Anglöckeln

Das Anklöckeln hat seine Wurzeln im Mittelalter und gehört zur Gruppe der sogenannten Heischebräuche – also Bräuche, bei denen Menschen von Haus zu Haus ziehen, singen und dafür eine kleine Gabe (meist Essen oder Geld) erhalten. Der Name leitet sich vom „Anklopfen“ an die Türen der Häuser ab, womit man symbolisch um Einlass bat, um die frohe Botschaft der bevorstehenden Geburt Christi zu verkünden.

In den alten Überlieferungen treten die Anklöckler meist in kleinen Gruppen auf, gekleidet in einfache, bäuerliche Gewänder. Sie singen Lieder, die von der Herbergssuche Mariens, von Armut und Nächstenliebe erzählen. Die Texte und Melodien unterscheiden sich je nach Region, sind aber stets getragen von einer tiefen Frömmigkeit und Gemeinschaftsverbundenheit.

Traditionell findet das Anklöckeln an den drei Donnerstagen vor Weihnachten statt – in manchen Orten ausschließlich am letzten Donnerstag vor dem Heiligen Abend.

Die Gruppe – meist bestehend aus Männern, manchmal aber auch gemischt oder mit Kindern – zieht mit Laternen von Haus zu Haus. Dort werden Anklöckellieder gesungen, begleitet von Zither, Gitarre oder einfach nur durch rhythmisches Klopfen. Typische Lieder sind etwa Wer klopfet an? oder Es wird scho glei dumpa.

Als Dank erhalten die Sänger kleine Gaben: Äpfel, Nüsse, Speck oder etwas Geld, das häufig für wohltätige Zwecke gespendet wird. In vielen Gemeinden im Pongau, Pinzgau und Flachgau hat sich dieser soziale Aspekt bis heute erhalten. Ein Beispiel ist die Anklöcklergruppe in Großarl, wo jedes Jahr für Familien in Not gesammelt wird.

In vielen Salzburger Gemeinden – etwa in St. Koloman, Wagrain, Abtenau oder St. Johann im Pongau – gibt es noch aktive Anklöcklergruppen. Mancherorts werden auch Schülergruppen oder Chöre eingebunden, um den Brauch lebendig zu halten.

Anklöpfeln

Das Anklöpfeln ist ein Brauch, bei dem eine Gruppe von meist männlichen Sängern an den drei Donnerstagen vor Weihnachten, den sogenannten Klöpflnächten, den Häusern der Nachbarschaft einen Besuch abstattet. Als Hirten verkleidet, werden sie ins Haus gebeten und stimmen Lieder an, die die Geburt Jesu verkünden. Häufig werden sie auch von Musikerinnen und Musikern begleitet. Der Name leitet sich schlicht vom Anklopfen ab, dem Klopfen an fremde Türen, das im Mittelpunkt des Brauchs steht.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Die Wurzeln des Anklöpfelns reichen bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurück, darauf deuten zumindest Überlieferungen hin. Nachdem das Christentum Einzug gehalten hatte, wurden ältere Bräuche beibehalten, aber mit neuem Sinn gefüllt. Den Hintergrund bildete dabei die Vorstellung der Herbergssuche von Maria und Josef: Die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums schildert nur knapp, dass kein Platz in der Herberge war. Die christliche Tradition hat daraus ein dramatisches Bild gewoben. Maria und Josef sollen an mehreren Türen geklopft und bittere Abweisung erfahren haben, bevor ein mitfühlender Wirt ihnen den Stall anbot.

Wer anklopfet, dem wird aufgetan.

Lukas 11,9

Entsprechend dem Bibelzitat entwickelte sich das Anklöpfeln ab dem Mittelalter zur kirchlichen Tradition. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen gehen auf das 15. Jahrhundert zurück.

Warum ausgerechnet Donnerstage? Man nimmt an, dass diese Tage dem germanischen Donnergott Donar oder Thor gewidmet waren, der auf diese Weise milde gestimmt werden sollte.

Belege für das Anklöpfeln in Salzburg gehen bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück. Aus Quellen ist bekannt, dass das Rechnungsbuch des Stiftes Berchtesgaden im Jahr 1605 Geldgeschenke für Kinder „für die drey khlöppel nächt“ verzeichnet. Nicht immer verlief der Brauch friedlich: Immer wieder uferte das Klöpfeln zu Radau der Jugendlichen aus und wurde deshalb zeitweise verboten. 1611/12 wurden dem Amtmann von Reichenhall wegen seiner Strenge von den Klöpflern in den Klöpflnächten wiederholt die Fenster eingeschlagen.

Ablauf und typische Elemente

Heute stehen im Allgemeinen vier Elemente beim Anklöpfeln im Vordergrund: das Segen- und Glückwünschen für den Jahreswechsel und eine erfolgreiche Ernte, das Heischen und die Übermittlung kleiner Gaben an die Klöpfler sowie die Bewirtung der Gruppe. Als Hirten gekleidet, in Loden, mit Hut, Stock und Laterne, treten die Anklöpfler in die Stuben ein. Wenn sie das traditionelle Wer klopfet an anstimmen, ist es, als würden die Uhren zurückgedreht.

