Raunächte

Hier handelt es sich um die zwölf Tage vom Christtag (25. Dezember) bis zum Fest „Heilige Drei Könige“ (6. Jänner). In manchen Gebieten beginnen die Raunächte mit der Thomasnacht (20. auf 21. Dezember). Nach dem Volksglauben zog in dieser Zeit die „Wilde Jagd“ über die Felder und auch die „Frau Perchta“ mit ihren Gesellen.

Zeitraum

Wahrscheinlich kommen die Raunächte vom Mondjahr (12 Mondmonate sind 354 Tage). Im Gegensatz zum üblichen „Sonnenkalender“ (besser Gregorianischer Kalender) mit seinen 365 Tagen fehlen hier elf Tage.

Diese 12 Nächte sind in der Mythologie außerhalb der normalen Zeit und Naturgesetze sind außer Kraft gesetzt. Und auch in unserem Raum, wie in vielen anderen, sind hier Rituale und Volksbrauchtum angesiedelt. Da die Zeit dunkel ist, sich viele Mythen darum ranken und in früherer Zeit viel Unerklärliches vorhanden war oder auch Rituale die Gemeinschaft gefördert haben.
Schon seit der frühen Neuzeit hat sich diese Zeit für den Kontakt zu Geistern (ob Austreibung oder Beschwörung), den Kontakt zu Tieren oder auch für das Wahrsagen angeboten.

Die vier wichtigen Raunächte

Auch in den 12 Nächten gibt es welche die wichtiger , als die anderen sind:

D’ Raunacht sand vier,
zwoa foast und zwoa dirr

Oberösterreichische Redewendung
Räuchern in den Raunächten
Räuchern in den Raunächten

Referenzen

Das Referenzen oder auch Referenz gehen ist ein Perchtenbrauchtum um den Höfen und Haushalten im Umkreis der Pass die Referenz zu erweisen und Glück zu bringen.

An Fried, an Reim und an Gsund!

Die Wintergeister, die Schiachperchten mit ihren hässlichen Masken, vertreiben bei ihren Auftritten die bösen Geister, die sich in jede Ritze und in die Ecken des Hofs eingenistet haben. Besonders zwischen den Jahren, wie die Rauhnächte zwischen der Thomasnacht und dem 6. Jänner auch genannt werden, sind sie unterwegs.

Hier finden sich unzählige Gestalten aus dem Alltagsleben der Bevölkerung wie Hobergoas, Bärentreiber, der Winter, Hexe und der Tod und vieles mehr ein. Sie gehen von Hof zu Hof, von Haus zu Haus unter der Leitung ihres Hauptmanns. Beim Hof angekommen führen sie den Perchtentanz auf und erweisen den Hofleut‘ die Referenz. Damit sie vertreiben die bösen Geister und bringen Glück für das kommende Jahr ins Haus.

Schiachperchten

„Schiach“ bedeutet im Bairisch-Österreichischen schlicht: hässlich, unschön, grauslich. Und genau das sind sie absichtlich, mit tvollem Einsatz und kunstvollem Handwerk. Die Schiachperchten (auch: Schiachpercht’n, Schiachperchtn) sind die dunkle Seite der Perchtengestalt: furchteinflößende, mit Fell, Hörner und grotesk geschnitzten Holzmasken ausstaffierte Figuren, die vor allem im Salzburger Raum und im Pongau bekannt sind.

Perchten – aber welche?

Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig, die oft durcheinandergebracht wird. Die Perchten teilen sich grundsätzlich in zwei Gruppen:

  • Schönperchten
    prächtig, bunt, mit Glöckchen und Glanz. Sie bringen Fruchtbarkeit, Glück und Licht.
  • Schiachperchten
    dunkel, wild, bedrohlich. Sie jagen böse Geister, Krankheiten und das Unheil des Winters fort.

Der Name geht auf die Figur der Perchta zurück, eine vorchristliche Sagengestalt aus dem alpinen Raum, die mit dem Winter, der wilden Natur und dem Übergang zwischen den Welten verbunden wird.

