Gmoa-Arbeit

In bäuerlichen oder alpinen Dorfgemeinschaften war es über Jahrhunderte selbstverständlich, dass man bestimmte Aufgaben nicht alleine erledigte – und auch nicht erledigen konnte. Wege ausbessern, Gräben ziehen, Brücken reparieren, Waldränder pflegen oder Gemeindegüter instand halten: Das waren Arbeiten, die alle betrafen und deshalb auch alle angingen.

An bestimmten Tagen im Jahr rückte das ganze Dorf gemeinsam aus. Jeder Hof stellte Arbeitskräfte, oft auch Zugtiere oder Werkzeug. Wer ohne triftigen Grund fehlte, fiel auf – und das war in einer kleinen Gemeinschaft keine Kleinigkeit.

Bezahlt wurde bei der Gmoa-Arbeit in der Regel nicht mit Geld. Der „Lohn“ war ein anderer: das gemeinsame Mittagessen, das Gefühl der Zugehörigkeit, das gegenseitige Vertrauen – und nicht zuletzt die stille Gewissheit, dass man im nächsten Jahr selbst auf die Hilfe der anderen zählen konnte.

In manchen Gegenden soll nach getaner Arbeit auch kräftig gefeiert worden sein – mit Brot, Speck und einem Krug Bier oder Most. Wir glauben das ist keine Legende.

Bedeutung heute

Die organisierte Pflicht zur Gmoa-Arbeit ist in den meisten Gemeinden längst weggefallen – Kommunen haben heute Bauhöfe, Forstbetriebe und bezahlte Mitarbeiter. Trotzdem lebt der Gedanke weiter: in freiwilligen Arbeitseinsätzen, Feuerwehr-Arbeitstagen, Almgemeinschaften oder Vereinen, die gemeinsam Wegkreuze renovieren oder Feldraine pflegen.

Das Prinzip ist uralt und gleichzeitig erstaunlich aktuell: Manches funktioniert eben nur, wenn alle mitanpacken.

Goaßl

Die Goaßl (auch Goasl, Goassl, je nach Region und Schreibweise) ist eine kurzstielige Peitsche aus dem Alpen- und Voralpenraum. Der Name leitet sich vom bairischen Dialektwort für die Fuhrmannspeitsche ab: Goaßl bedeutet schlicht „Geißel“. Der Holzgriff ist rund, hat einen Durchmesser von etwa drei Zentimetern und eine Länge von rund 50 Zentimetern. Die eigentliche Peitschenschnur besteht aus einem mehrfach gedrehten Hanfseil, das bis zu vier Meter lang sein kann und sich zum Ende hin verjüngt.

Was die Goaßl von einer gewöhnlichen Peitsche unterscheidet, ist die Art, wie sie geführt wird: Sie wird mit beiden Händen von vorne nach hinten und von einer Seite zur anderen geschwungen, bis das Ende der Schnur Überschallgeschwindigkeit erreicht und ein ohrenbetäubender Knall entsteht. Forschungen des Ernst-Mach-Instituts aus dem Jahr 1998 haben ergeben, dass die Schlaufe am Schnurende beim Knall auf über 2.000 km/h beschleunigt wird, also auf mehr als das Doppelte der Schallgeschwindigkeit.

Herkunft und historischer Hintergrund

In früheren Jahrhunderten knallten Fuhrleute mit der Peitsche, wenn sie in Ortschaften einfuhren oder auf unübersichtliche Stellen zufuhren. Im Laufe der Zeit entwickelten sie immer spezifischere Knallfolgen, die als eine Art Erkennungszeichen dienten. Daraus entstanden bestimmte Schlagarten wie der Vorhandschlag, der Rückhandschlag und der Doppelschlag, später auch die sogenannte Triangel.

Daneben hatte die Goaßl im Alpenraum weitere praktische Verwendungen: Hirten nutzten sie beim Viehtrieb, um Tiere zu lenken. Auch als Kommunikationsmittel zwischen Almen und dem Tal kam sie zum Einsatz. In Wein- und Obstbaugebieten diente sie dazu, Vögel von den Beeren zu verscheuchen.

Wann genau die Goaßl den Weg ins Brauchtum fand, lässt sich nicht auf ein einzelnes Datum festlegen. Der früheste schriftliche Hinweis auf das Aperschnalzen, die bekannteste Brauchtumsform mit der Goaßl, stammt aus dem Jahr 1730 aus Gois im Salzburger Flachgau.