Bedeutung heute

Das Anklöpfeln wurde von der Österreichischen UNESCO-Kommission in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Genauer: Die Aufnahme erfolgte im Jahr 2011. Im Laufe der Zeit hat sich die Ausübung in vielfacher Hinsicht gewandelt: Aufgrund der geänderten Lebens- und Arbeitssituation findet das Anklöpfeln heute nicht mehr ausschließlich an den drei Donnerstagen statt, sondern auch an anderen Abenden. Zu den klassischen Hausbesuchen sind Auftritte bei Feiern und Veranstaltungen hinzugekommen. Auch neuere Lieder finden Eingang ins Repertoire.

Der Kern aber bleibt: Türen öffnen, Gemeinschaft pflegen, die Botschaft weitertragen. Das ist kein musealer Brauch – das ist lebendige Nachbarschaft.

Liedtext

„Wer klopfet an?“
„O zwei gar arme Leut!“
„Was wollt ihr dann?“
„O gebt uns Herberg heut!
O, durch Gottes Lieb‘ wir bitten,
öffnet uns doch eure Hütten!“
„O nein, nein, nein!“
„O lasset uns doch ein!“
„Es kann nicht sein.“
„Wir wollen dankbar sein!“
„Nein, nein, nein, es kann nicht sein,
Da geht nur fort, ihr kommt nicht ‚rein“

„Wer vor der Tür?“
„Ein Weib mit ihrem Mann.“
„Was wollt ihr denn?“
„Hört unser Bitten an!
Lasset heut bei euch uns wohnen,
Gott wird euch schon alles lohnen!“
„Was zahlt ihr mir?“
„Kein Geld besitzen wir!“
„Dann geht von hier!“
„O öffnet uns die Tür!“
„Ei, macht mir kein Ungestüm,
Da packt euch, geht woanders hin!“

„Was weinet ihr?“
„Vor Kält erstarren wir.“
„Wer kann dafür?“
„O gebt uns doch Quartier!
überall sind wir verstoßen,
Jedes Tor ist uns verschlossen!“
„So bleibt halt drauß!“
„O öffnet uns das Haus!“
„Da wird nichts draus.“
„Zeigt uns ein andres Haus.“
„Dort geht hin zur nächsten Tür!
Ich hab nicht Platz, geht nur von hier!“

„Da geht nur fort!“
„O Freund, wohin? Wo aus?“
„Ein Viehstall dort!“
„Geh, Joseph, nur hinaus!
O mein Kind, nach Gottes Willen
musst du schon die Armut fühlen.“
„Jetzt packt euch fort!“
„O, dies sind harte Wort‘!“
„Zum Viehstall dort!“
„O, wohl ein schlechter Ort!“
„Ei, der Ort ist gut für euch,
ihr braucht nicht viel. Da geht nur gleich!“

Glöckeln

Glöckeln ist ein tief verwurzelter Brauch, der in der Nacht vor dem Dreikönigstag stattfindet. Eine Schar von Sängern zieht dabei von Tür zu Tür, singt Glöckellieder und wird von den Bewohnern des Hauses bewirtet.

Die Glöckler tragen dabei spezielle Kappen, die mit verschiedenen Motiven verziert sind. Diese Kappen sind oft mit vielen kleinen Glöckchen behängt, die beim Laufen klingeln und so die bösen Geister vertreiben sollen. Oder es werden die Glocken auch an Gurten durch die Glöckler selbst getragen. Die Motive auf den Kappen sind oft sehr kunstvoll gestaltet und können verschiedene Bedeutungen haben, von traditionellen Glückssymbolen bis hin zu komplexen Darstellungen aus der Mythologie und Geschichte der Region.

Die Glöckler sind traditionell in Weiß gekleidet, und dies hat eine besondere Bedeutung. Die weiße Kleidung der Glöckler erinnert an die alte Berufstracht der Salinenarbeiter. Dies lässt darauf schließen, dass es sich ursprünglich um einen Brauch der Salinenarbeiter handelte, der an einem Perchtentermin (Dreikönig-Vorabend) durchgeführt wurde.

Die weiße Kleidung, zusammen mit den herabhängenden Papierfransen, die das Gesicht verdecken, trägt auch zur Mystik und Anonymität der Glöckler bei. Dies verstärkt die Wirkung des Brauches und trägt zur Faszination bei, die er auf die Zuschauer ausübt.

Dieser Brauch ist ein lebendiges Zeugnis dafür, wie sich die Bedeutung einer Tradition im Laufe der Zeit verändern kann. In Zeiten, in denen Nahrungsmittel nicht so reichlich vorhanden waren wie heute, diente das Glöckeln nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Beschaffung zusätzlicher Lebensmittel, insbesondere der begehrten Krapfen. Der traditionelle Ausspruch der Glöckler war:

Wir bitten höflich um einen Glöcklerkrapfen,
wir san zu dritt!

Ein besonderes Highlight ist der Glöcklerlauf in Schörfling am Attersee (Oberösterreich), der jedes Jahr am Abend des 5. Januar stattfindet. Mehr als sechzig Darsteller mit Glöcklerkappen führen auf dem Marktplatz ihre Figuren vor und erfreuen die zahlreichen Zuschauer. Der Glöcklerlauf hat auch in Steinbach am Attersee und Unterach am Attersee eine lange Geschichte. In der Stadt Salzburg findet am 5. Januar der Glöcklerlauf der Jung Alpenland statt, der vom Nonntal bis in die Innenstadt führt.