Woher kommen die Schiachperchten?

Der Brauch hat Wurzeln, die tief ins Mittelalter und möglicherweise noch weiter in vorchristliche Zeit reichen. Volkskundler gehen davon aus, dass winterliche Umzüge mit Lärm, Masken und wildem Treiben ursprünglich dazu dienten, böse Geister zu vertreiben, die Sonne zurückzuholen und den Übergang in das neue Jahr zu gestalten.

Wichtig
Eine lückenlos belegte, einheitliche Geschichte „der Schiachperchten“ gibt es nicht. Die Überlieferung ist regional sehr unterschiedlich, mündlich geprägt und in manchen Details unsicher.

Der Brauch erlebte nach einer langen Phase der Unterdrückung (teils durch kirchliche, teils durch staatliche Verbote in der frühen Neuzeit) vor allem ab dem 20. Jahrhundert eine starke Wiederbelebung, besonders im Pongau, der Gegend rund um St. Johann im Pongau, Bischofshofen und Altenmarkt. Jedoch auch im Tennengau, Flachgau, dem angrenzenden Innviertel und auch teilweise im Rupertiwinkel

Wie sehen Schiachperchten aus?

Das ist das Herzstück und der Unterschied zu einem billigen Halloweenkostüm oder Krampus ist enorm:

  • Larve
    Die Holzmaske, traditionell von Hand geschnitzt, oft mit aufgerissenen Mündern, verdrehten Zügen, Zähnen aus Holz oder Tierknochen. Jede Larve ist ein Unikat. Bekannte Schnitzer im Salzburger Raum sind beispielsweise Franz Metzger oder die Werkstatt Rettei oder die Familie Gangl, echte Handwerker mit regionaler Verwurzelung.
  • Fell
    Meist vom Schaf.
  • Hörner
    Echte Hörner von in der Region jagdbaren Tieren und es sind mehr als zwei Hörner auf der Maske
  • Glocken
    Schwere Kuhglocken oder Schellen am Körper, der Lärm soll Böses vertreiben.
  • Rossschweif
    Die Schiachperchten schlagen damit nicht zu, sondern sie streifen damit über die Bein und bringen Glück und Fruchbarkeit.

Das Gewicht eines vollständigen Schiachperchten-Kostüms kann leicht 20 bis 40 Kilogramm betragen.

Der Perchtenlauf – wie läuft das ab?

Schiachperchten treten meist in Gruppen auf, sogenannten Passen. Ein Perchtenlauf ist kein harmloses Spektakel, sondern ein disziplinierter, aber wild wirkender Umzug durch Ortschaften.

Typische Merkmale:

  • Die Passe zieht durch Straßen und Gassen, begleitet von Glockengetöse und dem Stampfen der schweren Stiefel.
  • In manchen Traditionen wird symbolisch auf Zuschauer zugegangen – früher galt das als das tatsächliche Austreiben von Unheil aus dem Körper der Person.
  • Läufe finden nur in den Raunächten (die zwölf Nächte von Weihnachten bis Heilige Drei Könige) statt.

Im Pongau – also dem Salzburger Zentralalpenraum – hat der Perchtenlauf eine besonders ausgeprägte Tradition und gilt als eines der Zentren des lebendigen Brauchtums in Österreich.

Bedeutung heute

Die Schiachperchten erleben seit Jahrzehnten eine bemerkenswerte Renaissance. Vereine wie die Salzburger Schiachpechrt’n und Krampusse oder der Salzburger Nockstoa Perchtn legen großen Wert auf Handwerk, Authentizität und Weitergabe des Wissens an jüngere Generationen.

Was früher vielleicht wirklich Furcht einjagte, ist heute vor allem ein lebendiges Kulturerbe – mit echtem Können dahinter. Ein gut gemachtes Schiachperchten-Gewand kann mehrere tausend Euro kosten und jahrelange Arbeit in der Herstellung bedeuten.

