Wallfahrt

Eine Wallfahrt ist die bewusste Reise zu einem heiligen Ort, an dem Gläubige der Nähe des Göttlichen besonders sicher zu sein glauben – sei es zur Heilung von Leiden, aus Dank oder um ein Anliegen vorzutragen. Die Praxis ist älter als das Christentum: Schon in antiken Kulturen zogen Menschen zu Kultstätten, die als besonders heilig galten. Das frühe Christentum übernahm diesen Gedanken ab dem 4. Jahrhundert – zunächst mit Reisen zu den Gedenkstätten Christi im Heiligen Land, bald darauf zu den Apostelgräbern in Rom und, ab dem 11. Jahrhundert, zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela.

Im Alpenraum und in Mitteleuropa entstanden ab dem Mittelalter zahlreiche eigene Wallfahrtsorte, meist rund um wundertätige Marienbilder oder verehrte Heilige. Mariazell in der Steiermark zieht seit dem 13. Jahrhundert Pilger an, St. Wolfgang am Abersee seit dem frühen 14. Jahrhundert, und in Altötting in Oberbayern setzte nach einem ersten Wunder im Jahr 1489 binnen weniger Jahre ein Pilgerstrom aus Böhmen, Wien, Kärnten, der Steiermark und Südtirol ein. Allein im Erzbistum Salzburg sind bis heute 175 solcher Pilgerstätten dokumentiert – darunter Großgmain, das im 17. Jahrhundert als größte und wichtigste Wallfahrt im Erzstift Salzburg galt, sowie Maria Plain und Maria Kirchental, wo sich seit 1757 gestiftete Votivtafeln erhalten haben.

Eine Sonderform ist die Bergwallfahrt: Seit rund 300 Jahren ziehen am 28. und 29. Juni Pilger zur Adlersruhe auf den Großglockner, um dort in großer Höhe gemeinsam Gottesdienst zu feiern – ein Beleg dafür, wie eng Wallfahrt und alpine Landschaft im Salzburger und Tiroler Raum verwoben sind.

An den Zielorten selbst entwickelten sich über die Jahrhunderte eigene Rituale: das Darbringen von Votivgaben und gemalten Votivtafeln als sichtbarer Dank für erhörte Bitten, gemeinsame Bitt- und Dankgebete sowie zeremonielle Waschungen an Gnadenbrunnen. Wallfahrtsorte hatten daneben auch handfeste wirtschaftliche Bedeutung für ihre Umgebung – durch Gastgewerbe, Spenden für den Kirchenbau und gestiftete Messen. Von der ökumenisch offenen Praxis des Pilgerns unterscheidet sich die Wallfahrt bis heute durch ihren dezidiert katholischen Charakter: Ziel ist nicht allein der Weg, sondern die Ankunft an einem konkreten Gnadenort.

Weihwasswerbecken

Weihwasserbecken sind in der katholischen Kirche Gefäße zur Aufnahme von Weihwasser, einem sogenannten Sakramentale. Die kleineren Varianten für den häuslichen Gebrauch werden auch als Weihwasserkessel oder Weihbrunnkessel bezeichnet. Der Begriff „Weihbrunn“ ist dabei kein Zufall: Er verweist auf die alte Vorstellung, dass es sich um eine Art geweihter Quelle handelt. Wasser, dem durch ein priesterliches Segensgebet eine besondere, schützende Kraft verliehen wurde.

Weihwasser ist Wasser, über das von einem Priester oder Diakon ein Segensgebet gesprochen wurde, und gehört zu den Sakramentalien der Kirche. Ihm kann Salz beigefügt werden. Theologisch gesehen ist Weihwasser kein Zauber, sondern ein Zeichen: Es erinnert an die Taufe und steht für Reinigung, Schutz und Gottesnähe.

Woher kommt der Brauch?

Der Ursprung von mit Wasser gefüllten Becken reicht bis in das antike Griechenland zurück, dort dienten solche Becken der symbolischen Reinigung vor dem Betreten eines Heiligtums oder Tempels. In der katholischen Tradition lassen sich die ersten Weihwasserbecken bereits in Kirchen aus der Zeit der Romanik nachweisen.

Seit dem Mittelalter ist es üblich, nahe der Kirchentür ein Weihwasserbecken zu installieren, damit sich die Gläubigen beim Betreten und Verlassen der Kirche bekreuzigen können. Von dort wanderte der Brauch irgendwann in die Häuser. Wer nicht immer in die Kirche gehen konnte, wollte den Segen trotzdem daheim verfügbar haben. Man füllte ein kleines Schüsserl am Weihwasserkessel in der Kirche und nahm es mit nach Hause. So entstand eine private Variante des Kirchenbrauchs, bodenständig, alltagsnah, volksfromm.

