
Lärmbräuche
Böllerschießen
von Clemens Gull
Beim Böllerschießen wird geschossen, ohne dass etwas getroffen werden soll. Im Lauf steckt kein Geschoss, sondern nur Schwarzpulver, fest verschlossen mit einem Pfropfen. Was den Lauf verlässt, ist allein der Knall. Das Wort ist ein Sammelbegriff: Es meint nicht einen bestimmten Festtag, sondern die Art des Schießens selbst, das Gerät dazu und die Menschen, die es bedienen. Wann und wozu geböllert wird, das regeln dann die einzelnen Bräuche, vom Neujahrsschießen bis zum Salut bei der Hochzeit.
Woher das Wort kommt
Das Wort ist älter als die Pulvergeschütze. Im Mittelhochdeutschen bezeichnete „boler“ oder „pöler“ eine Schleudermaschine, abgeleitet von einem Zeitwort „boln“ für rollen, werfen, schleudern. Als die Feuergeschütze aufkamen, wanderte der Name auf den Mörser über, der Steinkugeln verschoss, und im 19. Jahrhundert verstand man darunter ein Geschütz kleinen Kalibers. Dass heute auch der Feuerwerkskörper aus dem Supermarkt „Böller“ heißt, ist die jüngste Stufe dieser Wortgeschichte und hat mit dem Brauch nichts zu tun.
Vom Kriegsgerät zum Festlärm
Wie alt das festliche Schießen ist, lässt sich nicht aufs Jahr genau sagen. Schützenverbände und Böllerbauer führen den Brauch meist auf das 14. und 15. Jahrhundert zurück, also auf die Zeit, in der Pulverwaffen überhaupt verfügbar wurden. Für das Land Salzburg beschreibt die Österreichische UNESCO-Kommission den Hintergrund so: Das Schützenwesen wurzelt in den Bürgerwehren der Städte und Märkte, und vor rund vierhundert Jahren bürgerte es sich ein, diese Schützen auch zu weltlichen und kirchlichen Festen ausrücken zu lassen. Als Vorbild gilt der militärische Salut, mit dem man in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges Feldherren ehrte.
Gern wird erzählt, der Lärm habe ursprünglich böse Geister vertreiben sollen. Das liest man in beinahe jeder Vereinschronik, belegen lässt es sich kaum. Greifbar ist in den Quellen etwas anderes: Geschossen wurde zur Ehre und zur Freude. Ungefährlich war das nie, im fränkischen Ansbach etwa wurde das Böllern 1696 wegen seiner Gefährlichkeit verboten.
Handböller, Standböller, Kanone
Böller ist nicht gleich Böller. Drei Gruppen lassen sich unterscheiden:
- Handböller werden beim Schuss in der Hand gehalten. Ihr Kaliber liegt meist zwischen 10 und 25 Millimetern, die Ladung je nach Größe bei etwa 10 bis 30 Gramm Schwarzpulver.
- Standböller stehen am Boden, einläufig oder mit mehreren Rohren.
- Böllerkanonen sind Geschütze auf Lafette, als Vorder- oder Hinterlader gebaut.
Standböller und Kanonen sind die Großen unter den Böllern: Ihre Kaliber reichen bis etwa 100 Millimeter und darüber, die Ladungen bis zu mehreren hundert Gramm.
Im Salzburgischen kommt eine eigene Unterscheidung dazu, die man auf den ersten Blick sieht: Der Handböller hat einen Griff, der Prangerstutzen dagegen einen Schaft wie ein Gewehr. Beide sind Vorderlader. Verschlossen wird die Ladung in Deutschland mit Kork, weil dort kein anderes Material mehr zugelassen ist, in Österreich mit Papier oder Holzstoppeln.