Krampus

Ziegenfüße, zottiges Fell, Hörner, eine geschnitzte Holzmaske – die sogenannte Larve – und im Gefolge das Scheppern schwerer Ketten und Glocken: So zieht der Krampus jedes Jahr um den 5. Dezember durch die Straßen des Alpenraums. Sein Name geht vermutlich auf das mittelhochdeutsche „Krampen“ zurück, das so viel wie Kralle oder verkrümmte Klaue bedeutet – ein Hinweis auf die krallenartigen Hände, mit denen er in älteren Darstellungen unartige Kinder packt. Regional trägt er viele Namen: Klaubauf, Kramperl, Tuifl oder Ganggerl, je nachdem, ob man im Salzburger Land, in Tirol oder in der Steiermark unterwegs ist.

Seine Ursprünge liegen im Dunkeln der vorchristlichen Wintermythologie – Volkskundler vermuten Wurzeln in alten Bräuchen, mit denen man in der kalten Jahreszeit böse Geister vertreiben wollte. Mit dem heiligen Nikolaus verbindet sich der Krampus erst später: Im Mittelalter traten in kirchlichen Nikolausspielen bereits finstere Begleiter des Bischofs auf, zur festen Paarung aus strafendem Krampus und gütigem Nikolaus wurde daraus aber erst in der Zeit der Gegenreformation. Anders als seine Perchten-Verwandten, die in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig umgehen, hat der Krampus seinen festen Platz am Vorabend des Nikolaustags – der 5. Dezember gilt als die eigentliche Krampusnacht. Beide Traditionen speisen sich aus derselben Vorstellungswelt maskierter Wintergeister; in Wien lässt sich der Krampus als Begleiter des Nikolaus urkundlich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.

Populär im heutigen Sinn wurde der Krampus im 19. Jahrhundert: Mit der Einführung der Postkarte in Österreich 1869 entstand rasch eine regelrechte Mode kolorierter, gedruckter „Krampuskarten“ mit dem Gruß „Gruß vom Krampus“ – mal zum Fürchten, mal augenzwinkernd-frivol, gedruckt in Wien und München und massenhaft verschickt. In der Zwischenkriegszeit bekam die Figur sogar eine politische Dimension: In Wahlkampf-Karikaturen diente der Krampus als Sinnbild des Bedrohlichen, während sozialdemokratische Pädagogen in den 1920er-Jahren offen gegen die Angstmache durch den Krampus Stellung bezogen. Kinderaufsätze aus jener Zeit zeigen allerdings, dass viele Kinder die vermeintlich furchteinflößende Gestalt längst durchschaut und eher amüsiert betrachtet hatten, als sich wirklich zu fürchten.

Heute lebt der Krampus vor allem im Krampuslauf weiter: In sogenannten Passen ziehen die Maskenträger durch die Orte, organisiert von hunderten Krampus- und Perchtenvereinen, die großen Wert auf handwerklich echte Masken und Kostüme legen. Die Faszination hat längst die Grenzen des Alpenraums gesprengt – mittlerweile gibt es Krampusläufe und -festivals von amerikanischen Großstädten bis nach Tokio, wo japanische Krampus-Fans die alpine Tradition mit sichtlicher Begeisterung übernommen haben. Was als lokaler Wintergeist begann, ist damit zu einem der bekanntesten Exportartikel des österreichischen Brauchtums geworden.

Krampuslauf

Wenn Anfang Dezember die Nächte kalt und dunkel werden, hört man in vielen Orten im Voralpenland ein tiefes, dumpfes Glockenläuten und schrilles Scheppern in den Gassen. Es ist die Zeit des Krampuslaufens, eines der eindrucksvollsten Bräuche des Alpenraums. Der Krampus ist der wilde Begleiter des heiligen Nikolaus und verkörpert das Strafende, Dunkle und Mahnende. Während der Nikolaus die braven Kinder belohnt, erinnert der Krampus daran, dass Fehlverhalten Folgen haben kann – eine symbolische Darstellung des Gegensatzes von Gut und Böse, Licht und Schatten.

Für die Braven das Gute,
für die Bösen die Rute,

Der Ursprung des Brauchs reicht weit zurück. Schon im Mittelalter gab es Nikolausspiele, bei denen finstere Gestalten als Begleiter des Bischofs auftraten. Volkskundler vermuten aber, dass das Krampuslaufen noch ältere, vorchristliche Wurzeln hat, als man in den Wintermonaten böse Geister austreiben und die Sonne zurückholen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte verband sich dieser alte Winterbrauch mit dem kirchlichen Nikolausfest (6. Dezember). Der Krampus erhielt Hörner, Fell, eine Rute und oft eine kunstvoll geschnitzte Holzmaske, die sogenannte Larve.

Die großen, choreografierten Umzüge mit Fixstrecke, Programm und Publikum, wie man sie heute aus Salzburg, Tirol oder Kärnten kennt, sind dabei jüngeren Datums als der Brauch selbst: Als organisierte Veranstaltung etablierten sie sich erst ab Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre, zunächst im Pinzgau, bald darauf auch im Pongau. Älter und bis heute lebendig ist daneben der private Hausbesuch am Vorabend des Nikolaustags: Dabei ziehen Nikolaus, ein oder mehrere Krampusse sowie oft ein Engel oder Körbelträger von Tür zu Tür, prüfen bei den Kindern nach, ob sie brav waren, und teilen je nachdem Rute oder Gaben aus. Beide Formen – der spektakuläre Umzug und der stille Hausbesuch – bestehen bis heute nebeneinander, oft sogar am selben Abend in derselben Gemeinde.