Sebastiani-Schnapserl

Im salzburgerischen Pinzgau ist es zur Tradition geworden, am 20. Jänner ein kleines Schnapserl zu Ehren des heiligen Sebastian zu genießen und dabei auf das Wohl und die Gesundheit anzustoßen. Die Beweggründe für diese liebenswerte Gepflogenheit, die sich an diesem festlichen Tag abspielt, sind natürlich die eigene Gesundheit

Wenn also der 20. Jänner da ist, wird die regionale Gemeinschaft aktiv und widmet sich dem „Schnapseln“, einer charmanten Tradition, die vor allem dazu dient, das eigene Wohlbefinden zu pflegen. An diesem speziellen Tag, der als Sebastiani bekannt ist, kommt die Menschen zusammen, um in fröhlicher Runde auf die Gesundheit und das Wohl aller Anwesenden anzustoßen. Die Wahl des Datums ist dabei keineswegs dem Zufall überlassen, sondern steht in engem Zusammenhang mit der Verehrung des heiligen Sebastian.

Schon die griechische Mythologie meint, dass Menschen mit Pest, von Pfeilen eines erzürnter Gottes getroffen wurden. Durch sein Pfeilmartyrium gilt der heilige Sebastian seit dem Mittelalter als Schutzpatron bei Krankheiten.

Zu seinen Ehren entstanden viele Bräuche, die auch noch oder wieder gelebt werdeb. Der Sebastianischnaps wird noch immer nach der Kirchzeit oder zuhause in der Familie getrunken. Man stößt dabei zu Ehren des heiligen Sebastian auf die Gesundheit an, traditionell entweder mit einem Holler-, Moosbeer-, Vogelbeer- oder Enzianschnaps.

Neben dem Gesundheitsschnaps war früher auch ein Nähverbot Sebastianitag verbreitet

So wird aus Dienten berichtet, dass dort am Sebastianitag die Frauen Feiertag haben und unter keinen Umständen eine Nadel anrühren, da sie der Auffassung sind, man könnte damit dem Heiligen wehe tun.

Salzburger Volksbräuche, Salzburger Druckerei, Karl Zinnburg, 1971

Sternsingen

Beim Sternsingen ziehen Kinder und Jugendliche der katholischen Pfarrgemeinden als Heilige Drei Könige verkleidet von Haus zu Haus, um die Weihnachtsbotschaft zu verkünden und Spenden für wohltätige Zwecke zu sammeln. Dieser Brauch, der seit dem 16. Jahrhundert bekannt ist, wurde durch die 1959 eingerichtete „Aktion Dreikönigssingen“ weiter verbreitet und organisiert.

Im 16. Jahrhundert wurde der Brauch des Sternsingens erstmals schriftlich erwähnt. Ursprünglich war er nur im Umkreis von Bischofssitzen und Stiften bekannt und wurde von Chor- und Klosterschülern in Anlehnung an die Legende des Johannes von Hildesheim ausgeübt. Im Zeitalter der Aufklärung an der Wende zum 19. Jahrhundert stieß der Umgang mit dem Stern in katholischen Gegenden auf Ablehnung. Doch kirchlich kontrolliert und in erneuerter Form verbreitete sich der Brauch erneut. In den 1930er Jahren entstand der organisatorische Rahmen, in dem das Sternsingen heute fast ausschließlich stattfindet. Besonders in Süddeutschland und Österreich gibt es kaum eine katholische Gemeinde, in der nicht Heilige Drei Könige umherziehen und Spenden für Hilfsprojekte sammeln.

Nach einem Aussendungsgottesdienst ziehen die Sternsinger in den Tagen vor dem Dreikönigsfest (6. Januar) oder direkt an diesem Tag los. Sie tragen einen Stern, singen Lieder, sagen Gedichte oder Gebete auf. Am Ende des Besuchs schreiben sie mit geweihter Kreide das Zeichen (Die Jahreszahl ändert sich jährlich, hier ist es 2026.):

20 ✦ C + M + B ✦ 26

Die drei Buchstaben haben eine doppelte Bedeutung:

  • Die Anfangsbuchstaben der drei Könige: Caspar, Melchior, Balthasar
  • Und gleichzeitig für den lateinischen Segensspruch: Christus Mansionem Benedicat – „Christus segne dieses Haus“

Das Kreidezeichen über der Tür bleibt das ganze Jahr über sichtbar – als Zeichen des Segens für Haus und Familie.

