
Sonstige Bräuche
Weißer Sonntag
von Clemens Gull
Der Weiße Sonntag ist der Sonntag nach Ostern und damit der zweite Sonntag der Osterzeit. Mit ihm endet die sogenannte Osteroktav, also jene acht Tage vom Ostersonntag an, die in der katholischen Liturgie allesamt als Hochfest begangen werden. Im offiziellen Kirchenkalender heißt er seit der Liturgiereform von 1970 schlicht Zweiter Sonntag der Osterzeit, doch im deutschsprachigen Raum hat sich die volkstümliche Bezeichnung Weißer Sonntag bis heute gehalten. Sein frühester möglicher Termin ist der 29. März, der späteste der 2. Mai.
Woher kommt der Name?
Die Wurzel des Namens liegt in einer frühen christlichen Taufpraxis: In der Osternacht wurden Erwachsene getauft und empfingen dabei auch erstmals die Eucharistie. Die Neugetauften trugen ihre weißen Taufgewänder als sichtbares Zeichen des neuen Lebens in Christus acht Tage lang weiter, die gesamte Osteroktav hindurch. Am achten Tag, dem Sonntag nach Ostern, legten sie die Gewänder feierlich ab. Der lateinische Name des Tages, Dominica post albas, bedeutet wörtlich Sonntag nach den weißen Gewändern.
Interessanterweise hieß ursprünglich ein anderer Tag Weißer Sonntag: der erste Fastensonntag, an dem die Taufbewerber in Rom erstmals in weißen Kleidern in die Kirche einzogen. Erst nach dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung immer mehr für den Sonntag nach Ostern durch.
Vom Tauftag zum Kommuniontag
Mit der zunehmenden Verbreitung der Kindstaufe verschwand die früher übliche Einheit von Taufe und Erstkommunion. Der Bezug zur Taufe blieb aber geistlich erhalten, und der Weiße Sonntag galt fortan als Tag des Taufgedächtnisses. Da die erste Kommunion als bewusste Erneuerung der Taufe und Eingliederung in die Gemeinschaft der Kirche verstanden wird, wurde er besonders ab dem 17. Jahrhundert bevorzugt als Termin für dieses Sakrament festgelegt. Im 19. Jahrhundert verfestigte sich das durch bischöfliche Weisungen zum festen Datum.
Das weiße Kleid der Erstkommunionkinder heute hat übrigens eine eigene Geschichte: Es greift zwar die Symbolik des Weiß auf, geht aber ursprünglich nicht auf die alte Tauftradition zurück, sondern ist ein bürgerlicher Brauch.
Eigene Namen
Der Ahnlsonntag in Oberösterreich
Im Voralpenland gibt es eine besonders schöne volkstümliche Überlieferung rund um diesen Tag. In Teilen Oberösterreichs trägt der Weiße Sonntag den eigenen Namen Ahnlsonntag, also der Sonntag für die Ahnen. Kinder besuchen dabei ihre Großeltern und erhalten von ihnen ein Ahnlkipferl, ein großes Kipferl aus Germteig, oft mit Rosinen. In manchen Bäckereien werden diese Kipferl eigens für diesen Anlass gebacken. Der Brauch lebt heute noch in einigen Teilen Oberösterreichs, etwa im Mühlviertel, in der Pyhrn-Priel-Region, im Kremstal und rund um Gmunden.
In der Oststeiermark und in Teilen Oberösterreichs finden am Weißen Sonntag außerdem traditionell kleine Kirtage statt, also Kirchtagsfeste mit Markt und Volksbelustigung.
Der Barmherzigkeitssonntag
Seit dem Jubiläumsjahr 2000 trägt der Weiße Sonntag einen zweiten Namen: Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit, auch Barmherzigkeitssonntag. Papst Johannes Paul II. legte diesen Themensonntag am 30. April 2000 für die gesamte römisch-katholische Kirche fest. Der Barmherzigkeitssonntag geht auf Privatoffenbarungen der polnischen Ordensschwester Faustina Kowalska zurück, die Botschaften Jesu über die göttliche Barmherzigkeit empfangen haben soll und die Johannes Paul II. an eben jenem Tag heiligsprach.
Bedeutung heute
Der Weiße Sonntag ist in weiten Teilen Österreichs, Bayerns und des deutschsprachigen Raums bis heute einer der lebendigsten Feiertage im Kirchenjahr, gerade für Familien. Die Erstkommunionfeier ist nach wie vor ein wichtiges Ereignis im Leben vieler Kinder und Gemeinden. Auch die alte Verbindung zur Taufe findet in manchen Gemeinden neue Beachtung: Erwachsenentaufen in der Osternacht erleben seit einigen Jahren einen Aufschwung, was den ursprünglichen Sinn des Tages wieder sichtbarer macht.
Der Ahnlsonntag in Oberösterreich zeigt zudem, wie sich kirchliche Feiertage mit lokaler Familientradition verbinden können, auf eine Art, die wenig mit großem Aufwand zu tun hat, aber viel mit Zusammengehörigkeit.