Regional unterscheidet sich das Krampuslaufen deutlich. In Salzburg ist es Brauch, Zuschauerinnen und Zuschauer mit der Rute zu „tratzen“ – ein spielerisches Necken, das zum festen Ablauf gehört. In Kärnten dagegen dominieren reine Schauläufe mit Feuerwerk, Fackeln und Feuerspuckern, etwa beim mit rund 1,5 Kilometern längsten Krampuslauf Österreichs in Klagenfurt. In Osttirol gehört zum Umzug vielerorts zusätzlich der Krampuswurf – eine dem Ranggeln verwandte Kraftprobe zwischen Krampus und einem freiwilligen „Raufbold“ – sowie mancherorts das Tischziachn, ein Gerangel um einen massiven Holztisch. In Tirol wiederum ist das Tuifltratzen verbreitet: Kinder und Jugendliche versuchen als Mutprobe, die Krampusse zu reizen, ohne von der Rute erwischt zu werden. Zu den größten Läufen zählt jener in St. Johann im Pongau, der schon deutlich über tausend Maskenträger auf einmal auf die Straße gebracht hat.

Heute ist das Krampuslaufen weit mehr als nur ein Schreckensspektakel. In Salzburg, Tirol, der Steiermark und Teilen Bayerns organisieren sich hunderte Krampus- und Perchtenvereine (beispielsweise die Salzburger Schiachpechrt’n und Krampusse oder den Salzburger Nockstoa Perchtn), die großen Wert auf Tradition, Handwerk und Disziplin legen. Besonders bekannt sind die Läufe im Pongau, in St. Johann, Anif oder Salzburg Stadt, wo hunderte Maskenträger – meist in Gruppen, sogenannten Passen – durch die Straßen ziehen. Viele Gruppen arbeiten eng mit Schnitzern (beispielsweise Franz Metzger oder Rettei), Fellmachern und Ausstattern zusammen, um alte Formen zu erhalten und das traditionelle Handwerk weiterzugeben.

Mit der Größe der Läufe ist auch die Organisation professioneller geworden. Viele Vereine haben sich eigene Verhaltenskodizes gegeben: Alkoholverbot vor und während des Laufs für alle Maskenträger, an manchen Orten ein Rutenverbot während der eigentlichen Umzugsstrecke, dazu abgesperrte Laufwege und klare Ansprechpersonen für Zuschauerinnen und Zuschauer. Die Rute selbst hat sich dabei gewandelt – von einem einst ernst gemeinten Erziehungsmittel zu einem Element der Inszenierung, das zum Schauspiel gehört, ohne tatsächlich wehtun zu sollen. Dieser Balanceakt zwischen archaischer Wildheit und geregeltem Rahmen ist es, der die heutigen Krampus- und Perchtenvereine – auch die eigenen „Salzburger Schiachpercht’n und Krampusse“ – vor die Aufgabe stellt, alte Formen lebendig zu halten, ohne die Sicherheit der Beteiligten aus dem Blick zu verlieren.

Raunächte

Hier handelt es sich um die zwölf Tage vom Christtag (25. Dezember) bis zum Fest „Heilige Drei Könige“ (6. Jänner). In manchen Gebieten beginnen die Raunächte mit der Thomasnacht (20. auf 21. Dezember). Nach dem Volksglauben zog in dieser Zeit die „Wilde Jagd“ über die Felder und auch die „Frau Perchta“ mit ihren Gesellen.

Zeitraum

Wahrscheinlich kommen die Raunächte vom Mondjahr (12 Mondmonate sind 354 Tage). Im Gegensatz zum üblichen „Sonnenkalender“ (besser Gregorianischer Kalender) mit seinen 365 Tagen fehlen hier elf Tage.

Diese 12 Nächte sind in der Mythologie außerhalb der normalen Zeit und Naturgesetze sind außer Kraft gesetzt. Und auch in unserem Raum, wie in vielen anderen, sind hier Rituale und Volksbrauchtum angesiedelt. Da die Zeit dunkel ist, sich viele Mythen darum ranken und in früherer Zeit viel Unerklärliches vorhanden war oder auch Rituale die Gemeinschaft gefördert haben.
Schon seit der frühen Neuzeit hat sich diese Zeit für den Kontakt zu Geistern (ob Austreibung oder Beschwörung), den Kontakt zu Tieren oder auch für das Wahrsagen angeboten.

Die vier wichtigen Raunächte

Auch in den 12 Nächten gibt es welche die wichtiger , als die anderen sind:

D’ Raunacht sand vier,
zwoa foast und zwoa dirr

Oberösterreichische Redewendung
Räuchern in den Raunächten
Räuchern in den Raunächten

Schiachperchten

„Schiach“ bedeutet im Bairisch-Österreichischen schlicht: hässlich, unschön, grauslich. Und genau das sind sie absichtlich, mit tvollem Einsatz und kunstvollem Handwerk. Die Schiachperchten (auch: Schiachpercht’n, Schiachperchtn) sind die dunkle Seite der Perchtengestalt: furchteinflößende, mit Fell, Hörner und grotesk geschnitzten Holzmasken ausstaffierte Figuren, die vor allem im Salzburger Raum und im Pongau bekannt sind.

