
Segensbräuche | Pfingstbräuche
Leonhardiritt (Holzhausen)
von Clemens Gull
Holzhausen ist ein kleiner Ortsteil von Teisendorf, und an den allermeisten Tagen im Jahr merkt man ihm das auch an. Am Pfingstmontag jedoch säumen mehr als achttausend Zuschauer die Straßen, über dreihundert Pferde ziehen im Zug durch das Dorf, und der Rupertiwinkel feiert seinen Leonhardiritt – die älteste Kulturveranstaltung im Berchtesgadener Land, in ihren Anfängen seit über vierhundert Jahren belegt.
Ein Leonhardiritt, der nicht im November reitet
Wer Leonhardiritte kennt, erwartet sie im Spätherbst. Der heilige Leonhard, im Alpenraum als Schutzpatron des Viehs verehrt und in Bayern seit dem 19. Jahrhundert auch „der Bauernherrgott“ genannt, hat seinen Gedenktag am 6. November, und die meisten der bayerischen und österreichischen Umritte richten sich danach. Holzhausen tut das nicht.
Der Grund liegt in der Entwicklung des Brauchs selbst. Ursprünglich zog man in Holzhausen zu Ostern aus, später verlegte man den Umgang auf den Pfingstdienstag, und beim heutigen Termin, dem Pfingstmontag, kam er schließlich zur Ruhe. Der Ritt behielt dabei seinen Patron und wechselte den Termin. Das kommt in der Brauchgeschichte häufiger vor, als man annimmt, weil Arbeitsrhythmus und Feiertagslage eines Dorfes meist schwerer wogen als die Zuordnung im Heiligenkalender. Ein Gedenktag im November nützt wenig, wenn der halbe Ort dann im Stall steht; Pfingsten dagegen liegt in einer Zeit, in der ein Dorf sich einen ganzen Feiertag leisten kann.
Eine Zeile im Rechnungsbuch, 1612
Die Spur des Brauchs beginnt mit einer Buchhaltungsnotiz. Im Rechnungsbuch des Holzhauser Gotteshauses zum Heiligen Kreuz, damals zur Pfarrei Teisendorf gehörig, ist für das Jahr 1612 die Bezahlung eines Priesters vermerkt, der einen Bittgang abgehalten hatte. Ein Umgang zu Fuß also, wie ihn der kirchliche Jahreslauf in anderer Form etwa mit der Fronleichnamsprozession kennt.
Zu Pferd saß man damals offenbar noch nicht. Erst siebzig Jahre später, 1682, hält dasselbe Rechnungsbuch fest: „Als man mit dem Kreuz allhero geritten ist“. Ein Umstellungsbeschluss war das nicht, sondern schlicht der erste schriftliche Beleg dafür, dass geritten wurde – wann genau aus dem Umgang der Umritt geworden ist, lässt sich aus den Büchern nicht ablesen. Der Eintrag von 1612 begründet jene Traditionslinie von über vierhundert Jahren, auf die man in Holzhausen zu Recht stolz ist; der von 1682 sagt, seit wann geritten wird.
Zwölf Wagen und ein Kircherl in Miniatur
Der Zug ist kein reines Reiterspektakel. Zwischen den Pferden fahren zwölf historische, eisenbereifte Wagen, und was auf ihnen steht, erklärt den Brauch besser als jede Beschreibung des Aufzugs: ein Nachbau des Leonhardikircherls im Kleinformat, eine Figur des heiligen Leonhard, dazu die Bauernheiligen Notburga und Isidor – jede Figur auf einem eigenen Wagen, reich mit Blumen und Girlanden geschmückt. Es fahren also die Schutzpatrone der bäuerlichen Arbeit mit, nicht bloß Dekoration. An der Spitze des Zuges werden ein Kreuz und eine Darstellung des heiligen Georg mitgeführt.
Die Pferde – vom Pony über den Haflinger bis zum schweren Kaltblut – tragen kunstvoll eingeflochtene Mähnen mit eingearbeiteten Blumen. Die Reiterinnen und Reiter sind in Tracht, Dirndl und Lederhose, begleitet vom Teisendorfer Trachtenverein und von mehreren Musikkapellen, die teils von eigenen geschmückten Wagen herab aufspielen.
Zweimal am Kircherl vorbei
Der Kern des Brauchs ist rasch erzählt und doch der Grund, aus dem die Leute kommen: Der Zug nimmt eine rund anderthalb Kilometer lange Runde um das Dorf und kommt dabei zweimal am Leonhardikircherl vorbei. Dort erteilt der Priester den Segen – für Ross und Reiter, für Haus und Hof, für das Vieh. Anschließend folgt der Festgottesdienst. Wenn der Segen gesprochen wird, nehmen die Reiter die Hüte ab, und über einem Dorf, in dem eben noch Tausende durcheinanderreden, wird es für einen Augenblick still.
Erbeten wird das, worum es bei Leonhardiritten seit jeher geht: ein unfallfreies, krankheitsfreies Jahr für Mensch und Tier. Der Ritt ist damit kein Umzug mit religiöser Verzierung, sondern eine Bittprozession – nur eben eine, die seit mehr als drei Jahrhunderten zu Pferd stattfindet.
Vom stillen Dorfbrauch zur Festwoche
Lange blieb der Ritt eine lokale Angelegenheit, getragen von den Holzhauser Familien und ohne größeres Publikum. In den Jahren der Mechanisierung wurde es sogar eng: Als die Pferde auf den Höfen weniger wurden, stand zeitweise ein Zweijahresrhythmus im Raum. Organisatorisch bündelte man den Ritt seit 1950 in der Holzhauser Leonhardivereinigung, aus der 1973 die heutige Leonhardigilde hervorging.
Dass daraus ein Volksfest wurde, war zunächst eine Notlösung. 1972 stand der Saal des Holzhauser Wirtshauses wegen eines Umbaus nicht zur Verfügung, und die „Holzhauser Buam“ stellten behelfsweise ein dreitägiges Bierzelt auf. Das kam an. 1975 war daraus eine ganze Festwoche geworden, wie sie bis heute den Pfingsttermin in Holzhausen prägt. Der Umritt am Montag blieb dabei der Höhepunkt, bekam aber ein Rahmenprogramm, das dem kleinen Ort für gut eine Woche einen veritablen Ausnahmezustand beschert.
Einordnung
Im Reigen der alpenländischen Pferdesegnungen steht Holzhausen an einer eigenen Stelle. Der Georgiritt am 23. April ist eng mit dem Beginn der Weidezeit verbunden – er sitzt also an einem echten Wendepunkt des bäuerlichen Jahres. Die klassischen Leonhardiritte im November dagegen hängen schlicht am Gedenktag ihres Heiligen; das Ende der Almsaison markieren im Alpenraum ganz andere Fixpunkte, nämlich Almabtrieb und Michaeli im Frühherbst.
Holzhausen setzt seinen Segen dazwischen, im späten Frühjahr, wenn das Vieh auf der Weide steht und die arbeitsreichen Monate erst bevorstehen. Wer den Brauch verstehen will, sollte deshalb weniger auf den Namen als auf den Termin schauen: Gesegnet wird hier nicht in erster Linie zum Andenken an einen Heiligen, sondern zu Beginn der Zeit, in der etwas schiefgehen kann.
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2026, Clemens Gull (mit KI)