Almabtrieb

Als Almabtrieb bezeichnet man im Alpenraum den Viehtrieb von den Bergweiden zurück ins Tal, wo die Tiere auf den Bauernhöfen überwintern. Je nach Region und Klima findet er zwischen Mitte September und Mitte Oktober statt. Der Brauch trägt dabei viele Namen: In der Schweiz spricht man vom Alpabzug, im Allgäu vom Viehscheid, in Südtirol auch vom Kiekemma (eine Dialektausdruck für Kühe = Kie und kommen = kemma). Der Name „Viehscheid“ erklärt sich dabei besonders anschaulich: Das Vieh wird von den Hirten, die sich den Sommer über auf den Almen um die Herden gekümmert haben, im Tal nach dem Abtrieb „geschieden“, also geteilt und seinen Besitzern zurückgegeben.

Der praktische Hintergrund ist simpel: Ab September wachsen Gras und Kräuter auf den Almen nicht mehr nach, und die Tiere finden nicht mehr genug Nahrung. Auch ist zu dieser Zeit bereits die Möglichkeit von Schneefall auf höher gelegenen Almen vorhanden. Aus dieser landwirtschaftlichen Notwendigkeit ist über die Jahrhunderte ein Fest geworden.

Herkunft

Die Wurzeln des Almabtriebs reichen bis in die Jungsteinzeit zurück. Die steilen Hänge, die kurze Vegetationsperiode und die langen Schneedecken zwangen die alpine Landwirtschaft schon früh zu einer saisonalen Nutzung der Höhenweiden.

Die festliche Ausgestaltung des Brauchs, also das Schmücken der Tiere, ist hingegen jünger. Belege für die ersten geschmückten Almabtriebe stammen aus dem Jahr 1746, als im Pustertal berichtet wurde, dass Tiere geschmückt und feierlich von den Almen in die Dörfer getrieben wurden. Volkskundlerin Anna Horner vom Tiroler Volkskunstmuseum weist aber darauf hin, dass der gemeinsame Abtrieb des Viehs wohl auch schon früher stattgefunden hat.

Der Tiroler Maler Jakob Placidus Altmutter hielt 1812 eine Almabtriebsszene als getönte Federzeichnung fest, die sich heute im Besitz des Landesmuseums Ferdinandeum befindet. Auch Autoren wie Beda Weber, Ludwig Steub oder Adolf Pichler beschrieben das jährliche Ereignis.

Kranz, Glocken und die Kranzkuh

Der Kopfschmuck der Tiere ist wohl das auffälligste Element des Almabtriebs. Aber nicht jedes Jahr darf jede Herde ihn tragen. Nur wenn der Almsommer für Mensch und Tier ohne tödliche Unfälle verlaufen ist, werden die Herden in vielen Gegenden für den Abtrieb kunstvoll geschmückt. Gab es Verluste durch Krankheit, Steinschlag oder Unwetter, zieht die Herde ungeschmückt ins Tal. Der Kranz ist also kein bloßes Dekorationselement, sondern ein sichtbares Zeichen: Der Sommer ist gut verlaufen, Gott sei Dank.

Die wichtigste Figur im Zug ist die sogenannte Kranzkuh. Sie erhält einen ungewöhnlich großen Kopfschmuck, der aufwändig aus Zweigen, Blumen, Gräsern und Bändern in Form einer Krone geflochten wird. Meist zeigt der Kranz ein Kreuz, womit um den Schutz des Himmels gefleht wird, sowie Spiegel und Glocken. Nach überlieferter Deutung sollen Glocke und Spiegel Unheil und böse Geister abwehren.

Für den Kopfschmuck werden traditionell Almrausch oder Latschen verwendet, sowie Silberdistel und Seidenblumen. Das Schmücken hatte auch eine soziale Dimension: Je wohlhabender der Bauer war, desto prächtiger waren seine Tiere geschmückt. Der Almabtrieb war auch eine Prestigesache.

Regionale Unterschiede

Der Brauch ist im gesamten Alpenraum lebendig, aber nirgends gleich. Mal werden neben den Kühen auch Schafe oder Ziegen zur Überwinterung ins Tal getrieben, und in Tirol und Pinzgau treibt man sogar die blonden Haflinger-Pferde ins Tal. Einer der größten Schaf-Almabtriebe ist der Tarrenzer Schafschied bei Imst in Tirol, bei dem rund 1.000 Schafe und ihre Lämmer von den Almwiesen ins Tal kommen.