Das Weihwasserbecken im Haus

Gläubige können das Weihwasser mit nach Hause nehmen und dort das Jahr über in Weihwasserbecken in den einzelnen Räumen bereithalten. Klassische Plätze waren und sind: neben der Haustüre, im Schlafzimmer, am Nachtkastl und in der guten Stube.

Es gab eine Zeit, in der katholische Familien ein kleines Weihwasserbecken neben der Haustür oder in ihren Zimmern hatten, und bevor sie das Haus verließen, bei der Rückkehr, zu Beginn des Tages oder vor dem Schlafengehen damit das Kreuzzeichen machten. Diese kurze Geste, die Fingerspitzen ins Wasser tauchen, sich bekreuzigen, vielleicht ein stilles Gebet sprechen, war in vielen Familien ein selbstverständlicher Teil des Tages. Nicht als große religiöse Handlung, sondern als ruhiges Ritual, das Übergänge markierte: den Aufbruch, die Heimkehr, den Schlaf.

Besonders für Eltern galt es als sinnvoll, schon den kleinen Kindern morgens und abends Weihwasser zu geben und ihnen ein Segenskreuzlein auf Mund, Stirn und Brust zu zeichnen. Der Weihbrunnkessel war damit auch ein Ort familiärer Fürsorge: der Segen der Eltern, greifbar und täglich.

Die Formen sind so vielfältig wie die Regionen. Weihwasserbecken sind fast immer auf Ellenbogenhöhe fest angebracht. Volkstümliche Stücke aus dem Alpenraum zeigen häufig Mariendarstellungen, Christusfiguren oder einfache Kreuzreliefs. Besonders beliebt war glasierte Keramik. Die Landessammlungen Niederösterreich etwa besitzen einen Weihbrunnkessel aus glasierter Keramik mit einem Halbrelief von Maria und Kind. Barocke Stücke aus Adels- oder Klosterhäusern konnten dagegen aufwändig vergoldete Kunstwerke sein.

Um die Bedeutung der Segnungsgeste hervorzuheben, ist der Weihwasserkessel oft mit einem Kreuz, einer Marienfigur, mit Efeublumen oder anderen Ornamenten reliefartig gestaltet.

In Süddeutschland findet sich eine interessante Variante des Brauchs: Weihwasserbehältnisse finden sich in Süddeutschland auch auf Gräbern, da das Besprengen der letzten Ruhestätte dort als weitverbreitete Segnungsgeste gilt.

Dreikönigswasser und Osterwasser

Nicht jedes Weihwasser war für die häuslichen Becken gleich. Im Volksglauben galten bestimmte Weihen als besonders wirksam. In katholischen Pfarreien wird am 6. Januar das sogenannte „Dreikönigswasser“ geweiht, das nach volkstümlicher Überzeugung besonders wirksam sein und bis zu sieben Jahre lang haltbar bleiben soll. Es wird zur Segnung von Häusern und Ställen verwendet.

Das in der Osternacht geweihte Taufwasser, das sogenannte Osterwasser, galt ebenfalls als besonders kostbar und wurde in vielen Haushalten sorgfältig aufbewahrt.

Bedeutung heute

Das Weihwasserbecken ist heute in vielen Haushalten verschwunden. Wo er noch hängt, ist er oft ein Erbstück, ein handbemaltes Schüsserl von der Großmutter, das nun mehr Erinnerungsstück als gelebter Brauch ist. Gleichzeitig gibt es in katholisch geprägten Regionen Österreichs und Bayerns durchaus noch Familien, die den Brauch bewusst pflegen, gerade auch junge Menschen, die in der täglichen Geste einen ruhigen Moment der Besinnung schätzen.

Der Weihbrunnkessel ist vielleicht das schlichteste religiöse Alltagsobjekt überhaupt: ein kleines Schüsserl Wasser. Und doch steckt dahinter eine jahrtausendealte Idee, dass der Übergang zwischen drinnen und draußen, zwischen Schlaf und Wachsein, zwischen Aufbruch und Heimkehr, einen Moment der Stille verdient.

Weißwurst

Kaum ein Gericht ist so eng mit einer Stadt verwachsen wie die Weißwurst mit München – und kaum ein Gericht hat so viele feste Regeln, wie man es essen darf, ohne sich als Zuagroaster zu verraten. Dabei war ihre Erfindung, wenn man den Überlieferungen glauben darf, reiner Zufall.

