
Segensbräuche
Gebildebrot
von Clemens Gull
Ein Brot, das nicht bloß satt machen, sondern etwas erzählen soll: Das ist die Idee hinter dem Gebildebrot. Aus Hefeteig von Hand geformt, meist zu Tieren, Figuren oder geflochtenen Mustern, gehört es zu jenen Bräuchtumsgebäcken, die zu bestimmten Festtagen im Jahreskreis gebacken und verschenkt werden. Als wissenschaftlicher Sammelbegriff ist „Gebildebrot" dabei recht jung: Der Schweizer Historiker Ernst Ludwig Rochholz führte ihn im 19. Jahrhundert in die Volkskunde ein, um genau diese Gruppe von Backwerken zu fassen – die Backtradition selbst ist freilich weit älter als ihr Name.
Herkunft aus vorchristlicher Zeit
Gebildebrote gehen ursprünglich auf Opfergaben zurück, die man den Göttern oder Verstorbenen darbrachte. Bei frühen Totenmahlzeiten wurden solche geformten Brote gegessen, wohl auch, um böse Geister fernzuhalten. Das Christentum übernahm diesen alten Brauch und gliederte ihn Schritt für Schritt in den kirchlichen Festkalender ein, sodass aus einer heidnischen Opfergabe über die Jahrhunderte ein christliches Festtagsgebäck wurde. Anders als gewöhnliches Brot spricht ein Gebildebrot damit über Bilder statt über Worte, es überbringt einen Segenswunsch, ohne ein einziges Wort dafür zu brauchen.
Formen und Anlässe
Die Formenvielfalt ist beachtlich. Tiergestaltige Brote wie Hasen, Küken oder Igel gehören ebenso dazu wie Flechtgebäcke, etwa der klassische Zopfstriezel oder das sogenannte Godnkipferl, dazu kommen reine Symbolbrote in Form von Rädern oder Kreuzen. Welche Form gebacken wird, hängt stark vom Anlass und teils auch vom Geschlecht des Kindes ab, dem das Gebäck geschenkt werden soll – tiergestaltige Brote etwa waren traditionell ein beliebtes Patengeschenk zur Taufe.
Am bekanntesten unter den Gebildebroten des österreichischen Festtagsbrauchtums ist der Allerheiligenstriezel, ein zopfartig geflochtenes Milchbrot. Bis heute schenken Tauf- oder Firmpaten ihren Patenkindern diesen Striezel zu Allerheiligen, eine direkte Fortsetzung des alten Gevatterbitten-Brauchs, bei dem Patenschaft von Anfang an mit gegenseitigem Schenken verbunden war. Auch die Adventszeit hat ihre eigenen Gebildebrote, meist aus etwas süßerem Briocheteig gebacken, die in der dunklen Jahreszeit von Allerheiligen bis Weihnachten verschenkt werden.
Herstellung
Gebacken wird ein mild gesüßter Hefeteig, weniger süß als ein Kuchen, aber deutlich reichhaltiger als ein Alltagsbrot. Das eigentliche Handwerk liegt im Formen: Jedes Gebildebrot entsteht von Hand, verlangt Zeit, Geduld und ein gewisses Geschick, um aus einem simplen Teigstück eine erkennbare Figur zu machen. Genau darin liegt bis heute der Reiz dieses Brauchs – er verbindet Backhandwerk mit der alten Idee, dass ein Geschenk umso mehr bedeutet, je mehr Mühe jemand hineingesteckt hat.