Im Berchtesgadener Land heißen die schmückenden Gestänge „Fuikeln“ (kugelförmige Kronen), ein Beispiel dafür, wie tief der Brauch regional verwurzelt ist und eigene Begriffe hervorgebracht hat.

Auch beim Glockenklang kennen Kenner den Unterschied: Schellen werden aus Blech geschmiedet, ausgehämmert und gestanzt, während Glocken rund gegossen werden und heller klingen, fast wie Kirchenglocken. Schellen sind für das Jungvieh, Glocken für die Kühe.

Bedeutung heute

Die Frage, ob der ursprüngliche Tierschmuck ein vorchristlicher Schutzzauber gewesen sei, wird in der Wissenschaft heute differenzierter betrachtet. Die Tatsache, dass in vielen Orten nur ausgewählte Tiere geschmückt wurden und beim Auftreten von Verlusten gänzlich ungeschmückt heimgefahren wurde, spricht eher gegen eine apotropäische Deutung (abwehren von Unglück, Dämonen) im engeren Sinne.

Was bleibt, ist ein Brauch, der vieles auf einmal ist: Dankbarkeit für einen guten Sommer, Abschluss einer harten Arbeitssaison, soziales Ereignis und bäuerliches Fest. In Tirol allein finden am Ende der Almsaison über 40 größere und zahlreiche kleinere Almabtriebe statt. Die Veranstaltungen ziehen heute Tausende Besucher an. Einheimische und Touristen stehen gemeinsam am Straßenrand.

Dass dabei auch der Tourismusdruck steigt und manche Orte den Brauch stärker für das Publikum inszenieren als andere, ist eine Spannung, die im Alpenraum offen diskutiert wird. Aber selbst wo das Festzelt nebenan aufgebaut ist: Die Kühe mit ihren schweren Glocken ziehen ins Tal, und das Brauchtum lebt.

Almauftrieb

Als Almauftrieb, in der Schweiz auch Alpaufzug oder Alpfahrt genannt, bezeichnet man das Bringen von Weidevieh auf die Bergweiden, die sogenannten Almen. Der Termin richtet sich nach dem Pflanzenwachstum in der Höhe: Er findet, ausgerichtet am aktuellen Pflanzenwachstum auf den Almen, meist im Mai oder Juni statt. Den Abschluss des Almsommers bildet dann im Herbst der Almabtrieb.

Der Almauftrieb ist das stillere, unspektakulärere Gegenstück zum festlichen Almabtrieb im September oder Oktober. Doch gerade in dieser Schlichtheit liegt etwas Echtes: Es geht nicht ums Schauspiel, sondern ums Wirtschaften, ums Loslassen und ums Vertrauen in den Sommer.

Herkunft

Die Almwirtschaft zählt zu den ältesten Nutzungsformen im gesamten Alpenraum. Neueste Forschungen zeigen, dass bereits im 5. Jahrtausend vor Christus die natürlichen Weideflächen oberhalb der Waldgrenze in den Alpen genutzt wurden. Auf der Kelch-Alm bei Kitzbühel wurden sogar Überreste von Almtieren aus der Spätbronzezeit gefunden, also aus der Zeit zwischen 1250 und 750 vor Christus.

Ab dem 9. Jahrhundert, mit der bairischen Landnahme, sind urkundliche Belege für die Almnutzung vorhanden. Vom 13. bis ins 16. Jahrhundert führte die zunehmende Bevölkerungsdichte zu verstärkten Rodungen in den Gebirgswäldern, wodurch neue Almen entstanden. Ein Rückschlag folgte durch die Kleine Eiszeit: Diese führte zu einer Verkürzung der Auftriebszeiten auf den Almen, und viele Hochalmen in den Berchtesgadener Alpen und um Oberstdorf wurden aufgegeben.

Der Grundgedanke hinter der Almwirtschaft war immer derselbe: Die Erträge aus der Landwirtschaft in den Tälern wurden für die Wintermonate gebraucht, und die Almnutzung stellte somit eine Entlastung im Sommer dar. Wer sein Vieh im Sommer in die Höhe schickte, hatte im Tal Platz, Heu für den Winter einzubringen.