Das Aperschnalzen

Das Aperschnalzen ist eine Form des Goaßlschnalzens, die in der Weihnachts– und Faschingszeit gepflegt wird. Das Wort „aper“ bedeutet im Süddeutschen „schneefrei“ und verweist auf den Übergang vom Winter zum Frühling.

Zwischen dem Stephanitag (26. Dezember) und dem Faschingsdienstag treten dabei die sogenannten „Passen“ auf: Gruppen von jeweils neun Personen, die gemeinsam schnalzen, bis ein bestimmter rhythmischer Takt entsteht.

Woher dieser Brauch ursprünglich kommt, ist nicht eindeutig geklärt. Die geläufigste Deutung besagt, dass es um das Austreiben des Winters geht: Durch den Lärm sollen böse Mächte, Kälte und Dunkelheit vertrieben werden. Eine andere Lesart sieht darin einen Fruchtbarkeitsbrauch, bei dem die schlafende Saat durch den Lärm zum Erwachen gebracht werden soll. Eine dritte Deutung, wonach das Schnalzen ein Verständigungsmittel in der Pestzeit gewesen sei, gilt als nicht belegt.

Regionale Besonderheiten

Das Aperschnalzen ist heute besonders stark im Grenzgebiet zwischen Bayern und Salzburg, dem Rupertiwinkel, verwurzelt. Aktive Schnalzergruppen gibt es unter anderem in Laufen, Saaldorf, Tittmoning und Teisendorf auf bayerischer Seite sowie in Liefering, Maxglan, Anthering, Bergheim, Gois, Wals und Siezenheim auf Salzburger Seite.

Am bedeutendsten ist das jährliche Rupertigau-Preisschnalzen, das über 100 allgemeine Gruppen und mehr als 50 Jugendgruppen zusammenbringt und von mehreren tausend Zuschauern besucht wird. Den Siegern winkt unter anderem eine Wandergoaßl als Preis.

Das Aperschnalzen im historischen Rupertiwinkel wurde 2013 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Die Anerkennung gilt zunächst für die österreichischen Schnalzergruppen; die bayerischen Gruppen sind daran eng beteiligt, aber noch nicht formal einbezogen.

In Südtirol lebt die Goaßl unter dem Namen „Goaslschnöllen“ weiter. Dort treten sogenannte Gaslkrocher, Goaslschnöller und Schnalzer bei Volksfesten und Kirchtagen auf.

Bedeutung heute

Die Goaßl ist kein museales Objekt. In Bayern, Salzburg und Südtirol wird das Schnalzen aktiv geübt und weitergegeben, in Vereinen organisiert, bei Wettbewerben ausgetragen und an Jugendliche vermittelt. Der Brauch ist eng mit einer handwerklichen Tradition verbunden: Eine gute Goaßl wird noch immer von Hand geflochten, das Hanfseil mit Pech eingelassen, und der Umgang mit ihr erfordert echtes Können.

Was bleibt, ist ein Brauch, der laut ist, körperlich, und unmittelbar: ein Knall, der die Schallmauer durchbricht, und dabei eine jahrhundertealte Verbindung zwischen Mensch, Tier, Jahreszeit und Gemeinschaft aufruft.

Godl

Wer in Österreich oder Bayern aufgewachsen ist, kennt die Worte vermutlich aus der Kindheit: die Godl und der Göd. Gemeint sind damit Taufpatin und Taufpate, also jene besonderen Menschen, die ein Kind bei seiner Taufe ins christliche Leben begleiten und ihm danach ein Leben lang verbunden bleiben. Die Begriffe klingen vertraut, ein wenig altertümlich, manchmal auch herzlich-familiär. Und genau das sind sie: Zeugen einer langen Geschichte, die bis ins frühe Christentum und noch weiter zurückreicht.

Im standardsprachlichen Deutsch sagt man Pate und Patin, im österreichisch-bairischen Dialektraum aber überlebt haben die alten Formen: Göd für den Paten, Godl (auch: Godl, Godi, Goli, Gedl, je nach Gegend) für die Patin. Der Duden verzeichnet beide als österreichische Bezeichnungen: Göd als männliche, Godl als weibliche Form.

Woher kommen die Wörter?

Der Begriff Göd leitet sich vom althochdeutschen Goto ab, was so viel wie „Gott-Vater“ bedeutet. Das Wort Pate hingegen stammt vom lateinischen patrinus, also „Bürge“ oder „Beistand“, was auch im altdeutschen Wort Gevatter aufklingt, einer direkten Übersetzung des lateinischen compater, also „Mitvater“.

