Ahnlkipferl

Das Wort „Ahnl“ ist im oberösterreichischen Dialekt die Bezeichnung für die Großeltern, abgeleitet von „Ahnen“. Am Weißen Sonntag, dem ersten Sonntag nach Ostern, ist es in Teilen Oberösterreichs Brauch, dass Kinder ihre Großeltern besuchen und von ihnen ein Kipferl geschenkt bekommen. Dieses Kipferl trägt deshalb den Namen „Ahnlkipferl“. Der Tag selbst heißt im Volksmund folgerichtig: der Ahnlsonntag.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Der Weiße Sonntag als sogenannte Osteroktav, also der achte Tag nach Ostern, bildet den Abschluss der Osterwoche. Im Mittelalter trugen Taufbewerber in Rom an diesem Tag noch ihre weißen Taufkleider, weshalb er den Namen „Weißer Sonntag“ erhielt. Erst seit dem 16. Jahrhundert wird dieser Tag am Oktavtag von Ostern begangen.

Im südlichen Oberösterreich entwickelte sich aus diesem kirchlichen Rahmen eine eigene familiäre Tradition: Kinder besuchen an diesem Tag ihre Großeltern und erhalten von ihnen Kipferl als Geschenk. Wann genau dieser Brauch entstanden ist und wie er sich mit dem kirchlichen Weißen Sonntag verbunden hat, lässt sich nicht exakt datieren.

Denkbar ist übrigens auch, dass das Ahnlkipferl ursprünglich allein nach der Großmutter benannt wurde, da im bäuerlichen Umfeld die Großmutter, die „Ahnl“, diejenige war, die am Ahnltag zumeist einlud.

Das Kipferl selbst: Form, Teig, Besonderheiten

In den Bäckereien, die diesen Brauch kennen, werden für den Ahnltag extra große Kipferl angeboten. Meistens bestehen sie aus Germteig, also Hefeteig, und enthalten Rosinen. Manche sind geflochten, manche mit Hagelzucker oder Mandelblättchen bestreut.

Das Ahnlkipferl ist also kein Festtagskuchen im großen Stil, sondern ein bescheidenes, herzliches Geschenk. Seine Besonderheit liegt nicht in aufwendiger Dekoration, sondern im Anlass und in der Geste.

Wer Ostern gut versorgt sein wollte, hatte übrigens Glück: Bereits am Ostersonntag, also eine Woche vor dem Ahnlsonntag, gab es ein sogenanntes Godnkipferl, ein Geschenk der Taufpatin an das Patenkind. Damit war die Osterzeit tatsächlich eine Zeit der großen und der kleinen Kipferl.

Regionale Verbreitung

Der Brauch ist klar verortet und sollte nicht als gesamtösterreichische Tradition dargestellt werden. Kleinregional wird der Ahnlsonntag in einigen Teilen Oberösterreichs noch praktiziert, etwa im Mühlviertel, in der Pyhrn-Priel-Region, im Kremstal und Steyrtal sowie rund um Gmunden.

Lokale Gruppen wie Trachtenvereine und Goldhaubenfrauen tragen aktiv zur Pflege dieses Brauchs bei, indem sie die Kipferl in Gemeindebackstuben herstellen und rund um den Ahnlsonntag vor Kirchen und in Ortszentren anbieten.

In anderen Bundesländern Österreichs ist der Ahnlsonntag als eigener Brauch wenig bis gar nicht bekannt.

Bedeutung heute

Der Ahnlsonntag und sein Kipferl sind ein kleines, aber feines Beispiel dafür, wie sich familiäre Traditionen an kirchliche Feste anlehnen können und dabei eine ganz eigene, bodenständige Form annehmen. Hier geht es nicht um Spektakel oder große Umzüge, sondern um den Besuch der Enkeln bei den Großeltern, ein Kipferl als Symbol für Zuwendung und Verbundenheit über Generationen hinweg.

