden und werden von Familie zu Familie, von Region zu Region etwas anders ausgelegt. Manchmal wird auch der Schatten der Form an die Wand geworfen und interpretiert, der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Herkunft

Die Wurzeln des Bleigießens reichen weit zurück. Schon in der Antike war das Gießen von Metallen in Wasser eine Form der Weissagung, die sogenannte Molybdomantie (von griechisch molybdos = Blei). Im deutschsprachigen Raum lässt sich der Brauch als Silvesterritual mindestens bis ins späte Mittelalter zurückverfolgen.

Manche Volkskundler sehen im Bleigießen eine Verbindung zu vorchristlichen Deutungspraktiken, bei denen Naturmaterialien – Wasser, Feuer, Metall – als Mittel galten, um Kräfte jenseits des Alltags zu befragen. Mit der Christianisierung wurde der Brauch nicht verboten, sondern still geduldet, weil er als harmloses Volksvergnügen galt.

Ab dem 19. Jahrhundert war das Bleigießen in weiten Teilen des deutschsprachigen Raums als Silvesterbrauch fest etabliert – in bäuerlichen Haushalten ebenso wie in städtischen Familien.

Ablauf und typische Symbole

Der Ablauf ist denkbar einfach, der Reiz liegt im Ungewissen:

  1. Kleines Metallstück (früher Blei, heute Wachs oder Zinn) in einen Löffel legen
  2. Löffel über einer Kerze erhitzen, bis das Material schmilzt
  3. Flüssigkeit rasch in eine Schüssel mit kaltem Wasser gießen
  4. Die entstandene Form aus dem Wasser heben und deuten

Manche Deutungen sind weit verbreitet, andere regional oder familiär überliefert. Einige klassische Symbolformen:

  • Ring oder Kreis
    Heirat, Partnerschaft, Vollendung
  • Herz
    Liebe, Zuneigung
  • Schiff oder Flugzeug
    Reise, Veränderung, Aufbruch
  • Kreuz
    Unglück, Tod, schwere Zeit
  • Stern
    Glück, Erfolg
  • Schlange oder Ring
    Feind im Verborgenen oder ewige Wiederkehr
  • Kugel oder runder Klumpen
    Fülle, Wohlstand
  • Baum
    Verwurzelung, Familie, Wachstum

Viele Familien haben ihre eigenen überlieferten Deutungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die oft mehr über die Hoffnungen der Familie verraten als über das tatsächlich kommende Jahr.

Regionale Besonderheiten

Im bäuerlichen Voralpenland war das Bleigießen nicht nur Unterhaltung, sondern ein ernst genommener Brauch. Besonders bei unverheirateten jungen Frauen galt das Bleigießen als Möglichkeit, einen Hinweis auf den künftigen Ehemann zu erhalten, ähnlich wie das Schuhwerfen zu Weihnachten oder das Orakel mit dem Apfelschalen.

In manchen Gegenden Salzburgs und Tirols wurde das Gießen traditionell von der ältesten Frau des Hauses durchgeführt, der die meiste Erfahrung bei der Deutung zugesprochen wurde. Ob das Schmelzgut im Uhrzeigersinn oder dagegen gegossen wurde, war mancherorts ebenfalls bedeutsam.

In Bayern war das Bleigießen besonders in der Vorweihnachtszeit und zu Silvester lebendig. Historische Jahrmärkte und Christkindlmärkte boten mitunter fertige Gießsets an, ein früher Vorläufer der heutigen Supermarkt-Silvestersets.

Das Ende des Bleis und der Beginn des Wachses

Da Blei ein gesundheitsschädliches Schwermetall ist, wurde das klassische Bleigieß-Set in Deutschland 2018 verboten und vom Markt genommen. In Österreich folgte eine ähnliche Entwicklung. Seither sind Wachsgießsets oder Zinngießsets im Handel erhältlich, die Deutungspraxis ist identisch geblieben, das Handlingsmaterial harmloser.

Manche Traditionstreue bedauern den Wandel, andere begrüßen ihn. In der Praxis merkt kaum jemand einen Unterschied: Der Zauber des Moments, das Zischen beim Eintauchen, das Warten auf die Form, das gemeinsame Rätseln, bleibt derselbe.

Bedeutung heute

Das Bleigießen, oder Wachsgießen, wie es heute korrekter heißt, ist eines der wenigen Bräuche, die sich trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen hartnäckig gehalten haben. Nicht weil die Menschen tatsächlich an die Vorhersage glauben, sondern weil der Brauch etwas leistet, das in der Silvesternacht gebraucht wird: Gemeinschaft, Leichtigkeit, das spielerische Nachdenken über das Kommende.

In einer Zeit, in der der Jahreswechsel oft mit Druck, großen Vorsätzen und Überforderung verbunden ist, bietet das Gießen einen Moment der Entschleunigung. Man schaut auf eine zufällige Form im Wasser und lacht. Oder denkt kurz nach. Und das ist vielleicht genug.

Philippinacht

Die Philippinacht bezeichnet im im Voralpenland die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Der Name leitet sich vom kirchlichen Gedenktag der Heiligen Philippus und Jakobus am 1. Mai ab. In der Volksüberlieferung ist die Bezeichnung regional gebräuchlich.

Während die Walpurgisnacht in vielen Regionen namentlich dominiert, ist Philippinacht eine lokale Bezeichnung, die denselben Zeitraum meint, jedoch stärker kirchlich benannt ist. Inhaltlich sind die Motive sehr ähnlich.