Am 6. Januar, dem sogenannten Dreikönigstag, wird liturgisch Epiphanie gefeiert, das Hochfest der Erscheinung des Herrn. An diesem Tag feiert die Christenheit den Einzug des Gottkönigs in die Welt und das Offenbarwerden seiner Herrlichkeit. Erst später galt der 6. Januar in der Kirche auch als Gedenktag der Heiligen Drei Könige. In den ersten Jahrhunderten war der 6. Januar für die Christen zugleich der Weihnachtstag, was in den östlichen orthodoxen Kirchen bis heute so ist. Erst Mitte des 4. Jahrhunderts wurde in der weströmischen Kirche die Feier der Geburt Christi auf den 25. Dezember festgelegt. Am 6. Januar beginnt das kirchliche Jahr neu, und zum Sternsingen gehören traditionell auch Neujahrsgrüße.

Die Verehrung der Heiligen Drei Könige im Abendland setzte erst im 12. Jahrhundert von Köln aus ein. Dies hängt mit der „Entdeckung“ von Gebeinen zusammen, die den Heiligen Drei Königen zugeschrieben wurden. Diese Gebeine waren vermutlich erst im genannten Jahrhundert aus Konstantinopel nach Mailand gekommen. Nachdem Kaiser Friedrich Barbarossa Mailand erobert hatte, wurden sie nach Köln gebracht, wo sie 1164 ankamen.

Das Sternsingen ist somit nicht nur ein lebendiger Brauch, sondern auch ein Stück gelebter Geschichte, das die Weihnachtsbotschaft und den Segen in die Häuser bringt und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zu wohltätigen Zwecken leistet.

Ablauf

Das Herzstück des Dreikönigstags ist der Brauch des Sternsingens. Kinder – meist aus der Pfarrgemeinde – ziehen verkleidet als die drei Könige von Haus zu Haus, singen Lieder oder sprechen Segensverse und sammeln dabei Spenden.

Am Ende des Besuchs schreiben sie mit geweihter Kreide das Zeichen (Die Jahreszahl ändert sich jährlich, hier ist es 2026.):

20 ✦ C + M + B ✦ 26

Die drei Buchstaben haben eine doppelte Bedeutung:

  • Die Anfangsbuchstaben der drei Könige: Caspar, Melchior, Balthasar
  • Und gleichzeitig für den lateinischen Segensspruch: Christus Mansionem Benedicat – „Christus segne dieses Haus“

Das Kreidezeichen über der Tür bleibt das ganze Jahr über sichtbar – als Zeichen des Segens für Haus und Familie.

  • Stern
    Die Kinder tragen einen selbstgebauten oder gekauften Stern auf einer Stange – Symbol für den Stern von Bethlehem, dem die Weisen gefolgt sein sollen.
  • Gewänder und Kronen
    Die Verkleidung ist oft farbenfroh, manchmal einfach, manchmal aufwendig.
  • Segensspruch oder Gesang
    Es gibt regional unterschiedliche Verse und Lieder.
  • Weihrauch
    In manchen Gemeinden räuchern die Sternsinger das Haus aus – ein altes Symbol der Reinigung und des Schutzes.
  • Kollekte
    Die gesammelten Spenden fließen heute meist in kirchliche Hilfsprojekte.

Weihnachten

Weihnachten ist mehr als nur ein Feiertag – es ist eine Zeit der Besinnung, des Beisammenseins und der Freude. In den Alpenländern, wo die Winter besonders kalt und die Nächte lang sind, hat Weihnachten eine ganz besondere Bedeutung.