In einzelnen Gemeinden, die diesen Brauch zwischenzeitlich verloren hatten, ist er in den vergangenen Jahren bewusst wieder belebt worden. Das zeigt, dass solche kleinen Gesten offensichtlich etwas berühren, das man nicht so leicht ersetzen kann.

Allerheiligen

Allerheiligen ist kein Tag der Trauer, sondern ein Fest, das das neue Leben feiert, in das die Heiligen und Seligen eingetreten sind. In Österreich ist Allerheiligen nicht nur ein wichtiger Feiertag der römisch-katholischen Kirche, sondern auch ein gesetzlicher und arbeitsfreier Feiertag. An diesem stillen Feiertag sind Tanzveranstaltungen, Märkte, Messen und Volksfeste untersagt.

In Salzburg wird Allerheiligen auf besondere Weise begangen. Die Menschen nutzen diesen Tag, um ihrer Verstorbenen zu gedenken und die Gräber ihrer Lieben zu schmücken. Traditionell werden die Gräber mit Blumen, insbesondere Chrysanthemen oder Erika, und Kerzen dekoriert. Diese Symbole stehen für das Licht des neuen Lebens und die Hoffnung auf die Auferstehung.

Ein wichtiger Bestandteil des Brauchtums ist der Besuch der Friedhöfe. Familien versammeln sich, um gemeinsam zu beten und der Verstorbenen zu gedenken. In vielen Gemeinden finden spezielle Gottesdienste und Andachten statt, bei denen die Namen der Verstorbenen verlesen werden. Diese Zeremonien schaffen eine Atmosphäre des Trostes und der Gemeinschaft.

In Salzburg gibt es auch die Tradition des “Seelenbrotes”. Dieses Brot wird gebacken und an Bedürftige verteilt, um an die Seelen der Verstorbenen zu erinnern und ihnen zu gedenken. Es ist ein Zeichen der Nächstenliebe und der Verbundenheit mit den Verstorbenen.

Allerheiligen ist somit ein Tag des Innehaltens und der Besinnung, aber auch ein Tag der Hoffnung und des neuen Lebens. Die Traditionen und Bräuche, die in Salzburg gepflegt werden, tragen dazu bei, die Erinnerung an die Verstorbenen lebendig zu halten und die Gemeinschaft zu stärken.

Aperschnalzen

Mit diesem kräfteraubenden Lärmbrauch versuchen Passen aus mindestens 9 Personen den Winter zu vertreiben.

Das, kurz Schnalzn genannte, Aperschnalzen ist ein Brauch im Alpenvorland. Besonders stark ausgeprägt ist es im Salzkammergut und im Salzburger Raum und hier im Rupertiwinkel. Ausgeübt wird der Brauch vom Stephanitag (26. Dezember) bis zum Faschingsdienstag.

Dabei treten sogenannte Passen auf. Dies sind Gruppen von mindestens 9 Personen – aber immer mit ungerader Teilnehmeranzahl, welche in einer gemeinsamen Vereinstracht und mit einer Goaßl den Brauch ausüben.

Dabei entsteht durch das Schwingen der Peitsche (Goaßl) durch den Richtungswechsel ein Knall. Die Peitsche ist an einem kurzen Holzstiel (3cm Durchmesser und etwa 50cm Länge) drehbar fixiert. Die Peitsche ist aus mehreren Hanfschnüren gedreht Hanfseil und ist maximal 4 Meter lang. Zum Ende verjüngt sich das Seil und wird mit dem sogenannten Bast (auch als Poschn bezeichnet) genannt beendet.