Perchten – aber welche?

Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig, die oft durcheinandergebracht wird. Die Perchten teilen sich grundsätzlich in zwei Gruppen:

Schönperchten<br>
prächtig, bunt, mit Glöckchen und Glanz. Sie bringen Fruchtbarkeit, Glück und Licht.
Schiachperchten<br>
dunkel, wild, bedrohlich. Sie jagen böse Geister, Krankheiten und das Unheil des Winters fort.

Der Name geht auf die Figur der Perchta zurück, eine vorchristliche Sagengestalt aus dem alpinen Raum, die mit dem Winter, der wilden Natur und dem Übergang zwischen den Welten verbunden wird.

Woher kommen die Schiachperchten?

Der Brauch hat Wurzeln, die tief ins Mittelalter und möglicherweise noch weiter in vorchristliche Zeit reichen. Volkskundler gehen davon aus, dass winterliche Umzüge mit Lärm, Masken und wildem Treiben ursprünglich dazu dienten, böse Geister zu vertreiben, die Sonne zurückzuholen und den Übergang in das neue Jahr zu gestalten.

Wichtig<br>
Eine lückenlos belegte, einheitliche Geschichte „der Schiachperchten“ gibt es nicht. Die Überlieferung ist regional sehr unterschiedlich, mündlich geprägt und in manchen Details unsicher.

Der Brauch erlebte nach einer langen Phase der Unterdrückung (teils durch kirchliche, teils durch staatliche Verbote in der frühen Neuzeit) vor allem ab dem 20. Jahrhundert eine starke Wiederbelebung, besonders im Pongau, der Gegend rund um St. Johann im Pongau, Bischofshofen und Altenmarkt. Jedoch auch im Tennengau, Flachgau, dem angrenzenden Innviertel und auch teilweise im Rupertiwinkel

Wie sehen Schiachperchten aus?

Das ist das Herzstück und der Unterschied zu einem billigen Halloweenkostüm oder Krampus ist enorm:

Larve<br>
Die Holzmaske, traditionell von Hand geschnitzt, oft mit aufgerissenen Mündern, verdrehten Zügen, Zähnen aus Holz oder Tierknochen. Jede Larve ist ein Unikat. Bekannte Schnitzer im Salzburger Raum sind beispielsweise Franz Metzger oder die Werkstatt Rettei oder die Familie Gangl, echte Handwerker mit regionaler Verwurzelung.
Fell<br>
Meist vom Schaf.
Hörner<br>
Echte Hörner von in der Region jagdbaren Tieren und es sind mehr als zwei Hörner auf der Maske
Glocken<br>
Schwere Kuhglocken oder Schellen am Körper, der Lärm soll Böses vertreiben.
Rossschweif<br>Die Schiachperchten schlagen damit nicht zu, sondern sie streifen damit über die Bein und bringen Glück und Fruchbarkeit.

Das Gewicht eines vollständigen Schiachperchten-Kostüms kann leicht 20 bis 40 Kilogramm betragen.

Der Perchtenlauf – wie läuft das ab?

Schiachperchten treten meist in Gruppen auf, sogenannten Passen. Ein Perchtenlauf ist kein harmloses Spektakel, sondern ein disziplinierter, aber wild wirkender Umzug durch Ortschaften.

Typische Merkmale:

  • Die Passe zieht durch Straßen und Gassen, begleitet von Glockengetöse und dem Stampfen der schweren Stiefel.
  • In manchen Traditionen wird symbolisch auf Zuschauer zugegangen – früher galt das als das tatsächliche Austreiben von Unheil aus dem Körper der Person.
  • Läufe finden nur in den Raunächten (die zwölf Nächte von Weihnachten bis Heilige Drei Könige) statt.

Im Pongau – also dem Salzburger Zentralalpenraum – hat der Perchtenlauf eine besonders ausgeprägte Tradition und gilt als eines der Zentren des lebendigen Brauchtums in Österreich.

Bedeutung heute

Die Schiachperchten erleben seit Jahrzehnten eine bemerkenswerte Renaissance. Vereine wie die Salzburger Schiachpercht’n und Krampusse oder der Salzburger Nockstoa Perchtn legen großen Wert auf Handwerk, Authentizität und Weitergabe des Wissens an jüngere Generationen.

Was früher vielleicht wirklich Furcht einjagte, ist heute vor allem ein lebendiges Kulturerbe – mit echtem Können dahinter. Ein gut gemachtes Schiachperchten-Gewand kann mehrere tausend Euro kosten und jahrelange Arbeit in der Herstellung bedeuten.

Schwendtag

Der Schwendtag war der traditionell festgelegte Gemeinschaftstag, an dem Bäuerinnen und Bauern, Nachbarn und Knechte gemeinsam ausrückten, um die Arbeit des „Schwendens“ zu erledigen. Kein einzelner hätte das allein geschafft.

Als fester Gemeinschaftstag war der Schwendtag in vielen Talgemeinden des Salzkammerguts, der Steiermark, Tirols und Salzburgs bekannt. Er war häufig in die sogenannte Nachbarschaftshilfe (auch „Nachbarschaft“ oder „Gmoa-Arbeit„) eingebettet – ein altes System gegenseitiger Verpflichtung, das in ländlichen Alpengemeinden das soziale Miteinander regelte.