Eine Wurst aus der Not geboren

Am 22. Februar 1857 soll im Gasthaus „Zum Ewigen Licht“ am Marienplatz der Metzgermeister Joseph „Sepp“ Moser vor einem Problem gestanden haben: Für den Frühschoppen wollte er seine beliebten Kalbsbratwürstel herrichten, doch die dünnen Schafsdärme, die dafür üblich waren, gingen ihm mitten im Ansturm der Gäste aus. Um seine schon hungrigen Stammgäste nicht wegschicken zu müssen, griff Moser kurzerhand zu den gröberen Schweinedärmen, die er noch vorrätig hatte. Weil diese beim Braten aber leicht aufplatzen, briet er die Würste nicht wie geplant, sondern brühte sie stattdessen im heißen Wasser – und die Weißwurst, wie man sie bis heute kennt, war geboren. Ob sich die Geschichte tatsächlich so an einem einzigen Vormittag zugetragen hat, lässt sich historisch nicht mehr lückenlos belegen; ein altes Metzgerhandbuch legt sogar nahe, dass ähnliche Brühwürste aus heller Kalbsmasse bereits vor 1857 existierten und Moser eher eine bestehende Rezeptidee zur Reife gebracht als völlig neu erfunden hat. In München selbst hält man sich an das Datum jedenfalls bis heute – der 22. Februar gilt vielerorts als eine Art inoffizieller Weißwurst-Feiertag.

Warum sie das Mittagsläuten nicht hören darf

Die bekannteste Regel rund um die Weißwurst lautet: Sie darf das Mittagsläuten nicht hören, also spätestens gegen zwölf Uhr mittags gegessen sein. Der Grund dafür war lange Zeit ganz praktisch und wenig romantisch: Ohne Kühlschrank wurde die Wurst aus rohem Kalbfleisch und Schweinerückenspeck in aller Frühe hergestellt und musste noch am selben Vormittag verzehrt werden, ehe sie in der wärmeren Tageszeit verdarb. Eine zweite, weniger verbreitete Erklärung sieht den Ursprung der Regel eher im Sozialen: Weißwürste wurden vor allem an Handwerker und Marktleute ausgeschenkt, die ihren Frühschoppen beendet haben sollten, bevor am Mittag die teurere reguläre Wirtshausküche begann. Heute ist Kühlung natürlich kein Thema mehr, doch die Regel hat sich als liebgewonnene Tradition gehalten – auch wenn sie in vielen Lokalen längst nur noch symbolisch befolgt wird.

Auszuzeln oder aufschneiden?

Die zweite große Streitfrage der Weißwurst-Etikette betrifft die Technik: „Auszuzeln“ – also die Wurst der Länge nach aufzuschlitzen und das Brät mit den Lippen aus der Haut zu saugen – gilt vielen als die einzig wahre, ursprüngliche Münchner Art. Wer es lieber sauberer mag, schneidet die Wurst stattdessen quer in Scheiben und isst sie mit der Gabel, was besonders außerhalb Münchens und bei formelleren Anlässen verbreitet ist. Serviert wird sie traditionell paarweise, in heißem Wasser ziehend, dazu gehören süßer Senf, eine frische Breze und – zumindest zum echten Weißwurstfrühstück – ein Weißbier.

Vom Notbehelf zum kulinarischen Wahrzeichen

Heute steht die Weißwurst als eines der bekanntesten Symbole bayerischer Küche weit über München hinaus, sie hat sogar einen eigenen Eintrag im bayerischen Genusserbe erhalten. Ihr fester Platz im Alltag – vom Frühschoppen über Standesämter bis zum Firmenfrühstück – zeigt, wie aus einer improvisierten Notlösung eines einzigen Vormittags ein Stück gelebtes bayerisches Selbstverständnis wurde, das mit erstaunlicher Beharrlichkeit an seinen eigenen kleinen Ritualen festhält.

Wergflockn

Wer als Kind in einer alten Dorfkirche im Salzburger Land oder in Tirol den Pfingstgottesdienst erlebt hat, erinnert sich vielleicht an einen merkwürdigen und gleichzeitig faszinierenden Moment: Aus einem kleinen Loch im Kirchengewölbe hoch oben fielen plötzlich glimmende Flocken herab, schwebten durch den Kirchenraum und ließen kurze Lichtpunkte aufflackern, bevor sie erloschen. Diese brennenden Fäserchen heißen im volkstümlichen Ausdruck des Alpenraums Wergflockn – und hinter ihnen steckt ein mittelalterlicher Brauch, der das Unsichtbare sichtbar machen wollte.

Werg bezeichnet die groben, kurzfaserigen Abfallreste, die beim Verarbeiten von Flachs oder Hanf anfallen. Diese lockeren Faserbüschel brennen leicht und langsam, sie glimmen mehr als sie lodern, und wenn man sie entzündet und loslässt, fallen sie in sanften, leuchtenden Flocken zu Boden. Genau diese Eigenschaft machte sie zu einem liturgischen Darstellungsmittel: Die Wergflockn sollten die Feuerzungen versinnbildlichen, die nach dem Bericht der Apostelgeschichte zu Pfingsten auf die Jünger Jesu herabkamen.