Die Kunst dieses Brauchs ist nicht nur den Knall zu erzeugen, denn dazu wird einiges an Geschicklichkeit und noch mehr Kraft gebraucht. Das Ziel ist, dass die ganze Gruppe auf Schlag ist. Damit ist gemeint, dass entweder alle gleichzeitig einen gemeinsamen Schlag erzeugen oder eine vorher festgelegte Choreographie einhalten. Diese kann frei sein, oder wie bei den Prangerstutzenschützen, ein Schlag alle 3 Sekunden, danach alle Sekunden und zum Schluß alle gleichzeitig. Um diese Choreographie einzuhalten stellt sich die Gruppe in einer Reihe mit genügend Abstand für die Goaßln auf und der Aufdrahra (der erste in der Reihe) gibt das Kommando zum Beginn. Um sich gegenseitig zu messen werden nicht nur einzelne Auftritte in den Gemeinden oder bei Veranstaltungen durchgeführt, sondern auch Bewerbe wie das bekannte Rupertigau-Preisschnalzen.

Aufdraht!
Oans – Zwoa – Drei
Dahin geht’s!

Kommando des Aufdrahras

Das Aperschnalzen wurde nachweislich bereits im 18. Jahrhundert erwähnt und wurde 2013 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO eingetragen.

Aperschnalzen – GemeindeschnalzenJänner 2024 in Muntigl bei Salzburg

Dirndlgwandlsonntag

Erstmals in Niederösterreich im Jahr 2009 einen Dirndlgwandlsonntag rund um den 13. September (2. Sonntag im Spetember) aus. Es sollte als Zeichen der Gemeinsamkeit die Tracht (eben im Dirndl und in Lederhose oder Trachtenanzug)zum Kirchgang angezogen werden. Die Aktion war so erfolgreich, dass sie sich schrittweise auf immer mehr Regionen in Österreich ausbreitet.

Als Tag wurde bewusst die Heilige Notburga ausgewählt, die sie als Patronin der Dienstmägde und der Landwirtschaft verehrt wird. In zahlreichen Bundesländern gilt sie auch als Patronin der Trachtenträger und -förderer.

Eierpecken

Zwei hartgekochte, bunt gefärbte Eier, eine Spitze gegen die andere, ein kurzer, fester Stoß – und schon steht fest, wessen Ei diese Ostern noch ein zweites Mal hält. Eierpecken ist der kleine, lautstarke Wettkampf, der zum österlichen Frühstückstisch gehört wie das Palmbuschenweihen zum Palmsonntag: Jeder tritt mit seinem Ei gegen den Tischnachbarn an, wessen Schale zuerst zerbricht, hat verloren und muss sein Ei abgeben.

Regeln und Dialektbezeichnungen

Die Grundregel ist denkbar einfach und im ganzen Alpenraum ähnlich: Zwei Spielerinnen oder Spieler halten je ein gekochtes Ei in der Faust, meist nur die Spitze frei, und schlagen die beiden Enden gegeneinander. Wessen Schale intakt bleibt, gewinnt die Runde und darf mit demselben Ei gegen die oder den Nächsten antreten, das kaputte Ei wandert an die Siegerin oder den Sieger. In Bayern kennt man den Brauch als Oarpecken oder Oarhiartn, in der nördlichen Oberpfalz auch als Oiastoußn oder Oiaboxn, in Österreich hat sich daneben die Bezeichnung Oarpecken eingebürgert. So verschieden die Namen, so gleich bleibt das Prinzip: Wer am Ende noch ein heiles Ei in der Hand hält, hat das Recht auf den letzten Lacher.

Herkunft aus der Fastenzeit

Dass ausgerechnet zu Ostern derart viele Eier zur Verfügung standen, hat einen nüchternen Grund. Im Mittelalter war der Genuss tierischer Produkte während der vierzigtägigen Fastenzeit streng verboten, auch Eier durften nicht gegessen werden. Die Hennen legten in dieser Zeit aber weiter, und so sammelten sich bis Ostern beträchtliche Mengen an, die man zum Haltbarmachen kochte. Nach dem Fastenbrechen an Ostern waren diese gekochten Eier plötzlich in Hülle und Fülle vorhanden, gefärbt wurden sie ohnehin schon lange, um sie von rohen Eiern zu unterscheiden – aus diesem Überschuss heraus entwickelte sich das spielerische Aneinanderschlagen fast von selbst.