Ablauf

In vielen Regionen wird der Almauftrieb mit einer Segnung begleitet. Vor dem Aufstieg versammeln sich die Bauernfamilien, Hirtinnen und Hirten mit ihren Tieren, um den Segen für eine unfallfreie Almsaison zu erhalten. In vielen Orten ist es noch Brauch, dass ein Pfarrer vor Ort ist und die Tiere vor dem Auftrieb segnet, um sie gegen die Gefahren wie Abstürze oder Krankheiten zu schützen.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Almauftrieb mit manchmal mehrtägigen Fußmärschen für Vieh und Hirten verbunden. Dabei wurden den Kühen, je nach Gegend, große Glocken umgehängt. Im Gegensatz zum festlichen Almabtrieb im Herbst wurden die Tiere beim Aufstieg traditionell nicht mit Blumenschmuck versehen. Die Stimmung war arbeitsam, nicht zeremoniell.

In vielen Almhütten ist es üblich, dass nach dem Almauftrieb eine gemeinsame Mahlzeit eingenommen wird: ein einfaches, aber herzhaftes Almfrühstück mit frischem Brot, Almbutter, Almkäse und Speck. Diese Geste des gemeinsamen Essens am ersten Tag auf der Alm symbolisiert den Beginn eines neuen Almsommers und die Verbundenheit zwischen Mensch, Tier und Berglandschaft.

In Tirol und Salzburg sind es vor allem die Genossenschaftsalmen, die gemeinschaftlich bewirtschaftet werden und beim Auftrieb ein kollektives Ereignis für mehrere Bauernfamilien darstellen. Regional unterschiedlich ist auch, welche Tiere aufgetrieben werden: Mancherorts sind es nur Kühe, anderswo Schafe, Ziegen oder in Tirol und im Pinzgau auch Haflinger-Pferde.

Bedeutung heute

Der Almauftrieb markiert den Beginn eines neuen Almsommers, fördert den Zusammenhalt in der Gemeinschaft und bewahrt jahrhundertealte Traditionen. Gleichzeitig hat er eine handfeste wirtschaftliche Funktion: Durch die Aufzucht im gesunden Bergklima wird das Almvieh besonders robust, und die verschiedenen Gebirgskräuter und -pflanzen, die von den Tieren gefressen werden, steigern die Fleisch- und Milchqualität erheblich.

Die Almwirtschaft erlebte nach einem Einbruch in den 1970er Jahren ab 1980 dank verschiedener Förderungen und des noch vorhandenen Traditionsbewusstseins einen neuen Aufschwung und ist zunehmend auch für den Tourismus ein Thema geworden.

Erntedank

Erntedank ist ein kirchliches Fest im Herbst, bei dem für die Ernte des Jahres gedankt wird. Die Feierlichkeiten finden in den Pfarren zu unterschiedlichen Terminen statt, meist an einem Sonntag zwischen Ende September (Michaelitag am 29. September) und Mitte Oktober. Häufig wird Erntedank jedoch am ersten Sonntag im Oktober begangen.

Typischerweise beginnt das Fest mit einer feierlichen Prozession zur Kirche. Dabei werden eine kunstvoll gestaltete Erntekrone sowie Erntegaben wie Brot, Eier, Honig, Wein, Blumen und verschiedene Feld- und Gartenfrüchte mitgeführt und gesegnet. Am Festzug beteiligen sich oft Musikkapellen, Kindergartenkinder, SchülerInnen, MinistrantInnen, Trachtengruppen, die Landjugend sowie die Bauern- und Jägerschaft. Viele Menschen bringen Körbe mit Obst, Gemüse oder Brot zur Segnung mit. Manchmal wird das Erntedankfest durch Frühschoppen, Pfarrfeste oder Kirtage zu einem großen Ereignis. Im Salzburger Raum wird gerne ein Stück Brot als Zeichen des Danks nach der Festmesse verteilt.

Das heutige kirchliche Erntedankfest hat seine Wurzeln in einem weltlichen Brauch des bäuerlichen Arbeitslebens, den die Kirche im 18. Jahrhundert übernahm.

