Tiersegnung
Sonstige Bräuche

Tiersegnung am Franziskustag

von Clemens Gull

Anfang Oktober geht es vor manchen Kirchen ungewohnt lebhaft zu. Hunde warten an der Leine, Katzen schauen skeptisch aus dem Transportkorb, ein Kind hält sein Meerschweinchen fest, ein anderes den Plüschhasen. Sie alle sind zur Tiersegnung gekommen, die rund um den 4. Oktober in vielen Pfarren gefeiert wird – am Gedenktag des heiligen Franz von Assisi.

Der Heilige, der mit den Vögeln sprach

Franz von Assisi, 1181 oder 1182 als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers geboren, kehrte seinem bequemen Leben den Rücken, lebte in freiwilliger Armut und gründete die Gemeinschaft der Minderbrüder, aus der der Franziskanerorden hervorging. Er starb 1226. Im Gedächtnis geblieben ist er nicht zuletzt durch seine besondere Nähe zu allem Lebendigen. Im berühmten Sonnengesang nennt er die Sonne seinen Bruder und den Mond seine Schwester, und die Legende erzählt, er habe den Vögeln gepredigt und einen gefürchteten Wolf in der Stadt Gubbio gezähmt. Tiere waren für ihn Mitgeschöpfe und nicht bloß Nutztiere. Dieser Gedanke machte ihn Jahrhunderte später zum Schutzpatron der Tiere und des Umweltschutzes.

Vom Welttierschutztag zur Segensfeier

Dass gerade der 4. Oktober heute der Tag der Tiersegnung ist, hat eine überraschend moderne Vorgeschichte. Der deutsche Schriftsteller und Tierschützer Heinrich Zimmermann regte 1924 einen eigenen Welttierschutztag an, der erstmals 1925 am 4. Oktober begangen wurde, in Anlehnung an den Heiligen aus Assisi. 1931 erklärte ein internationaler Tierschutzkongress in Florenz den 4. Oktober offiziell zum Welttierschutztag. Heute greifen viele Pfarren diesen Termin auf und laden rund um den Franziskustag zur Tiersegnung ein.

Alte Wurzeln im Alpenraum

Neu ist die Idee, Tiere unter den Schutz des Himmels zu stellen, allerdings keineswegs. Im bäuerlichen Alpenraum hatten Segnungen von Pferden und Vieh eine lange Tradition, verbunden mit ganz anderen Heiligen: mit dem heiligen Georg, dessen Tag am 23. April vielerorts mit dem Georgiritt begangen wird, und vor allem mit dem heiligen Leonhard, dem Patron des Viehs, dem zu Ehren um den 6. November Leonhardiritte mit geschmückten Pferden stattfinden. Dort ging es um das, wovon eine Bauernfamilie lebte: um gesunde Zugtiere und einen vollen Stall.

Die Franziskus-Segnung setzt einen anderen Akzent. Sie gilt nicht in erster Linie dem Arbeitstier, sondern jedem Tier, das Menschen begleitet, und sie ist deshalb auch in der Stadt zu Hause.

Wie eine Tiersegnung abläuft

Eine Tiersegnung ist meist eine kurze Andacht oder ein Wortgottesdienst, oft im Freien vor der Kirche oder im Pfarrgarten. Nach Lesung, Gebet und manchmal einem Lied zum Sonnengesang geht der Priester oder die Leiterin der Feier von Tier zu Tier, spricht einen Segen und besprengt die Tiere mit Weihwasser. Gesegnet wird, was mitgebracht wird, vom Hund bis zum Wellensittich. Viele Pfarren laden ausdrücklich auch dazu ein, Kuscheltiere mitzubringen oder an Tiere zu denken, die nicht mitkommen konnten.

In Wien segnet der Dompfarrer seit 2010 die Tiere direkt auf dem Stephansplatz. Im Salzburger Land lädt etwa der Marienheilgarten in Großgmain zu einem Tiergottesdienst, und auch in vielen anderen Pfarren gehört die Segnung inzwischen zum Herbst. Der 4. Oktober schließt dabei zugleich die „Schöpfungszeit“ ab, in der die Kirchen vom 1. September an das Thema Umwelt und Schöpfung in den Mittelpunkt stellen.

Mehr als ein Fototermin

Wer einmal dabei war, merkt schnell, dass die Tiersegnung nicht nur rührende Bilder liefert. Sie ist ein Dank für die Tiere, mit denen Menschen ihr Leben teilen, und eine Erinnerung daran, Verantwortung für sie zu übernehmen. Damit schlägt der junge Brauch eine Brücke zwischen der Frömmigkeit des Heiligen aus Assisi, den alten Viehsegnungen der Bauern und dem Tierschutzgedanken der Gegenwart.

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