Älter als diese praktische Erklärung sind symbolische Deutungen, wonach das Ei im vorchristlichen Brauchtum als Zeichen von Fruchtbarkeit und neuem Leben galt und dem heraufziehenden Frühling gewidmet wurde. Wie genau sich diese älteren Vorstellungen mit dem christlichen Osterfest und dem konkreten Spiel des Eierpeckens verbunden haben, lässt sich im Detail nicht eindeutig belegen, gesichert ist aber, dass beide Deutungsstränge – das praktische Verwerten der Fastenzeit-Eier und die ältere Symbolik von Ei und Frühling – bis heute nebeneinanderstehen.

Eierpecken in Salzburg

In Salzburg zählt das Eierpecken neben dem Bemalen der Ostereier, der Palmweihe und dem Verstecken des Osternestes zu den lebendigsten Osterbräuchen. Ausgetragen wird es meist im Familienkreis am Ostersonntag oder Ostermontag, oft direkt am Frühstückstisch, manchmal auch als eigener kleiner Wettbewerb mit mehreren Runden. Wer am Ende die meisten Eier gewonnen hat, darf sich bis zum nächsten Jahr als inoffizieller Hausmeister im Eierpecken fühlen – ein kleiner, aber fester Programmpunkt im großen österlichen Brauchtumsreigen.

Fensterln

Nach Einbruch der Dunkelheit, wenn im Dorf die letzten Lichter erloschen, schlich sich mancherorts ein junger Mann mit einer Leiter zu einem bestimmten Haus. Leise lehnte er sie ans Mauerwerk, stieg hinauf und klopfte sacht an ein Fenster im Obergeschoß, hinter dem seine Angebetete schlief – oder auf genau dieses Klopfen wartete. Was folgte, war ein nächtliches Beisammensein unter Ausschluss der Öffentlichkeit: das Fensterln, eine der eigenwilligsten Formen der Brautwerbung, die der Alpenraum kennt.

Vom Gasslgehen zum Fensterln

Seinen Ursprung hat der Brauch im sogenannten Gasslgehen: Junge Männer zogen abends durch die Gassen und trugen unter dem Fenster der Umworbenen einstudierte, oft formelhafte Sprüche vor. Die junge Frau antwortete mit ebenso festgelegten Gegenreden, die je nach Wortlaut Zustimmung oder Abfuhr bedeuteten – eine Art codiertes Ritual, bei dem beide Seiten wussten, woran sie waren, ohne dass ein einziges freies Wort fallen musste. Aus diesem verbalen Vorspiel entwickelte sich vielerorts die konkretere Form des Fensterlns, bei der der Werbende tatsächlich zum Fenster emporstieg, um seine Zuneigung nicht nur zu behaupten, sondern zu zeigen.

Warum es die Nacht brauchte

Dass sich dieser Brauch überhaupt etablieren konnte, sagt viel über das dörfliche Leben vergangener Jahrhunderte aus. Unverheiratete junge Leute durften sich tagsüber und in aller Öffentlichkeit nicht unbeaufsichtigt treffen – strenge Sitten und elterliche Verbote sorgten dafür, dass selbst harmlose Gespräche zwischen Liebesleuten argwöhnisch beäugt wurden. Die Nacht bot einen Ausweg: Was am Tag als anstößig gegolten hätte, wurde im Schutz der Dunkelheit stillschweigend geduldet, solange es diskret blieb. Das Fensterln war damit weniger ein Bruch der dörflichen Ordnung als vielmehr ihr eingebautes Schlupfloch – eine Art brauchtümlich sanktionierte Grauzone zwischen Verbot und Verständnis.