Fahnenweihe

Wenn ein Schützen-, Trachten- oder Musikverein eine neue Fahne anschafft oder ein historisches Tuch restaurieren lässt, wird dieses Ereignis traditionell mit einer Fahnenweihe gefeiert. Der Brauch ist vor allem in katholisch geprägten Landstrichen Bayerns, Österreichs und Tirols verbreitet und wird von Schützen- und Kriegervereinen, Trachten- und Brauchtumsvereinen, freiwilligen Feuerwehren sowie kirchlichen Studentenverbindungen gleichermaßen gepflegt. Im Zentrum steht dabei stets derselbe Gedanke: Die Fahne als sichtbares Zeichen der Gemeinschaft wird kirchlich gesegnet und damit unter göttlichen Schutz gestellt.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Seinen Ursprung hat dieser Brauch im militärischen Bereich. Bereits aus dem 10. Jahrhundert sind erste Berichte über gesegnete Feldzeichen überliefert, denn die Fahne war für Truppen im unübersichtlichen Schlachtgetümmel ein unverzichtbarer Orientierungspunkt. Mit der Zeit der Kreuzzüge verbreitete sich die Sitte, Fahnen kirchlich zu weihen, in ganz Mittel- und Westeuropa – zunächst beim Militär, später übernahmen auch zivile Vereinigungen dieses Ritual, sodass aus dem soldatischen Segensakt allmählich ein bürgerliches Vereinsfest wurde.

Fahnenpatin, Patenverein und Weiheakt

Eine besondere Rolle nimmt bis heute die Fahnenpatin/Fahnenmutter ein, eine Ehrenfunktion, die früher meist einer Dame aus gehobenen gesellschaftlichen Kreisen vorbehalten war. Sie übernahm die symbolische Patenschaft für die Fahne und stiftete häufig ein besticktes Fahnenband mit einem persönlichen Wahlspruch – überliefert ist etwa das Jahr 1873, als Erzherzogin Valerie einem böhmischen Schützenkorps ein Band mit der Inschrift „Altbewährt und treu“ schenkte. Ergänzt wird die Fahnenpatin vielerorts durch einen befreundeten Patenverein, der wie ein Taufpate Verantwortung für die junge Fahne übernimmt. Beim sogenannten Patenbitten, das diesem Fest vorausgeht, muss der bittende Verein mancherorts symbolische Proben bestehen, etwa Reime vortragen oder kleine Aufgaben erfüllen, ehe die Patenschaft zugesagt wird.

Der eigentliche Weiheakt lehnt sich in seiner Symbolik stark an die christliche Taufe an. Das noch ungeweihte Fahnentuch wird von jungen Frauen zum Altar getragen, wo ein Priester es im Rahmen eines Gottesdienstes oder einer Feldmesse mit Weihwasser besprengt. Anschließend treten mehrere weibliche Rollen nacheinander auf: Die Fahnenmutter spricht ein einleitendes Wort und befestigt als Erste ein Band an der Fahne, die Fahnenbraut folgt mit einem weißen Band und gelobt der Fahne Treue, und die Trauermutter übergibt zuletzt ein schwarzes Trauerband zum Gedenken an verstorbene Vereinsmitglieder.

Fähnrich und Fahnenetikette

Auch der weitere Umgang mit der geweihten Fahne folgt überlieferten Regeln, wie sie etwa der Chiemgau Alpenverband für seine Trachtenvereine festhält. Der Fähnrich, ein Ehrenamt mit eigener Schärpe und silberdurchwirkter Hutschnur, trägt die Fahne aufrecht im Tragegurt und wird von zwei unverheirateten jungen Burschen begleitet, deren einzige Aufgabe darin besteht, sie notfalls zu verteidigen. Gesenkt wird eine Fahne traditionell nur vor Gott oder vor einem Verstorbenen, und begegnen sich zwei Fahnen bei einem Fest, kreuzen sich ihre Tücher zum sogenannten Fahnenkuss als Gruß zwischen den Vereinen.

Bedeutung heute

Bis heute ist die Fahnenweihe ein Anlass, der ganze Ortschaften mobilisiert: Auf die kirchliche Segnung folgen meist ein weltliches Fest mit Musikkapelle und Festzug befreundeter Vereine, bei Schützenvereinen häufig auch ein abschließendes Schießen. So wurde etwa in Ebensee im Salzkammergut die 1910 gestiftete, aufwendig restaurierte Fahne des dortigen Kranzlschützenvereins im Rahmen einer Feldmesse neu gesegnet und von der örtlichen Musikkapelle begleitet. Solche Feste zeigen, dass die Fahnenweihe weit mehr ist als ein kirchlicher Formalakt: Sie hält die Erinnerung an die Vereinsgeschichte lebendig und bekräftigt bei jeder Auffrischung aufs Neue den Zusammenhalt der Gemeinschaft.