Die Weihnachtszeit beginnt mit dem Advent, der vier Wochen vor Weihnachten beginnt. Dies ist eine Zeit der Vorbereitung und Erwartung. Viele Familien haben einen Adventkranz mit vier Kerzen, von denen jede an einem der vier Sonntage vor Weihnachten angezündet wird. Auch werden bereits im Advent die ersten Weihnachtskrippen in Häusern und Kirchen aufgestellt.

Während des Advents, am 6. Dezember liegt der Nikolaustag, welcher mit dem Krampus ausgiebig gefeiert wird.

Der Heilige Abend, der 24. Dezember, ist der Höhepunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten. Familien kommen zusammen, um ein festliches Mahl zu teilen, und dann werden die Geschenke, die vom Christkind unter den Christbaum gelegt wurden, ausgepackt. In einigen Ländern ist auch der 25. Dezember, der Christtag, und der 26. Dezember, der Stephanitag, noch arbeitsfrei. Damit teilen sich die Familienfeiern oft auf mehrere Tage auf.

Wilde Jagd

Glück hinein,
Unglück hinaus,
es geht das Wilde Gjoad ums Haus!

Was ist die Wilde Jagd – und was bedeutet „Gjoad“?

„Wilde Jagd“ oder im Salzburger Dialekt „Wildes Gjoad“ bezeichnet einen nächtlichen Geisterzug, der sich in der Vorstellung der Menschen als rasender, lärmender Umzug durch die Winternacht bewegt. Der Zug fegt wie ein Sturmwind heran, verworrenes Geheul schallt durch die Luft, man hört Pferde wiehern, Hunde bellen, Peitschenknall und Jagdrufe. So schildern es alte Sagenbücher aus dem Salzburger Raum.

Das Wort „Gjoad“ ist die dialektale Salzburger Form von „Gehrad“ oder „Gehret“, also Zug, Tross, Truppe. Es beschreibt also nicht eine Jagd im wörtlichen Sinn, sondern den Umzug des wilden Geisterheers.
In diesem uralten Brauch verbinden sich christliches Brauchtum, heidnische Überlieferung und historische Wahrheit. Selten lässt sich das so deutlich auf einen einzigen Ort und einen einzigen Abend herunterbrechen wie hier, am Untersberg.

Der Untersberg als Zentrum der Sage

Der Untersberg, jener markante Gebirgsstock südlich von Salzburg auf der Grenze zu Bayern, ist einer der sagenreichsten Berge des Alpenraums. In seinen Tiefen, so der Volksglaube, schläft Kaiser Karl der Große (in anderen Versionen Kaiser Friedrich Barbarossa) und wartet auf seine Wiederkehr. Der Rabe, der Riese Abfalter, die Hexen und das Moosweibl: Sie alle stammen aus diesem dichten Sagenkosmos rund um den Berg.

Die Wilde Jagd wird mit dem südlich von Salzburg aufragenden Untersberg in Verbindung gebracht, ähnlich wie der Kyffhäuser im Harz mit Kaiser Barbarossa. Durch das Christentum, so die volkskundliche Interpretation, wurden die alten vorchristlichen Götter zu Schreckensgestalten umgedeutet, die nun in hohlen Bergen hausen oder nachts durch die Lüfte irren mussten.

Herkunft und Hintergründe

Der Brauch verbindet christliches Brauchtum, heidnische Überlieferung und historische Wahrheit. Vermutlich geht das wilde Treiben auf keltische Rituale zurück, die den Gott der Stürme und der kalten Winterwinde besänftigen sollten. Historische Funde sollen belegen, dass bereits vor rund 2.000 Jahren um den Untersberg Tiermasken zu Kultzwecken getragen wurden. Die Wilde Jagd soll den Zug der Seelen darstellen, die in der Raunachtszeit bei ihren Familien nach dem Rechten sahen.

Die kirchliche Seite sah das traditionell skeptisch bis feindselig: Die Wilde Jagd war wie viele andere Bräuche lange Zeit verboten, und bei Nichtbeachtung des Verbotes drohten empfindliche Strafen.