Ein Brauch mit vielen Namen

Verbreitet war das Fensterln vor allem im süddeutschen Raum und im Westen Österreichs, doch praktisch jede Region des deutschsprachigen Alpenvorlands kannte eine eigene Spielart davon. Im Berner Oberland sprach man vom Kiltgang, in Bayern und Österreich auch vom Kammerfensterln, in Norddeutschland von der Nachtfreierei, in Friesland vom Korteln und in Graubünden vom Z'Hengert gehen. So unterschiedlich die Namen klingen, so ähnlich war das Grundprinzip: ein nächtlicher, halb geheimer, halb geduldeter Besuch bei der oder dem Auserwählten, außerhalb der wachsamen Augen der Erwachsenen.

Vom ernsten Brauch zum Spaß

Mit dem Wandel der Gesellschaft hat das Fensterln seinen ursprünglichen Sinn weitgehend verloren. Junge, unverheiratete Menschen können sich heute ohne Weiteres öffentlich zeigen, wohnen oft schon lange vor der Heirat nicht mehr bei den Eltern, und die strengen dörflichen Sitten von einst sind vielerorts verblasst. Wo das Fensterln heute noch vorkommt, geschieht es meist aus Übermut oder als romantische Geste mit einem Augenzwinkern – nicht mehr aus Notwendigkeit. Wer es in manchen norddeutschen Regionen dennoch ernsthaft versucht, sollte sich im Übrigen bewusst sein, dass ein unangekündigter nächtlicher Fensterbesuch rechtlich durchaus als Hausfriedensbruch gewertet werden kann und längst nicht überall als liebenswertes Kulturgut durchgeht.

Geblieben ist die Erinnerung an eine Zeit, in der Zuneigung sich nicht in Nachrichten, sondern in nächtlichen Klettertouren ausdrückte – und in der ein knarrendes Fenster mehr verriet als jedes offene Gespräch am Tag.

Frauendreißiger

Zwischen zwei großen Marienfesten liegt eine Zeitspanne, der die Menschen im Alpenraum seit Jahrhunderten besondere Kraft nachsagen: der Frauendreißiger. Er beginnt am 15. August – dem Fest Mariä Himmelfahrt, auch „Großer Frauentag“ genannt – und läuft rund dreißig Tage, bis zum Fest Mariä Geburt am 8. September, dem „Kleinen Frauentag“. Weil zwischen den beiden Terminen tatsächlich nur 24 Tage liegen, wird die Zählung vielerorts noch bis zum 15. September verlängert, dem Gedenktag der Schmerzen Mariens – so kommen die vollen dreißig Tage zusammen.

Woher der Name kommt

Der Name hat nichts mit einer bestimmten Pflanze zu tun, sondern rührt schlicht vom Kirchenkalender her: Gleich drei Marienfeste rahmen die Zeitspanne ein und geben ihr die „Frauen“ im Namen – „Frau“ war im Volksmund die gängige Anrede für Maria, wie sie sich bis heute in Bezeichnungen wie „Frauentag“ oder „Frauenschuh“ erhalten hat. Der Brauch selbst reicht deutlich weiter zurück als das Marienfest: Die Praxis, in diesen Wochen Heilkräuter zu sammeln, geht vermutlich auf vorchristliche Beobachtungen zurück, wonach Pflanzen um diese Jahreszeit ihre größte Heilkraft entfalten – die Kirche hat diese Erfahrung später in ihren Festkalender eingebettet.

Die Kräuterzeit schlechthin

Kernstück des Frauendreißigers ist die Zeit des Kräutersammelns, die mit der Kräuterweihe am Vorabend von Mariä Himmelfahrt beginnt. Was in dieser Phase wächst, gilt als besonders wirksam – Bäuerinnen und Kräuterfrauen sammelten und banden in dieser Zeit ihre Sträuße, oft aus sieben, neun oder einer anderen symbolisch aufgeladenen Anzahl an Pflanzen. Typisch für den Frauendreißiger waren dabei gerade jene Kräuter, die traditionell mit der Frauenheilkunde verbunden wurden: Johanniskraut, Beifuß, Königskerze, Schafgarbe oder Wermut. Ursprünglich wurden die Sträuße vielerorts erst am 8. September, zum kleinen Frauentag, geweiht – dieser Tag markierte bis ins 19. Jahrhundert in manchen Gegenden das eigentliche Ende der Sammelzeit, ehe sich der 15. August als Haupttermin durchsetzte.