Fleischweihe

Am Karsamstag oder in der Osternacht tragen viele Familien im Alpenraum einen gedeckten Korb zur Kirche, den Weihkorb. Darin liegt, sorgfältig geschichtet und oft mit einer bestickten Weihkorbdecke zugedeckt, was am Ostersonntag auf den Tisch kommen soll: Osterschinken oder anderes gepökeltes Fleisch, Kren, Osterbrot oder -striezel, gefärbte Eier und feines Backwerk. Der Priester segnet diese Gaben, und der Brauch trägt je nach Region unterschiedliche Namen – Fleischweihe, Speisenweihe oder Speisensegnung meinen dasselbe.

Woher der Brauch kommt

Die Wurzeln der Speisensegnung reichen bis in die älteste christliche Tradition zurück. Sie steht am Ende der vierzigtägigen Fastenzeit, in der auf Fleisch und andere üppige Speisen verzichtet wurde, und markiert damit sinnbildlich das Ende von Buße und Verzicht. Was gesegnet in den Korb kommt, hat dabei eine feste Bedeutung: Das Brot steht für Christus selbst und für die Gemeinschaft am Tisch, das Lamm für die Erlösung, die gefärbten Eier für den Neubeginn und das neue Leben, und der scharfe Kren erinnert an die Bitterkeit, die dem Osterfest vorausging. So verbindet die geweihte Osterjause den Altar mit dem heimischen Esstisch – was in der Kirche gesegnet wurde, landet wenig später als festliches Frühstück oder Mittagessen in der Familie.

Regionale Unterschiede

Der genaue Zeitpunkt der Weihe schwankt: Manche Pfarren segnen die Körbe schon am Karsamstag, andere im Anschluss an die Feier der Osternacht, wieder andere erst nach dem Gottesdienst am Ostersonntag selbst. Auch die Verbreitung ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Besonders fest verankert ist die Fleischweihe in der Steiermark und in Kärnten, wo der Brauch bis heute vielerorts fixer Bestandteil des Osterwochenendes ist. Je weiter man nach Norden kommt, desto seltener wird er, in Salzburg etwa ist die Fleischweihe kaum verbreitet – hier stehen andere österliche Bräuche wie das Palmbuschenweihen oder das Eierpecken stärker im Vordergrund.

Wo der Brauch gepflegt wird, bleibt er ein anschauliches Stück gelebter Frömmigkeit: Die Osterspeisen werden nicht einfach gegessen, sondern zuvor bewusst gesegnet, und der festlich gedeckte Ostertisch trägt damit ein Stück Gottesdienst mit sich nach Hause.

Kirchtag

Der Begriff Kirchweih hat im Laufe der Jahrhunderte eine Fülle an regionalen Varianten entwickelt: Kirta, Kirbe, Kerb, Kerwe, Kirmes, Kertl, Kirchtag, Kirtag, Kilbi, Chilbi und noch viele mehr. Dahinter steckt ein und dasselbe Grundprinzip: Der Begriff verweist auf die Verbindung mit der Kirche und der dort gehaltenen Messe. Am Weihetag oder am Tag des Kirchenpatrons gesellte sich zur kirchlichen Feier der profane Jahrmarkt.

Es gibt dabei grundsätzlich zwei verschiedene Formen: den „Kleinen Kirchtag“, also das Patroziniumsfest des örtlichen Kirchenheiligen, und den „Großen Kirchtag“, das Fest der Kirchweihe selbst. Beide darf man nicht durcheinanderbringen.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Ursprünglich feierte jedes Dorf den Weihetag seines Gotteshauses. Für die ländliche Bevölkerung war das einer der wichtigsten Termine im Jahr: selten genug hatte man sonst die Möglichkeit, bei Musik, Tanz und gutem Essen die Mühen des Alltags hinter sich zu lassen.
Sehr früh schon verbanden sich mit den Kirchweihgottesdiensten Jahrmärkte, die man wegen ihrer Verbindung mit dem Gottesdienst „Messen“ nannte. Der norddeutsche Begriff „Kirmeß“ oder „Kirmse“ leitet sich daraus ab.