Das althochdeutsche gote war im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet, wie das Grimm’sche Wörterbuch belegt. Während sich im mitteldeutschen und norddeutschen Raum die lateinischstämmigen Formen wie Pate und Pfetter durchsetzten, blieb das einheimische Gote vor allem im oberdeutschen Sprachraum lebendig. Im Österreichischen und Bairischen hat sich daraus der Göd entwickelt, der bis heute im Gebrauch ist.

Ehre und Verpflichtung

Pate oder Patin zu sein war Ehre und Verpflichtung zugleich. Die Eltern baten darum: ein Vorgang, der traditionell Gevatterbitten genannt wurde. Man wählte nicht irgendjemanden aus, sondern eine Person, der man vertraute und die dem Kind wirklich nahestehen sollte.

Die Godl und der Göd waren meist Respektspersonen, ausgewählt dafür, das Kind im Notfall, materiell wie religiös, zu versorgen. Im schlimmsten Fall, also beim Tod der Eltern, übernahmen sie selbstverständlich und ohne weiter darüber nachzudenken die Vormundschaft.

Das Patenamt beschränkte sich nicht auf die Taufe. Auch zur Firmung erhielten Kinder einen Paten, der sie im christlichen Leben begleiten sollte. In der bäuerlichen Lebenswelt war das Amt deshalb mit festgelegten Traditionen und Ritualen verbunden: von bestimmten Sätzen beim Anfragen bis hin zu einem fixen Platz an der Hochzeitstafel des Patenkindes.

Der Godntag und die Patengeschenke

Das Beziehungsgeflecht zwischen Paten und Patenkind war reich an Bräuchen, die den Jahreskreis begleiteten.

Allerheiligen galt in vielen Regionen als Godntag, an dem die Patentante oder der Patenonkel zu Besuch kamen und dem Patenkind einen Allerheiligenstriezel mitbrachten, oft mit einer eingebackenen Silbermünze. Der zugehörige Begriff für das Patengeschenk lautet bezeichnenderweise Godnsach: die Göd-Sache, das Mitgebrachte vom Paten.

Zu Ostern war ein anderes Gebäck an der Reihe: das Godnkipferl oder Osterkipferl, ein großes, buttriges Hefekipferl, das die Godl buk und dem Patenkind überreichte. In Teilen Österreichs, vor allem in Oberösterreich, waren diese Godenkipferl für ihre beachtliche Größe bekannt. Ein verstecktes Geldstück oder ein Geldschein gehörte dazu, das war Brauch.

In manchen Gegenden trugen Patenkinder beim Begräbnis ihrer Paten das Kreuz voran, ein letzter, sichtbarer Ausdruck einer Verbindung, die mit der Taufe begonnen hatte und ein Leben lang getragen wurde.

Regionale Vielfalt der Bezeichnungen

Die Formen des Wortes sind regional so bunt wie das österreichisch-bairische Dialektspektrum selbst. Neben Godl und Göd kennt man je nach Gegend auch Gedl, Goti, Ged, Geed und viele weitere Varianten. Im Schweizerdeutschen lebt das Wort als Gotti (Patentante) und Götti (Patenonkel) fort, ebenfalls aus demselben Ursprung.

Im Norden Deutschlands ist der Begriff kaum bekannt, dort hat sich Pate vollständig durchgesetzt. Die Formen mit G- oder Go- sind also ein verlässlicher Hinweis darauf, dass man sich im süddeutsch-österreichischen Kulturraum bewegt.

Bedeutung heute

Das Amt des Göd oder der Godl hat sich im Laufe der Zeit gewandelt, aber nicht aufgelöst. Die religiöse Dimension, also das Vorbild im Glauben zu sein, steht heute seltener im Vordergrund, die persönliche Bindung aber bleibt. In Teilen Österreichs ist es bis heute üblich, dass der Taufpate dem Patenkind bis zur Firmung zu Allerheiligen ein Geschenk bringt.

Die Worte Göd und Godl sind dabei mehr als nur Dialektbegriffe. Sie tragen das Gewicht einer langen Tradition: die Idee, dass ein Kind nicht nur Eltern, sondern auch andere Erwachsene braucht, die für es einstehen, die es kennen, die auf es schauen.