Eine Zeit zwischen den Welten

Volksglauben und Kirchenjahr laufen im Frauendreißiger eng nebeneinander her. Ähnlich wie den Rauhnächten oder der Walpurgisnacht wurde auch dieser Wochen eine gewisse Schwellenkraft zugeschrieben: Zauber- und Heilhandlungen, die in dieser Zeit vorgenommen wurden, sollten besonders wirksam ausfallen. Daneben ranken sich kuriose Alltagsregeln um die Wochen: Im Ostallgäu etwa hielt sich der Glaube, dass Eier, die im Frauendreißiger gelegt wurden, den ganzen Winter über ohne besondere Vorkehrung haltbar blieben, und dass Küken, die in dieser Zeit schlüpften, schon zu Weihnachten die ersten Eier legen würden. Eine Umfrage aus dem frühen 20. Jahrhundert dokumentiert sogar den – aus heutiger Sicht befremdlichen – Brauch, gegen Zahnschmerzen einen Mäusekopf abzubeißen und bei sich zu tragen, sofern dies im Frauendreißiger geschah.

Regionale Verankerung

Besonders lebendig ist der Frauendreißiger im bayerisch-tirolerischen Alpenraum geblieben, wo er als „besondere Gnadenzeit“ der Marienverehrung gilt. Dazu zählen abendliche Andachten, Wallfahrten zu Marienheiligtümern sowie regionale Prozessionen, etwa ins Karwendel oder zu Wallfahrtskirchen im süddeutschen Raum. Die bayerische Schriftstellerin Lena Christ hat die mit dem Frauendreißiger verbundenen Bräuche 1916 in ihrem Roman „Die Rumplhanni“ literarisch festgehalten – ein Hinweis darauf, wie fest die Zeitspanne noch vor gut hundert Jahren im bäuerlichen Alltag verankert war.

Frautragen

Das Frautragen (auch Herbergsuche oder Maria tragen genannt) ist ein alter vorweihnachtlicher Volksbrauch, bei dem eine Marienfigur – meist eine geschnitzte oder bemalte Statue der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind – von Haus zu Haus getragen wird. Daher auch der Name: „man trägt die Frau“, also Maria.

Das Frautragen hat seine Wurzeln in der Barockzeit, mancherorts reichen die Spuren noch weiter zurück. Im Mittelpunkt steht eine Marienfigur, die während des Advents von Haus zu Haus getragen wird.

Wer die „Frau“ – also die Muttergottes – aufnimmt, darf sie für eine Nacht in seinem Haus beherbergen.
Dabei werden meist Kerzen entzündet, Lieder gesungen und gemeinsam gebetet. So wird das Zuhause zu einem Ort der Besinnung, an dem man sich auf die Ankunft Christi vorbereitet.

In vielen Dörfern gilt die Aufnahme der Marienfigur bis heute als Ehre und Segen.
Früher glaubte man, dass Maria jene Familien besonders schützt, die ihr Herberge gewähren.

Der Brauch beginnt meist am 1. Adventsonntag, wenn die Marienfigur in der Kirche gesegnet wird.
Von dort wandert sie jeden Abend weiter zu einer anderen Familie.Jede Übergabe wird von einer kleinen Andacht oder einem Gebet begleitet – manchmal auch von Adventliedern wie „Es wird scho glei dumpa“ (Noten, Beispiel vom Kärntner Viergesang) oder „Maria durch ein Dornwald ging“ (Noten, Beispiel der Wiener Sängerknaben).

Am Heiligen Abend endet die Reise und die Figur kehrt wieder in die Kirche zurück und wird dort feierlich empfangen.