Die Wiederbelebung 1949

Ein wichtiger Hinweis zur Einordnung
Der heute gepflegte Brauch ist nicht nahtlos aus dem Mittelalter überliefert. Es handelt sich um einen uralten Brauch, der im 19. Jahrhundert eingestellt und 1949 wiederbelebt bzw. neu interpretiert wurde.

Kuno Brandauer und Werner Dürnberger sorgten dafür, dass der Wilde-Jagd-Zug im Jahr 1949 in Anif erstmals wieder von der Heimat- und Brauchtumsgruppe Jung Alpenland durchgeführt wurde. Werner Dürnberger entwarf die Masken der zwölf Gestalten. Kuno Brandauer vermengte dabei Elemente der Anklöpfelbräuche mit den Untersberg-Sagen und mit der früheren, vor den Weltkriegen gepflegten Untersberger Wilden Jagd.

Das Salzburger Kulturlexikon ordnet das kritisch ein: Es handelt sich um eine 1943 bzw. 1949 von Kuno Brandauer neu begründete Brauchform, die Elemente der Wilden-Jagd-Sage mit Figuren der Untersbergsagen und Perchten vermengt, wobei Brandauer dem Spiel eine für ihn typische heidnisch-kultische Bewertung unterlegte. Das ist eine wichtige volkskundliche Einordnung: Was heute als „uralter Brauch“ erlebt wird, ist in seiner jetzigen Form eine bewusste Neuschöpfung der Nachkriegszeit, eingebettet in echte ältere Überlieferungen.

Ablauf

An einem möglichst geheim gehaltenen Ort in der Untersberg-Gegend taucht das „Wilde Gjoad“ jährlich am Donnerstag zwischen dem zweiten und dritten Adventsonntag, also dem zweiten Donnerstag im Advent, nach Einbruch der Dämmerung auf und führt den Umgang und Tanz durch, auch Referenz genannt. Ganz plötzlich taucht es an einem entlegenen Ort auf und verschwindet wieder in der Dunkelheit der Dezembernächte. Oft wissen die Hofbesitzer im Voraus nichts davon. Die Heimat- und Brauchtumsgruppe Jung Alpenland hält dabei feste, unveränderliche Regeln ein:

  • die Durchführung am zweiten Donnerstag im Advent,
  • die Geheimhaltung des Ortes,
  • die Festlegung auf die Heilige Zahl Zwölf bei den Maskenträgern, sowie
  • ein geregelter Ablauf mit symbolhaften Handlungselementen und
  • der Verzicht auf Spendenbettelei.

Die vermummten Gestalten ziehen unter lautem Getöse von Bauernhof zu Bauernhof. Dort klopfen sie an Fenster und Türen und rufen den Bewohnern zu: Glück hinein, Unglück heraus, es geht das Wilde Gjoad ums Haus! Zum Höhepunkt des Besuchs bilden die Maskenträger einen Kreis, führen zur sogenannten Perchtenmusik auf Schwegelpfeifen einen Springtanz auf, und der Tod gibt mit seiner Trommel den Takt vor.

Die zwölf Figuren

Die zwölf Figuren sind: Vorpercht, Tod, Hexe, Habergoaß, Hahnergickel, Moosweiberl, Riese Abfalter, Eber, Rabe, Wilder Mann, Bär und Bärentreiber.

Jede Figur hat ihre eigene Bedeutung:

Die Vorpercht schreitet dem Zug voran, klopft an Türen und Fenster und kündigt die unheimlichen Begleiter an. Der Tod ist die eigentliche Zentralfigur: Er markiert mit seinem Trommelschlag den Rhythmus und bestimmt den gesamten Ablauf. Der Rabe gilt als Sturm- und Götterbote. Der Rabe vom Untersberg ist eine besonders mysteriöse Gestalt in der Untersberg-Sage und steht in Verbindung mit der Sage des im Berg schlafenden Kaisers.

Die ersten Masken wurden von Werner Dürnberger geschnitzt. Die Originale sind heute ganzjährig im Untersbergmuseum in Fürstenbrunn zu besichtigen.