Das Problem: Weil jedes Dorf seinen eigenen Termin hatte, konnte das Feiern leicht ausufern. Die Obrigkeit führte deshalb die sogenannte Allerweltskirchweih ein, um das Herumziehen des Gesindes von Ort zu Ort einzuschränken. Den dritten Sonntag im Oktober setzte man als einheitlichen Termin fest. Seit der Aufklärung war dieses Datum in weiten Teilen Bayerns landesweit verbindlich.

Ablauf und typische Elemente

Ein Kirchtag war und ist mehr als ein Gottesdienst mit anschließendem Marktbesuch. Üppiges Essen und Trinken, Musik, Tanz, Geselligkeit und Brautschau waren für die ländlichen Kirtage charakteristisch. Organisiert wurden sie meist von den örtlichen Vereinen.

Schon am Vorabend gab es in Bayern Brühsuppe, Schweinefleisch, Würste, Bier und Krapfen. Nach der Sonntagsmesse ging es dann richtig los, und die Feier dauerte oft zwei bis drei Tage.
Ein zentrales Ereignis war dabei stets der Tanz, der gelegentlich mit Elementen spielerischer Paarbildung verbunden war. Der Kirchtag war eben auch ein sozialer Ort, an dem sich Ledige kennenlernten.
Zu den typischen Speisen gehörten Enten- oder Gänsebraten mit Knödel und Blaukraut sowie in Schmalz herausgebackenes Schmalzgebäck. In Oberbayern heißen diese Küchlein Auszogne, in Tirol Kiachl, in anderen Teilen Österreichs Bauernkrapfen.

Ein weithin sichtbares Zeichen des Festtages war die rot-weiße Fahne, die am Kirchweihsonntag von den Kirchtürmen wehte. Sie wird auch Zachäus oder Zacherl genannt, nach der Bibelstelle vom Zöllner Zachäus, der auf einen Baum gestiegen war, um Jesus zu sehen.

Der Rupertikirtag in Salzburg, der rund um den Namenstag des heiligen Rupert am 24. September gefeiert wird, zieht jährlich mehr als 100.000 Besucher an. Ein besonderes Merkmal ist das historische Kettenkarussell aus dem Jahr 1848, das nur während dieses Fests in Betrieb geht.

Bedeutung heute

Der Kirchtag hat sich gewandelt, aber er lebt. Bis heute ist der Jahrmarkt mit Gegenständen des täglichen Bedarfs und Süßigkeiten wie großen verzierten Lebkuchenherzen, Schaumrollen oder Zuckerwatte fester Bestandteil des traditionellen Kirtags.

Der Kirchtag wird nach örtlichem Brauch von einer bestimmten Gruppe ausgerichtet, die auch die Musikanten engagiert. Früher waren das oft die Burschenschaften oder die Wirte, heute sind es meist Vereine.

Viele kleine Dorfkirchtage haben in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren. Dort, wo sie aber noch gepflegt werden, erfüllen sie eine wichtige Funktion: Sie geben dem Dorfleben Struktur, stärken das Gemeinschaftsgefühl und erinnern daran, dass es schon immer Anlass gab, zusammen zu feiern.

Kräuterweihe

Am 15. August, dem Hochfest Mariä Himmelfahrt, lassen viele Gläubige in Österreich und Bayern einen Strauß aus Heilkräutern segnen – die Kräuterweihe, einen der ältesten noch lebendigen Bräuche des Kirchenjahres. Regional trägt der Tag auch Namen wie Großer Frauentag, Maria Kräuterweih oder Maria Wurzweih. In Österreich, im Saarland und in einigen bayerischen Gemeinden ist der 15. August zudem ein gesetzlicher Feiertag.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Das Marienfest selbst zählt zu den ältesten Festen des Kirchenjahres und wurde im griechischsprachigen Raum bereits im 6. Jahrhundert begangen. Erst im 9. Jahrhundert verband sich die kirchliche Feier mit einem deutlich älteren, vorchristlichen Ritual: dem Segnen von Kräuterbündeln zur Zeit der Spätsommerernte, wie es in den gerade missionierten germanischen Gebieten bereits verbreitet war. Für die ländliche Bevölkerung stand dieses Weiheritual über Jahrhunderte hinweg mindestens gleichrangig neben der theologischen Bedeutung des Tages, der Aufnahme Mariens in den Himmel.