Das Frautragen ist kein Spektakel, sondern ein Zeichen innerer Vorbereitung auf Weihnachten.
Es erinnert daran, dass die Botschaft von Hoffnung, Herbergssuche und Nächstenliebe in der Gemeinschaft lebendig wird. Gerade heute – in einer oft hektischen Vorweihnachtszeit – schenkt der Brauch Momente der Ruhe, Einkehr und Verbundenheit. Dadurch ist er weitgehend von einer touristischen Ausprägung verschont geblieben.

Gebildebrot

Ein Brot, das nicht bloß satt machen, sondern etwas erzählen soll: Das ist die Idee hinter dem Gebildebrot. Aus Hefeteig von Hand geformt, meist zu Tieren, Figuren oder geflochtenen Mustern, gehört es zu jenen Bräuchtumsgebäcken, die zu bestimmten Festtagen im Jahreskreis gebacken und verschenkt werden. Als wissenschaftlicher Sammelbegriff ist „Gebildebrot" dabei recht jung: Der Schweizer Historiker Ernst Ludwig Rochholz führte ihn im 19. Jahrhundert in die Volkskunde ein, um genau diese Gruppe von Backwerken zu fassen – die Backtradition selbst ist freilich weit älter als ihr Name.

Herkunft aus vorchristlicher Zeit

Gebildebrote gehen ursprünglich auf Opfergaben zurück, die man den Göttern oder Verstorbenen darbrachte. Bei frühen Totenmahlzeiten wurden solche geformten Brote gegessen, wohl auch, um böse Geister fernzuhalten. Das Christentum übernahm diesen alten Brauch und gliederte ihn Schritt für Schritt in den kirchlichen Festkalender ein, sodass aus einer heidnischen Opfergabe über die Jahrhunderte ein christliches Festtagsgebäck wurde. Anders als gewöhnliches Brot spricht ein Gebildebrot damit über Bilder statt über Worte, es überbringt einen Segenswunsch, ohne ein einziges Wort dafür zu brauchen.

Formen und Anlässe

Die Formenvielfalt ist beachtlich. Tiergestaltige Brote wie Hasen, Küken oder Igel gehören ebenso dazu wie Flechtgebäcke, etwa der klassische Zopfstriezel oder das sogenannte Godnkipferl, dazu kommen reine Symbolbrote in Form von Rädern oder Kreuzen. Welche Form gebacken wird, hängt stark vom Anlass und teils auch vom Geschlecht des Kindes ab, dem das Gebäck geschenkt werden soll – tiergestaltige Brote etwa waren traditionell ein beliebtes Patengeschenk zur Taufe.

Am bekanntesten unter den Gebildebroten des österreichischen Festtagsbrauchtums ist der Allerheiligenstriezel, ein zopfartig geflochtenes Milchbrot. Bis heute schenken Tauf- oder Firmpaten ihren Patenkindern diesen Striezel zu Allerheiligen, eine direkte Fortsetzung des alten Gevatterbitten-Brauchs, bei dem Patenschaft von Anfang an mit gegenseitigem Schenken verbunden war. Auch die Adventszeit hat ihre eigenen Gebildebrote, meist aus etwas süßerem Briocheteig gebacken, die in der dunklen Jahreszeit von Allerheiligen bis Weihnachten verschenkt werden.

Herstellung

Gebacken wird ein mild gesüßter Hefeteig, weniger süß als ein Kuchen, aber deutlich reichhaltiger als ein Alltagsbrot. Das eigentliche Handwerk liegt im Formen: Jedes Gebildebrot entsteht von Hand, verlangt Zeit, Geduld und ein gewisses Geschick, um aus einem simplen Teigstück eine erkennbare Figur zu machen. Genau darin liegt bis heute der Reiz dieses Brauchs – er verbindet Backhandwerk mit der alten Idee, dass ein Geschenk umso mehr bedeutet, je mehr Mühe jemand hineingesteckt hat.