Ein Handwerk aus Stahl und Nussholz
Ein Böller ist kein Massenprodukt. In Kuchl im Tennengau etwa fertigt ein Schlossermeister seit 1999 Handböller und stellt dabei sämtliche Teile selbst her: den gedrehten Lauf aus rostfreiem Stahl mit 14 bis 20 Millimetern Kaliber, das Perkussionsschloss, den Griff aus heimischem Nussholz, das hart und zäh genug ist, um den Rückstoß auszuhalten. Dazu kommen Gravuren mit Wappen, Initialen oder Jahreszahlen und geschnitzte Verzierungen vom Eichenblatt bis zum Edelweiß. Manches Stück ist damit ebenso sehr Festtagsschmuck wie Schießgerät, und nicht wenige alte Stutzen werden in den Familien weitervererbt. Die UNESCO-Kommission erwähnt Exemplare, die über zweihundert Jahre alt und noch immer im Einsatz sind.
Bevor ein Böller zum ersten Mal kracht, muss er zum Beschussamt. Dort wird er geprüft, gekennzeichnet und registriert. In Deutschland ist diese Prüfung alle fünf Jahre zu wiederholen.
Wann geböllert wird
Die Anlässe folgen dem Jahres- und dem Lebenslauf. Im Land Salzburg begleiten die Schützen die Fronleichnamsprozession und den Prangtag, sie schießen zu Hochzeiten, runden Geburtstagen und Empfängen, zur Kirchweih und, als letzte Ehre, am offenen Grab.
Am dichtesten wird der Kalender im Winter. Am 24. Dezember wird zu Mittag das Christkind angeschossen, am 31. Dezember folgt das Sternschießen, das nur in der Stadt Salzburg, im Flachgau und im Tennengau üblich ist, und viele Kompanien begrüßen auch das neue Jahr mit einem Salut. Gleich hinter der Grenze, im Berchtesgadener Land, schießen die Weihnachtsschützen ab dem 17. Dezember täglich um drei Uhr nachmittags und am Heiligen Abend in der halben Stunde vor Mitternacht, ehe die Christmette beginnt. Ihre siebzehn Vereine sind seit 1925 zusammengeschlossen und stehen seit 2018 im bayerischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
Lauffeuer, Salut und Rad
Wer Böllerschützen zuhört, merkt rasch, dass hier niemand einfach drauflos knallt. Ein Schützenmeister gibt die Schussfolge vor. Beim Lauffeuer schießt einer nach dem anderen die Reihe entlang, in gleichmäßigem Abstand. Beim Schnellfeuer folgen die Schüsse so dicht wie möglich. Der Salut ist der gemeinsame Schuss aller Schützen auf ein Kommando, und gerade er verrät die Übung einer Kompanie, denn ein sauberer Salut klingt wie ein einziger Schlag. Beim Rad schließlich wird die Folge immer schneller, bis die letzten Schützen beinahe gleichzeitig abdrücken.
Nur im Verein
Böllerschießen ist keine Privatsache. Im Land Salzburg darf nur schießen, wer volljährig ist und einem Verein angehört; der Landesverband der Salzburger Schützen bietet dazu jedes Frühjahr einen Sicherheitskurs an. Rechtlich fällt das Böllern in Österreich unter das Pyrotechnikgesetz. Es verlangt für das Schießen mit Böllerkanonen eine behördliche Bewilligung, nimmt aber die Prangerstutzen der Brauchtumspflege davon ausdrücklich aus. In Deutschland gilt das Sprengstoffgesetz, das eine persönliche Erlaubnis samt Fachkundelehrgang verlangt. Die Strenge hat Gründe, denn Schwarzpulver verzeiht keine Nachlässigkeit beim Laden.
Getragen wird der Brauch von beachtlich vielen Menschen. Im Landesverband der Salzburger Schützen sind gut hundert Kompanien und Garden mit mehreren tausend Mitgliedern vereint, und das Salzburger Festschützenwesen steht seit 2010 im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Für Deutschland nennen die Schützenverbände rund 700 Vereine mit etwa 10.000 Aktiven, die meisten davon in Bayern.
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Clemens Gull, Salzburg, 2024