Getragen wird der christliche Rahmen der Kräuterweihe von einer Legende: Als die Apostel nach Marias Tod ihr Grab öffneten, sollen sie darin keinen Leichnam, sondern Blumen und duftende Kräuter vorgefunden haben. Diese Erzählung lieferte die religiöse Begründung dafür, ausgerechnet an diesem Tag Pflanzen zu weihen – auch wenn die Wurzeln des Brauchs selbst, wie die Verbindung zur vorchristlichen Erntedank-Zeit zeigt, älter sind als die Legende.

Der Kräuterbuschen und seine Zahlensymbolik

Kernstück des Brauchs ist der Kräuterbuschen, auch Würzbüschel genannt: ein Strauß aus Heilkräutern, Getreideähren und Blüten, dessen Zusammensetzung von Region zu Region variiert. Die Anzahl der verwendeten Pflanzen folgt dabei fast immer einer symbolischen Zahl:

  • Sieben Kräuter für die Schöpfungstage oder die Wochentage.
  • Neun, als dreifache Drei, verstärkt den Bezug zur Heiligen Dreifaltigkeit.
  • Zwölf steht für die Apostel, vierundzwanzig verdoppelt diese Zahl um die zwölf Stämme Israels.
  • Zweiundsiebzig, das Sechsfache von zwölf, wird mit der im Lukasevangelium genannten Zahl der von Jesus ausgesandten Jünger in Verbindung gebracht.
  • Manche Regionen kennen auch Sträuße aus 99 verschiedenen Pflanzen.

In der Mitte des Straußes steht traditionell die Königskerze als Sinnbild Mariens. Um sie herum finden sich je nach Gegend Johanniskraut, Beifuß, Schafgarbe, Kamille, Thymian, Lavendel, Rosmarin, Baldrian, Eisenkraut oder Wermut. Manchen dieser Pflanzen schrieb man ganz praktische Wirkungen zu: Beifuß und Lavendel sollten Ungeziefer fernhalten, Rosmarin einen ruhigen Schlaf fördern, mitgebundene Getreideähren erinnerten an das tägliche Brot.

Weihe und Frauendreißiger

Gebunden werden die Kräuterbuschen häufig gemeinschaftlich, bevor sie im Gottesdienst oder im Anschluss daran vom Priester gesegnet werden. Damit werden sie zu einem sogenannten Sakramentale – einem gesegneten Gegenstand, dem religiöse Schutzwirkung zugeschrieben wird, ohne den Rang eines Sakraments zu haben.

An Mariä Himmelfahrt beginnt zudem der sogenannte Frauendreißiger, ein dreißigtägiger Zeitraum bis etwa zum 15. September, in dem Kräuter dem Volksglauben nach besonders wirkkräftig sein sollen. Manche volkskundliche Deutungen bringen diese Zeit auch mit vorchristlichen Vorstellungen einer Schutzpatronin der Frauen und Heilpflanzen in Verbindung – eine volkstümliche Interpretation, keine gesicherte historische Herleitung.

Verwendung der geweihten Kräuter im Jahreslauf

Nach der Weihe finden die Kräuterbuschen meist ihren Platz im Herrgottswinkel des Hauses, wo sie das ganze folgende Jahr über aufbewahrt werden. Von dort holt man sie bei Bedarf: als Tee bei Krankheit, zum Räuchern etwa in den Rauhnächten um Weihnachten, als Beimischung zum Futter der Stalltiere oder, bei aufziehendem Gewitter, um einzelne Zweige ins Herdfeuer zu werfen und so Haus und Hof vor Blitzschlag zu schützen.

Bedeutung heute

Kirchlich betrachtet, ist die Kräuterweihe heute vor allem ein Zeichen der Ehrfurcht vor der Schöpfung: Die Heilkraft der Pflanzen gilt als sichtbares Symbol göttlicher Fürsorge für die Menschen. Im gelebten Volksglauben schwingt daneben bis heute die ältere Vorstellung einer schützenden, beinahe magischen Kraft der geweihten Kräuter mit – beide Deutungen bestehen nebeneinander, ohne dass sie sich gegenseitig ausschließen.

Gerade in ländlichen Gemeinden Bayerns und Österreichs ist das gemeinsame Sammeln und Binden der Kräuter bis heute ein sozialer Termin im Spätsommer – ein Anlass, bei dem sich Nachbarschaft und Pfarrgemeinde treffen, bevor der Herbst beginnt.