Die Wilde Jagd in Europa

Das faszinierende an der Salzburger Wilden Jagd: Sie ist keine regionale Erfindung, sondern Teil eines der weitverbreitetsten Wintermythen Europas.

Das Phänomen des nächtlichen Geisterzuges wurde in der Folklore ganz Europas aufgezeichnet, war aber besonders im germanischen Norden verbreitet. In Skandinavien hieß es Oskoreia (die schreckliche Fahrt) oder Odensjakt (Odins Jagd). Im Mittelhochdeutschen sprach man von Wuotanes Her (Odins Heer), im modernen Deutschen vom Wütenden Heer oder eben der Wilden Jagd. Es fegte in der Mitte des Winters durch die Wälder, in der kältesten, dunkelsten Zeit des Jahres, wenn tosende Stürme über das Land peitschten.

In England heißt der Zug the Wild Hunt, in Frankreich Mesnie Hellequin, chasse fantastique oder chasse sauvage, im Italienischen caccia selvaggia. Die Wilde Jagd zieht besonders in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, den Raunächten, durch die Lüfte, aber auch Fastnacht und Karfreitag gelten als besondere Daten.

In Irland führte der mythische Krieger Fionn mac Cumhaill den Geisterzug an, in Schottland waren es Wesen der Feenwelt. In Schottland schützten Menschen bis ins 20. Jahrhundert noch die Westseite des Hauses, wenn jemand krank darin lag, weil die bösen Geister der Wilden Jagd angeblich von Westen kamen. Allen Versionen gemeinsam: Ein Anführer aus der Welt der Toten, eine Winternacht, und die Warnung, sich nicht in den Weg zu stellen.

Die Überlieferung schildert es so: Wehe dem nächtlichen Wanderer, der nicht sogleich sein Gesicht zur Erde wendet und den Geisterzug vorbeirasen lässt.
Der gemeinsame Kern all dieser Versionen ist auffällig: das Bild des tosenden Sturms als Manifestation einer übernatürlichen Macht, die in der dunkelsten Zeit des Jahres durch die Welt streift.

Bedeutung heute

Es ist der Gruppe Jung Alpenland zuzuschreiben, dass sich die Wilde Gjoad über Jahrzehnte in annähernd unveränderter Form erhalten konnte. Was 1949 als Wiederbelebung begann, ist heute ein fester Bestandteil des Salzburger Brauchtumskalenders.

Der Reiz liegt gerade im Geheimnis: Man weiß, dass es stattfindet. Man weiß, wann. Aber man weiß nicht wo. Und das gibt dem Brauch etwas, das vielen folkloristischen Veranstaltungen fehlt: echte Spannung, echtes Staunen, echte Überraschung.

Der Zug erinnert auch an etwas Grundsätzlicheres. In der Zeit des Advents, wenn die Nächte am längsten sind und die Dunkelheit drückt, brauchen Menschen seit jeher Rituale, um sich mit dem Unheimlichen zu arrangieren. Die Wilde Jagd macht das buchstäblich greifbar: Sie bringt das Dunkel, die Kälte und die Toten vor die Haustür, ruft Glück herbei und schickt das Unglück fort.

Wintersonnwend

Der Begriff kommt vom lateinischen solstitium „Sonnenstillstand“. An diesem Tag erreicht die Sonne ihren tiefsten Stand am Horizont und scheint kurz innezuhalten, bevor sie wieder höher steigt. Astronomisch gesehen ist die Wintersonnenwende der Moment, an dem die Nordhalbkugel der Erde am weitesten von der Sonne abgeneigt ist.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Dass Menschen die Sonnenwende begingen, lässt sich archäologisch weit zurückverfolgen. Megalithanlagen wie Stonehenge in England oder Newgrange in Irland sind so ausgerichtet, dass das Sonnenlicht zur Wintersonnenwende auf eine bestimmte Weise einfällt, ein deutliches Zeichen, wie wichtig dieser Moment für frühe Kulturen war.