Die genauen Termine richteten sich nach dem Kalender, nach Erfahrung und nach dem Wetter – oft lagen sie im späten Frühjahr oder Frühsommer, bevor die Almwirtschaft in vollem Gange war.

Ein Schwendtag war keine romantische Landpartie, sondern harte körperliche Arbeit. Typischerweise war es früher so aufgeteilt:

  • Früher Aufbruch
    Die Arbeit begann in den Morgenstunden, oft nach dem ersten Gebet oder der Frühmesse. Werkzeug wurde mitgebracht: Sensen, Sicheln, Schlegeln, Äxte, Rechen.
  • Gemeinschaftliche Einteilung
    Wer welche Fläche übernimmt, war oft durch alte Gemeinderechte oder mündliche Absprachen geregelt. In manchen Gemeinden gab es einen sogenannten Weidevogt oder Almbauern, der die Arbeit koordinierte.
  • Das Verbrennen des Schnittguts
    Abgeschnittener Adlerfarn, Farnkraut und Strauchwerk wurden zu Haufen zusammengerecht und – wenn Witterung und Brauch es erlaubten – verbrannt. In manchen Gegenden galt das Feuer dabei auch als reinigendes Element.
  • Das gemeinschaftliche Essen
    Kein Schwendtag ohne Vesper. Die Bäuerinnen brachten Brot, Speck, Käse und Most. Wer eine größere Fläche zu bieten hatte, lud die Helfer zum Festessen ein – ähnlich wie beim Dreschen oder beim Hausbau.

Regionale Besonderheiten

Im Salzburger Land und im Salzkammergut ist das Schwenden heute noch bekannt, vor allem im Zusammenhang mit dem Erhalt der typischen Streuwiesen und Almweiden, die unter Naturschutz stehen.

In Tirol und der Steiermark lebte der Schwendtag besonders auf Almen fort, wo die Weidegemeinschaften (Agrargemeinschaften) gemeinsam für die Pflege der Flächen zuständig waren und es sind.

In Bayern, besonders im Chiemgau und Berchtesgadener Land, ist der Begriff weniger geläufig, das Prinzip jedoch dasselbe – unter anderen Namen wie „Almputzen“ oder „Weideräumen“.

Bedeutung heute

Der Schwendtag erlebt gerade eine stille Renaissance – allerdings aus einem anderen Grund als früher. Wo er einst wirtschaftliche Notwendigkeit war, ist er heute oft ein Akt des Naturschutzes. Viele Almwiesen und Streuwiesen im Alpenraum sind wertvolle Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere – aber nur, wenn sie offen gehalten werden. Dies geschah früher durch das Beweiden der Flächen durch Kühe, Schafe, Pferde oder Zeigen. Da dies heute oft unrentabel ist, muss es mit Hand gemacht werden, um die Verbuschung der offenen Almflächen zu verhindern.

Gemeinden, Naturschutzvereine, Almbauern und freiwillige Helfer organisieren heute Schwend- oder Pflegetage, um überalterte Böschungen, verbrachte Weidehänge und verfilzte Randstreifen zu pflegen. Was früher Pflicht war, ist heute freiwilliges Engagement – und genau deshalb auch Zeichen einer lebendigen Beziehung zur Landschaft.

Der soziale Aspekt ist dabei geblieben: gemeinsam anpacken, gemeinsam essen, gemeinsam über das Land reden.

Vorpercht

Sie klopft zuerst an. Bevor der Tod mit seiner Trommel den Takt vorgibt, bevor Riese Abfalter, Rabe oder Bär und Bärentreiber ins Dorf einziehen, schreitet die Vorpercht dem Zug voran und meldet an den Fenstern und Türen der Bauernhöfe an, wer da kommt. In der Salzburger Wilden Jagd rund um den Untersberg ist sie damit die Erste von zwölf Gestalten, die in der Adventszeit von Hof zu Hof ziehen – eine Ankünderin, kein Dämon. Ihr Auftritt kündigt an, was folgt, und macht die Hausbewohner bereit für den lärmenden Zug hinter ihr.

Ihre Rolle ist damit eine grundsätzlich andere als die der übrigen Figuren im Zug. Während Frau Perchta als weibliche Urgestalt für Regel und Ausgleich steht und der Schiachpercht als Sammelfigur des Schreckens auftritt, ist die Vorpercht eine funktionale Position an der Spitze des Zuges – eine Aufgabe, kein bestimmter Charakter mit eigener Sagengeschichte. Wer sie verkörpert, trägt eine Verantwortung: Sie muss den Weg kennen, das Tempo vorgeben und den Ton setzen, mit dem der ganze Umzug bei den Menschen ankommt.

Diese Rolle der „Ersten im Zug“ findet sich nicht nur am Untersberg. Auch bei vielen Referenzen für ein Vorteufel das Treiben an oder bei den traditionsreichen Gasteiner Perchten führt eine golden geschmückte Vorpercht die sogenannten Kappenperchten an und trägt dabei die aufwendigste und wertvollste Kappe der ganzen Pass – ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Spitzenposition im Zug eine Ehre ist, um die man sich verdient machen muss. So zeigt sich: „Vorpercht“ ist weniger ein fixer Name für eine einzelne Sagengestalt als ein wiederkehrendes Amt innerhalb der großen Perchten-Familie, das sich von Tal zu Tal unterschiedlich ausgestaltet, aber überall dieselbe Funktion behält – den Weg zu bereiten für das, was in den dunklen Wochen der Raunächte durch die Nacht zieht.