Ursprünglich eine „Freinacht“, in der Burschen für Ordnung sorgen sollten, indem sie nicht weggeschlossene Gegenstände einsammelten, die dann die Besitzer am nächsten Tag abholen mussten.
Dabei ziehen sie nachts durchs Dorf und verstellen Wagen, Bänke, Tonnen oder Gartengeräte bzw. sammeln „wandernde Gegenstände“ an zentralen Plätzen. Aber alles passiert ohne Beschädigung.

In vielen Gegenden beginnt oder endet die Nacht mit dem Bewachen bzw. Vorbereiten des Maibaums und ach dem Verhindern des Maibaumdiebstahls. Diese Nacht gilt als besonders „kritisch“ für den Maibaum.

Der Brauch ist vielerorts in Unfug und Vandalismus umgeschlagen, wobei auch Sachen zerbrochen und größere Schäden angerichtet werden. Trachten- und Brauchtumsvereine versuchen, den ursprünglichen Sinn des Brauchs wieder zu vermitteln. 

Sankt Kathrein stellt den Tanz ein

Am letzten Samstag vor dem 25. November füllen sich in vielen Alpenorten noch einmal die Tanzböden, bevor für Wochen Stille einkehrt. Der Kathreintanz gilt als letzter Tanz des Jahres, danach beginnt traditionell eine tanzfreie Zeit bis zum Jahreswechsel. Ihren Namen verdankt die Tanznacht der heiligen Katharina von Alexandrien: Ihr Gedenktag am 25. November zählt zu den letzten kirchlichen Festtagen vor der besinnlichen Adventszeit.

Herkunft: Kathrein stellt den Tanz ein

Grund für den plötzlichen Stopp ist der Advent: Die katholische Kirche behandelte ihn jahrhundertelang wie eine zweite, kleinere Fastenzeit – eine „geschlossene Zeit“, in der weltliche Vergnügungen wie öffentliche Bälle nicht erwünscht waren. Zwischen dem Kathreintag und dem Dreikönigstag ruhten deshalb Musik und Tanz in den Gemeinden; im Volksmund hieß es bildhaft, Bass und Geigen würden für diese Wochen weggesperrt. Genau dieses abrupte Ende hat sich im Spruch „Kathrein stellt den Tanz ein“ bis heute erhalten: Wer sich vor der stillen Zeit noch einmal auf dem Parkett austoben wollte, tat das am Vorabend oder direkt am Kathreintag selbst.

Verbreitung und heutige Praxis

Verbreitet ist der Kathreintanz bis heute in den deutschsprachigen Alpenländern und im fränkischen Raum. Als tatsächliches Verbot mit rechtlicher Wirkung ist die alte Regelung inzwischen so gut wie verschwunden – übrig geblieben ist sie nur noch an den stillen Tagen des Jahres. Als gesellschaftliches Ritual pflegen aber nach wie vor zahlreiche Heimat-, Trachten- und Volksmusikvereine den Kathreintanz als festen Termin im Vereinskalender, bei dem alpenländische Rundtänze wie Walzer, Polka, Boarischer, Zwiefacher und Dreher das Programm bestimmen.

Zu den bekanntesten Veranstaltungen zählt der Wiener Kathreintanz, der seit 2011 im Palais Ferstel stattfindet und mit rund tausend Teilnehmenden zu den größeren Terminen im Trachten- und Volkstanzkalender gehört, dort verbinden sich österreichische Volkstänze mit beliebten Rundtänzen für alle. Auch München veranstaltet, organisiert vom städtischen Kulturreferat, einen traditionsreichen Kathreintanz im Hofbräuhaus, bei dem etablierte Tanzgruppen ebenso mitwirken wie einzelne Gäste. In Meran im Südtiroler Kurhaus schließt der Kathreintanz die dortige Tanzsaison ebenfalls feierlich ab.

So ist der Kathreintanz heute weniger ein tatsächliches Innehalten vor einer strengen Fastenzeit als vielmehr ein bewusst gepflegtes Ritual: ein letztes, ausgelassenes Fest, bevor mit dem Advent eine ruhigere, besinnlichere Zeit beginnt.

Schuhorakel

Das Schuh-Orakel ist ein Losorakel, das im Rahmen der sogenannten Andreasnacht praktiziert wurde. Die Schuhe der Mädchen wurden geworfen mit dem Spruch:

Schuah aus, Schuah ein,
wo wer i übers Johr sein?

Wenn die Schuhspitze ins Zimmer schaute, blieb das Mädchen im Haus – wenn der Schuh hinauszeigt, würde es heiraten.

Die Andreasnacht ist die Nacht zum 30. November, dem Todestag des hl. Andreas. Nach altem Volksglauben ist diese Nacht als sogenannte Losnacht besonders dazu geeignet, den gewünschten künftigen Ehepartner zu erkennen – weil der hl. Andreas nicht nur Schutzheiliger der Fischer, sondern auch der Liebenden und des Ehestandes ist.

Das Schuh-Orakel steht in einer langen europäischen Tradition der Bewegungsorakel: Die Richtung, in die ein zufällig geworfener Gegenstand zeigt, gilt als Zeichen. Der Schuh als Symbol ist dabei kein Zufall – er steht für Fortbewegung, für Aufbruch, für den Weg ins Leben. Schuhspitze hinaus bedeutet: Du gehst. Schuhspitze hinein bedeutet: Du bleibst.