Wetterkerze

Schauerkerzen, so ihr gebräuchlicherer Name in der Volkskundeliteratur, sind gesegnete Kerzen, die im Brauchtum zum Gebet angezündet werden, um bei nahendem Unwetter Schäden und Blitzeinschläge abzuwenden. Das Brauchtum ist heute vorwiegend im Voralpen- und Alpengebiet verbreitet.

Die Namen variieren je nach Region: Wetterkerze, Schauerkerze, Gewitterkerze und in Österreich nennt man sie auch liebevoll Donnerkerze. Gemeint ist immer dasselbe: eine geweihte Kerze, die bei aufziehendem Unwetter entzündet wird, verbunden mit Gebet und dem Vertrauen auf göttlichen Beistand.

Herkunft und Geschichte

Der Brauch, Gewitterkerzen zu entzünden, entstand wahrscheinlich aus dem Wettersegen, der vor allem in ländlichen Gegenden meist zwischen dem Fest der Kreuzauffindung (3. Mai) und dem Fest der Kreuzerhöhung (14. September) im Gottesdienst gespendet wurde.

Solche Wetter- bzw. Schauerkerzen werden in kirchlichen Unterlagen erstmals 1675 erwähnt. Noch früher, nämlich bereits 1497 und nochmals 1512, kaufte eine Kirche in Ingolstadt beim örtlichen Händler Wachs „zu den schauerkertzen“. Womit sich das Brauchtum zumindest ins ausgehende Mittelalter zurückverfolgen lässt.

Die Ursprünge der Wetterkerzen lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. In einer Zeit, in der der Mensch Naturgewalten wie Unwetter und Hagel oft hilflos ausgeliefert war, suchte man nach Schutz und Beschwichtigung. Für Bauernfamilien war ein einziger Hagelschlag nicht bloß ein Schaden. Er konnte die Ernte und damit die Lebensgrundlage für ein ganzes Jahr vernichten.

Schwarz oder weiß?

Je nach örtlichem Brauch gibt es sowohl schwarze als auch weiße Wetterkerzen. Zuweilen werden beide Varianten an einem Ort und mit denselben Abbildungen im Devotionalienhandel angeboten.

Warum ausgerechnet schwarz? Eine mögliche volkskundliche Erklärung: Die Wetterkerze ist schwarz, weil früher aus verrußten Kerzenresten Wetterkerzen gegossen wurden.

Die Kerzen werden häufig an Wallfahrtsorten verkauft und sind mit einer Abbildung des jeweiligen Gnadenbildes – oft der Gottesmutter oder der heiligen Anna oder Abbildungen des Wallfahrtsortes versehen, gelegentlich auch mit Anrufungen bestimmter Heiliger oder Teilen des Wettersegens. Wobei im Salzburger Raum die schwarze Kerze vom Wallfahrtsort Maria Kirchental sehr bekannt ist.

Das Ritual

Bei Gewitter wird noch gegenwärtig sofort das Herdfeuer gelöscht. Fenster und Türen werden geschlossen, damit der Blitz keinen Zug hat. In den Herd wird etwas Geweihtes vom Palmzweig gegeben oder ein kleines Kranzl von Fronleichnam. In der Stube wird gemeinsam gebetet und es wurde die Wetterkerze angezündet.

Die Wetterkerze war nie ein Einzelstück, sondern eingebettet in ein ganzes Geflecht aus Schutzhandlungen, dem geweihten Palmbuschen, dem gemeinsamen Gebet, dem Schließen der Fenster und Türen. Die Kerze war das Zentrum, der sichtbare Ausdruck von Vertrauen und Bitte. Bis heute werden Wetter- bzw. Schauerkerzen in manchen katholischen Haushalten im Herrgottswinkel oder neben dem Weihwasserbecken aufgestellt.

Bedeutung heute

Der Blitzableiter hat die Wetterkerze in ihrer praktischen Funktion längst abgelöst. Und doch: Obwohl die Wetterkerze in ihrer ursprünglichen Funktion als Wetterbeeinflussungsmittel an Bedeutung verloren hat, findet sie heute wieder vermehrt Anklang. Sie wird als Dekorationsobjekt, als Teil von Brauchtumsfesten oder als Ausdruck spiritueller Überzeugungen verwendet.

Etwas anderes kommt hinzu. Wer bei aufziehendem Gewitter eine Kerze anzündet, gemeinsam betet und inne hält, der tut etwas Sinnvolles: Er unterbricht die Panik, versammelt die Familie, findet Ruhe. Das ist kein Aberglaube, das ist menschliche Weisheit in Form eines Rituals.