Gerade weil sie zuerst da ist, trägt die Vorpercht eine besondere Spannung in sich: Sie selbst wirkt nicht furchteinflößend, sondern eher feierlich und geschmückt – und genau dieser Kontrast zwischen ihrer beinahe höfischen Erscheinung und dem wilden Lärm, der ihr auf dem Fuß folgt, macht sie zu einer der stillsten, aber wirkungsvollsten Figuren des gesamten Umzugs.

Wilde Jagd

Glück hinein,
Unglück hinaus,
es geht das Wilde Gjoad ums Haus!

Was ist die Wilde Jagd – und was bedeutet „Gjoad“?

„Wilde Jagd“ oder im Salzburger Dialekt „Wildes Gjoad“ bezeichnet einen nächtlichen Geisterzug, der sich in der Vorstellung der Menschen als rasender, lärmender Umzug durch die Winternacht bewegt. Der Zug fegt wie ein Sturmwind heran, verworrenes Geheul schallt durch die Luft, man hört Pferde wiehern, Hunde bellen, Peitschenknall und Jagdrufe. So schildern es alte Sagenbücher aus dem Salzburger Raum.

Das Wort „Gjoad“ ist die dialektale Salzburger Form von „Gehrad“ oder „Gehret“, also Zug, Tross, Truppe. Es beschreibt also nicht eine Jagd im wörtlichen Sinn, sondern den Umzug des wilden Geisterheers.
In diesem uralten Brauch verbinden sich christliches Brauchtum, heidnische Überlieferung und historische Wahrheit. Selten lässt sich das so deutlich auf einen einzigen Ort und einen einzigen Abend herunterbrechen wie hier, am Untersberg.

Der Untersberg als Zentrum der Sage

Der Untersberg, jener markante Gebirgsstock südlich von Salzburg auf der Grenze zu Bayern, ist einer der sagenreichsten Berge des Alpenraums. In seinen Tiefen, so der Volksglaube, schläft Kaiser Karl der Große (in anderen Versionen Kaiser Friedrich Barbarossa) und wartet auf seine Wiederkehr. Der Rabe, der Riese Abfalter, die Hexen und das Moosweibl: Sie alle stammen aus diesem dichten Sagenkosmos rund um den Berg.

Die Wilde Jagd wird mit dem südlich von Salzburg aufragenden Untersberg in Verbindung gebracht, ähnlich wie der Kyffhäuser im Harz mit Kaiser Barbarossa. Durch das Christentum, so die volkskundliche Interpretation, wurden die alten vorchristlichen Götter zu Schreckensgestalten umgedeutet, die nun in hohlen Bergen hausen oder nachts durch die Lüfte irren mussten.

Herkunft und Hintergründe

Der Brauch verbindet christliches Brauchtum, heidnische Überlieferung und historische Wahrheit. Vermutlich geht das wilde Treiben auf keltische Rituale zurück, die den Gott der Stürme und der kalten Winterwinde besänftigen sollten. Historische Funde sollen belegen, dass bereits vor rund 2.000 Jahren um den Untersberg Tiermasken zu Kultzwecken getragen wurden. Die Wilde Jagd soll den Zug der Seelen darstellen, die in der Raunachtszeit bei ihren Familien nach dem Rechten sahen.

Die kirchliche Seite sah das traditionell skeptisch bis feindselig: Die Wilde Jagd war wie viele andere Bräuche lange Zeit verboten, und bei Nichtbeachtung des Verbotes drohten empfindliche Strafen.

Die Wiederbelebung 1949

Ein wichtiger Hinweis zur Einordnung
Der heute gepflegte Brauch ist nicht nahtlos aus dem Mittelalter überliefert. Es handelt sich um einen uralten Brauch, der im 19. Jahrhundert eingestellt und 1949 wiederbelebt bzw. neu interpretiert wurde.

Kuno Brandauer und Werner Dürnberger sorgten dafür, dass der Wilde-Jagd-Zug im Jahr 1949 in Anif erstmals wieder von der Heimat- und Brauchtumsgruppe Jung Alpenland durchgeführt wurde. Werner Dürnberger entwarf die Masken der zwölf Gestalten. Kuno Brandauer vermengte dabei Elemente der Anklöpfelbräuche mit den Untersberg-Sagen und mit der früheren, vor den Weltkriegen gepflegten Untersberger Wilden Jagd.

Das Salzburger Kulturlexikon ordnet das kritisch ein: Es handelt sich um eine 1943 bzw. 1949 von Kuno Brandauer neu begründete Brauchform, die Elemente der Wilden-Jagd-Sage mit Figuren der Untersbergsagen und Perchten vermengt, wobei Brandauer dem Spiel eine für ihn typische heidnisch-kultische Bewertung unterlegte. Das ist eine wichtige volkskundliche Einordnung: Was heute als „uralter Brauch“ erlebt wird, ist in seiner jetzigen Form eine bewusste Neuschöpfung der Nachkriegszeit, eingebettet in echte ältere Überlieferungen.

