Almabtrieb
Dankbarkeitsbräuche

Almabtrieb

von Clemens Gull

Schon von Weitem hört man das Geläut der schweren Glocken, dann kommt die geschmückte Herde in Sicht, und am Straßenrand wird geklatscht. So erlebten es über viele Jahre die Besucher des Wolfgangseer Almabtriebs in St. Wolfgang im Salzkammergut. Er galt als einer der größten Almabtriebe Oberösterreichs und war weit mehr als die Heimkehr einiger Kühe: ein mehrtägiges Fest, bei dem ein Bauernhof und ein ganzer Ort das Ende der Almzeit feierten.

Ein Hof und seine Alm

Im Mittelpunkt stand der Biobauernhof „Im Ramsen“ der Familie Baier. Er liegt im Ortsteil Radau am Waldrand, wenige Kilometer vom Ortszentrum von St. Wolfgang entfernt. Hans Baier, im Ort als Ramsnerbauer bekannt, richtete den Almabtrieb über Jahre gemeinsam mit der Wolfgangsee Tourismus Gesellschaft aus.

Den Sommer über weideten die Rinder des Hofes auf der Alm. Die Berichte nennen meist die Acker-Alm, 2012 war vom Almquartier am Schwarzensee die Rede, einem kleinen Bergsee am Fuß des Schafbergs, rund zwei Kilometer nordwestlich von Rußbach. Die Herde war nicht jedes Jahr gleich groß: 2013 kehrten 35 Kühe zurück, 2018 waren es 53 Rinder. In früheren Jahren endete der Zug im Ortsteil Rußbach, später zogen die Tiere bis auf den Hof nach Radau, wo sie meist gegen Mittag eintrafen. Gefeiert wurde rund um das erste Wochenende im Oktober, in manchen Jahren auch schon am letzten Samstag im September.

Latschen, Blumen und schwere Glocken

Für den großen Tag wurde die Herde herausgeputzt. Den Kopfschmuck band man aus dem, was auf der Alm wächst, aus Zweigen der Latschen und aus Blumen, dazu kamen bunte Bänder und kleine Spiegel. Um den Hals trugen die Tiere große Glocken, deren Klang nach altem Volksglauben böse Geister fernhalten sollte. Woher der Brauch stammt und wie seine Elemente im Alpenraum gedeutet werden, erzählt der Beitrag über den Almabtrieb allgemein.

Der Ramsnerbauer war überzeugt, dass die Tiere sehr genau spüren, was an diesem Tag geschieht. Auch Kühe hätten ihren Stolz, sagte er 2019 den Salzburger Nachrichten: Sie wüssten, wann es ins Tal geht, und bemerkten, welche von ihnen den schönsten Schmuck trägt. Darüber könne es unter den Tieren durchaus zu Rangeleien kommen.

Ein Almkirtag rund um die Herde

Der festliche gemeinsame Abtrieb ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Mit dem Wandel der Landwirtschaft ist er vielerorts verschwunden. Umso bemerkenswerter war, dass sich in St. Wolfgang die bäuerlichen Direktvermarkter zusammentaten, um den Brauch als Fest für Einheimische und Gäste zu pflegen. 2007 wurde das Fest im Rahmen eines EU-geförderten LEADER-Projekts unterstützt. Auf dem Programm standen damals der Almabtrieb, ein Almkirtag, Almtanz und ein Volksmusikabend, der Eintritt war frei. 2018 feierte man den Almkirtag bereits zum 13. Mal.

Wie bei einem Kirtag gehörten Stände, Musik und Kulinarik dazu, hier aber ganz im Zeichen der Alm. Handwerker wie eine Korbflechterin oder ein Drechsler zeigten ihr Können, es gab bäuerliche Schmankerl, und die Kinder durften auf Ponys reiten. Die Kindergruppe des Trachtenvereins „D’Wolfganger“ tanzte und sang für das Publikum. Am Sonntag folgte ein Erntedank-Frühschoppen mit Volksmusik.

Der Zuspruch war groß. 2016 zählten die Veranstalter mehr als 2.500 Besucher, 27 Reisebusse hatten Gäste an den Wolfgangsee gebracht. Wie sehr die Menschen an diesem Brauch hingen, zeigte sich 2019: Obwohl es in Strömen regnete, harrten rund 1.300 Besucher im Festzelt aus, und die heimkehrende Herde zog unter einem ganzen Meer von Regenschirmen auf den Hof.

Ein Dank für einen guten Sommer

Im Kern war der Almabtrieb am Wolfgangsee, was dieser Brauch überall im Alpenraum ist: ein Dank dafür, dass Mensch und Tier die Monate auf der Alm gut überstanden haben. Besonders machte ihn, dass ein einzelner Hof ihn mit so viel Aufwand pflegte und dabei einen ganzen Ort mitnahm. Wer im Frühsommer den Almauftrieb erlebt, sieht im Herbst das Ende derselben Geschichte, nur mit Kränzen, Glocken und Musik.

Die jüngsten öffentlich zugänglichen Berichte über den Wolfgangseer Almabtrieb stammen aus dem Jahr 2019. Wer ihn selbst erleben möchte, erkundigt sich am besten bei der Wolfgangsee Tourismus Gesellschaft nach einem aktuellen Termin.

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2026, Clemens Gull (mit KI)