Gevatterbitten

Wenn im Alpenraum ein Kind erwartet wurde, stand für die Eltern früh eine wichtige Entscheidung an: Wer sollte Pate oder Patin werden, im Dialekt Göd oder Godl, Göte oder Gotl? Diese Person auszuwählen und formell darum zu bitten, nennt man Gevatterbitten. Der Begriff „Gevatter“ stammt vom lateinischen compater, wörtlich „Mitvater“, und bezeichnet damit treffend, welchen Stellenwert das Patenamt einmal hatte: mehr als eine Ehrenrolle bei der Taufe, nämlich eine geistliche Verwandtschaft, die von der Kirche der Blutsverwandtschaft gleichgestellt wurde.

Herkunft und Bedeutung des Patenamts

Die Wurzeln der Patenschaft reichen bis ins antike Judentum zurück, wo bei der Aufnahme von Proselyten Zeugen nötig waren. Das Christentum übernahm dieses Prinzip und machte es zum festen Bestandteil der Taufe: Pate oder Patin bürgen für das Kind, begleiten es im Glauben und übernehmen im Ernstfall auch eine Art Ersatzverantwortung für die Eltern. Diese geistliche Bindung wog historisch so schwer, dass eine Heirat zwischen Patenkind und Pate bis weit ins 20. Jahrhundert kirchenrechtlich untersagt war.

Die Bezeichnungen für das Amt sind je nach Region unterschiedlich. Im westlichen Salzburger Land, in Nord- und Osttirol, Teilen Vorarlbergs, der Steiermark, Kärnten und im südlichen Burgenland spricht man von Göte und Gotl, in Oberösterreich, im übrigen Salzburger Land, Vorarlberg sowie in Nord- und Osttirol dagegen von Göd und Goden. Cles‘ Salzburger Umfeld kennt also durchaus beide Varianten, je nachdem, aus welchem Landesteil eine Familie stammt.

Ablauf des Gevatterbittens

Das eigentliche Bitten war ein formeller Akt: Die künftigen Eltern, oft auch nur der Vater, suchten die auserwählte Person persönlich auf, um sie um die Patenschaft zu ersuchen. Wo eine mündliche Bitte aus Zeit- oder Entfernungsgründen nicht möglich war, trat an ihre Stelle der Gevatterbrief, eine schriftliche Einladung zum Patenamt. Aus dieser Tradition der Patenbriefe entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert eine eigene kleine Kunstform: kunstvoll gestaltete, oft gefaltete Schriftstücke oder verzierte Schachteln, die zugleich das übliche Patengeschenk in Geldform verpackten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieben solche Gevatterbriefe verbreitet.

War die Bitte einmal angenommen, war die Rolle auf Lebenszeit angelegt. Sichtbarer Ausdruck der Bindung zwischen Pate und Patenkind blieb über die Taufe hinaus vor allem das Schenken: In der katholischen Tradition begleiten Göd und Godl ihr Patenkind auch bei der Firmung, in der evangelischen Kirche stehen die Taufpaten bis zur Konfirmation mit vierzehn als Garanten für die religiöse Erziehung ein. Ein bis heute lebendiger Brauch in Salzburg und im Tennengau ist das Schenken des Allerheiligenstriezels durch Göd und Godl an ihr Patenkind zu Allerheiligen, vielerorts ergänzt durch feine Gebildebrote in Tier- oder Figurenform. Auch der zweite Vorname eines Kindes stammte früher häufig vom Paten oder von der Patin, ein weiteres Zeichen dafür, wie eng diese Beziehung gedacht war.

Heute ist das förmliche Gevatterbitten seltener geworden, die Bitte um die Patenschaft läuft meist unkompliziert im Gespräch. Was geblieben ist, ist der Kern des Brauchs: eine bewusst gewählte, auf Dauer angelegte Beziehung zwischen einem Kind und einer Person außerhalb der eigenen Eltern, die Verantwortung übernimmt und über Jahre hinweg begleitet.