Ablauf

An einem möglichst geheim gehaltenen Ort in der Untersberg-Gegend taucht das „Wilde Gjoad“ jährlich am Donnerstag zwischen dem zweiten und dritten Adventsonntag, also dem zweiten Donnerstag im Advent, nach Einbruch der Dämmerung auf und führt den Umgang und Tanz durch, auch Referenz genannt. Ganz plötzlich taucht es an einem entlegenen Ort auf und verschwindet wieder in der Dunkelheit der Dezembernächte. Oft wissen die Hofbesitzer im Voraus nichts davon. Die Heimat- und Brauchtumsgruppe Jung Alpenland hält dabei feste, unveränderliche Regeln ein:

  • die Durchführung am zweiten Donnerstag im Advent,
  • die Geheimhaltung des Ortes,
  • die Festlegung auf die Heilige Zahl Zwölf bei den Maskenträgern, sowie
  • ein geregelter Ablauf mit symbolhaften Handlungselementen und
  • der Verzicht auf Spendenbettelei.

Die vermummten Gestalten ziehen unter lautem Getöse von Bauernhof zu Bauernhof. Dort klopfen sie an Fenster und Türen und rufen den Bewohnern zu: Glück hinein, Unglück heraus, es geht das Wilde Gjoad ums Haus! Zum Höhepunkt des Besuchs bilden die Maskenträger einen Kreis, führen zur sogenannten Perchtenmusik auf Schwegelpfeifen einen Springtanz auf, und der Tod gibt mit seiner Trommel den Takt vor.

Die zwölf Figuren

Die zwölf Figuren sind: Vorpercht, Tod, Hexe, Habergoaß, Hahnergickel, Moosweiberl, Riese Abfalter, Eber, Rabe, Wilder Mann, Bär und Bärentreiber.

Jede Figur hat ihre eigene Bedeutung:

Die Vorpercht schreitet dem Zug voran, klopft an Türen und Fenster und kündigt die unheimlichen Begleiter an. Der Tod ist die eigentliche Zentralfigur: Er markiert mit seinem Trommelschlag den Rhythmus und bestimmt den gesamten Ablauf. Der Rabe gilt als Sturm- und Götterbote. Der Rabe vom Untersberg ist eine besonders mysteriöse Gestalt in der Untersberg-Sage und steht in Verbindung mit der Sage des im Berg schlafenden Kaisers.

Die ersten Masken wurden von Werner Dürnberger geschnitzt. Die Originale sind heute ganzjährig im Untersbergmuseum in Fürstenbrunn zu besichtigen.

Die Wilde Jagd in Europa

Das faszinierende an der Salzburger Wilden Jagd: Sie ist keine regionale Erfindung, sondern Teil eines der weitverbreitetsten Wintermythen Europas.

Das Phänomen des nächtlichen Geisterzuges wurde in der Folklore ganz Europas aufgezeichnet, war aber besonders im germanischen Norden verbreitet. In Skandinavien hieß es Oskoreia (die schreckliche Fahrt) oder Odensjakt (Odins Jagd). Im Mittelhochdeutschen sprach man von Wuotanes Her (Odins Heer), im modernen Deutschen vom Wütenden Heer oder eben der Wilden Jagd. Es fegte in der Mitte des Winters durch die Wälder, in der kältesten, dunkelsten Zeit des Jahres, wenn tosende Stürme über das Land peitschten.

In England heißt der Zug the Wild Hunt, in Frankreich Mesnie Hellequin, chasse fantastique oder chasse sauvage, im Italienischen caccia selvaggia. Die Wilde Jagd zieht besonders in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, den Raunächten, durch die Lüfte, aber auch Fastnacht und Karfreitag gelten als besondere Daten.

In Irland führte der mythische Krieger Fionn mac Cumhaill den Geisterzug an, in Schottland waren es Wesen der Feenwelt. In Schottland schützten Menschen bis ins 20. Jahrhundert noch die Westseite des Hauses, wenn jemand krank darin lag, weil die bösen Geister der Wilden Jagd angeblich von Westen kamen. Allen Versionen gemeinsam: Ein Anführer aus der Welt der Toten, eine Winternacht, und die Warnung, sich nicht in den Weg zu stellen.

Die Überlieferung schildert es so: Wehe dem nächtlichen Wanderer, der nicht sogleich sein Gesicht zur Erde wendet und den Geisterzug vorbeirasen lässt.
Der gemeinsame Kern all dieser Versionen ist auffällig: das Bild des tosenden Sturms als Manifestation einer übernatürlichen Macht, die in der dunkelsten Zeit des Jahres durch die Welt streift.

Bedeutung heute

Es ist der Gruppe Jung Alpenland zuzuschreiben, dass sich die Wilde Gjoad über Jahrzehnte in annähernd unveränderter Form erhalten konnte. Was 1949 als Wiederbelebung begann, ist heute ein fester Bestandteil des Salzburger Brauchtumskalenders.

Der Reiz liegt gerade im Geheimnis: Man weiß, dass es stattfindet. Man weiß, wann. Aber man weiß nicht wo. Und das gibt dem Brauch etwas, das vielen folkloristischen Veranstaltungen fehlt: echte Spannung, echtes Staunen, echte Überraschung.

Der Zug erinnert auch an etwas Grundsätzlicheres. In der Zeit des Advents, wenn die Nächte am längsten sind und die Dunkelheit drückt, brauchen Menschen seit jeher Rituale, um sich mit dem Unheimlichen zu arrangieren. Die Wilde Jagd macht das buchstäblich greifbar: Sie bringt das Dunkel, die Kälte und die Toten vor die Haustür, ruft Glück herbei und schickt das Unglück fort.