Im Alpenraum selbst sind die Spuren weniger eindeutig greifbar, aber Volkskundler gehen davon aus, dass viele winterliche Bräuche, das Entfachen von Feuern, das Lärmtreiben, das Vertreiben böser Geister, ihre Wurzeln in dieser dunklen Jahreszeit haben.

Römische Einflüsse spielten ebenfalls eine Rolle: Das Fest Saturnalia und der Kult um den Sonnengott Sol Invictus („die unbesiegte Sonne“) wurden ebenfalls rund um den 25. Dezember gefeiert. Die frühe Kirche legte die Geburt Christi bewusst oder zumindest praktisch in diese Zeit: Das Licht, das in die Welt kommt, als Gegenentwurf zur dunkelsten Nacht.

Ablauf & typische Elemente

Feuer ist das zentrale Element der Wintersonnenwende in fast allen Kulturen, die diesen Tag begingen. Feuer bedeutete Wärme, Licht und die symbolische Einladung an die Sonne, wiederzukommen. Typische Elemente, die im volkskundlichen Kontext mit der Wintersonnenwende in Verbindung gebracht werden:

  • Sonnwendfeuer
    Auf Hügeln und Bergrücken entzündete Feuer, die weit ins Land leuchteten.
  • Immergrünes Grün
    Tannenzweige, Stechpalme, Mistel und Efeu behielten ihr Grün, als alles andere abstarb. Sie galten als lebendiges Zeichen der Hoffnung auf Rückkehr des Lebens.
  • Raunächte
    Die Nächte zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar, die eng mit der Wintersonnenwend-Zeit verbunden sind, galten als besonders kraftvoll, gefährlich und prophetisch. Hier löst sich die zeitliche Ordnung auf; alte Geister und neue Kräfte sind auf der Welt.
  • Lärmtreiben und Umzüge
    Das laute Treiben in den Winterwochen, Peitschenknallen, Perchtenläufe, hat Volkskunde-Forscher immer wieder dazu verleitet, einen Zusammenhang mit dem Vertreiben der winterlichen Dunkelheit herzustellen. Ob das die ursprüngliche Bedeutung war, lässt sich heute nicht mehr eindeutig sagen.

Regionale Besonderheiten

Im alpinen Raum ist die Wintersonnenwende eng verwoben mit der Zeit der Raunächte und des Perchtenbrauchtums. Die Vorstellung, dass in der dunkelsten Zeit des Jahres übernatürliche Wesen umherzögen, sei es die Wilde Jagd, die Perchten, ist tief in der regionalen Volkskultur verwurzelt.

In manchen Gegenden Salzburgs und der Steiermark werden heute wieder bewusst Sonnwendfeiern organisiert, die an alte Bräuche anknüpfen wollen, teils von Heimatvereinen, teils einfach als Gemeinschaftsfest.

Bayern kennt vor allem das Herausnehmen des Adventslichts und verschiedene Lichtbräuche in dieser Zeit. Die genaue Abgrenzung, welche Elemente speziell auf die Sonnenwende zurückgehen und welche sich aus kirchlichem Advent und Weihnachten entwickelten, ist in der Alltagspraxis oft verwischt.

Bedeutung heute

Die Wintersonnenwende erlebt seit einigen Jahrzehnten eine gewisse Wiederentdeckung, getragen von sehr unterschiedlichen Menschen: Anhänger neuheidnischer Traditionen wie Wicca oder rekonstruierter germanischer Religiosität feiern sie als zentrales Fest. Aber auch Menschen ohne religiösen Hintergrund empfinden diesen Wendepunkt als etwas Bedeutsames, einen natürlichen Rhythmus, dem man sich verbunden fühlen kann.

Gleichzeitig löst die Sonnenwende manchmal die Frage aus, was „echt“ und was „rekonstruiert“ ist. Ehrliche Antwort: Vieles, was heute als alter Sonnwendbrauch präsentiert wird, ist eine moderne Neuinterpretation. Das macht es nicht wertlos, doch es lohnt sich, den Unterschied zu kennen.