Goldhaube

Wer eine Fronleichnamsprozession in Oberösterreich erlebt, dem fällt sie sofort auf: eine Gruppe Frauen in festlicher Tracht, auf dem Kopf eine goldglänzende, kunstvoll bestickte Haube, die im Sonnenlicht fast zu leuchten scheint. Das ist die Goldhaube, die wohl bekannteste Festtagskopfbedeckung des österreichischen Trachtenwesens.

Der Begriff „Goldhaube“ ist eigentlich ein Oberbegriff, der verschiedene regionale Haubenformen aus dem süddeutschen Raum und Österreich zusammenfasst. Typisch für alle Varianten sind goldene und seidene eingewebte Fäden, aufwändige Paillettenstickerei, sogenannter Lahn sowie Flitter. Die bekannteste und verbreitetste Form ist dabei die Linzer Goldhaube, die heute als das Sinnbild der oberösterreichischen Festtracht gilt.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Ihren Ursprung hat die Goldhaube im 17. Jahrhundert. Damals entwickelte sie sich aus der einfachen Leinenhaube weiter und breitete sich im gesamten süddeutschen Raum sowie in Österreich, Südtirol und dem damals deutschsprachigen Südböhmen aus.

Die ersten Goldhauben tauchten in Oberösterreich nach der Aufhebung der ständischen Kleiderordnung unter Maria Theresia auf, also ungefähr ab 1770. Sie war von Beginn an kein Alltagsgegenstand für alle: Die Anschaffungskosten einer solchen Haube entsprachen damals in etwa dem Preis eines Pferdes, weshalb sie naturgemäß nicht jeder Frau zugänglich war.

Die schriftliche Ersterwähnung der Linzer Goldhaube findet sich bei Ignaz de Luca im Jahr 1782. Ihren Namen verdankt sie nicht unbedingt der Stadt Linz als Entstehungsort, sondern ihr eigentlicher Ursprung liegt im Krems-, Steyr- und Almtal. Die bekanntesten frühen Trägerinnen waren die Frauen der sogenannten Sensengewerken, also des industriellen Bürgertums an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Bei der Weiterentwicklung der Linzer Goldhaube spielten auch antikisierende Einflüsse der napoleonischen Epoche, der sogenannte Empirestil, eine wichtige Rolle.

Im 19. Jahrhundert geriet die Goldhaube dann zunehmend in Vergessenheit, als das Tragen von Tracht allgemein zurückging. Erst durch die Trachtenerneuerungsbewegung wurde sie wieder zur gern und mit Stolz getragenen Kopfbedeckung.

Wie entsteht eine Goldhaube?

Die Herstellung einer Goldhaube ist alles andere als ein schnelles Hobbyprojekt. Auf einem rund 16 mal 116 Zentimeter langen Goldstoffband werden vergoldete Kupferplättchen, Flitter, Folien und Goldperlen gestickt. Das fertige Band wird dann über einem Drahtgestell befestigt, das das Grundgerüst der Haube bildet.

Wer sich eine vollbestickte Haube vorgenommen hat, muss mit etwa 400 Arbeitsstunden rechnen. Bei aufwändigerer Musterung können es auch gut und gerne 700 Stunden werden. Die Materialkosten liegen dabei zwischen 700 und 900 Euro, der ideelle Wert übersteigt diese Summe bei weitem.

Für die Herstellung braucht es das nötige Wissen um alte Handwerkstechniken, das von Goldhaubengruppen in Zusammenarbeit mit Trachtenschneidereien erhalten und weitergegeben wird. Stickarbeit als Gemeinschaftsprojekt also, von Frau zu Frau, von Generation zu Generation.

Regionale Varianten

Die Goldhaube ist kein ausschließlich oberösterreichisches Phänomen, auch wenn Oberösterreich ihr Kernland ist. Regionale Varianten finden sich unter anderem als Münchner Riegelhaube, Reginahaube und Radhaube in Schwaben, als Kranl und Nürnberger Flinderhaube sowie als Wachauer Brettlhaube in Niederösterreich.

Die Linzer Goldhaube verbreitete sich vom Linzer Raum ausgehend bis nach Passau, ins niederösterreichische Mostviertel, ins steirische Ennstal, den salzburgischen Flachgau und sogar bis in den bayerischen Rupertiwinkel.

Neben der klassischen Goldhaube ist auch die schwarze Perlhaube verbreitet. Entgegen einem weit verbreiteten Irrtum ist die dunkle Perlhaube keine Witwenhaube, sondern wurde populär, weil sie aus günstigerem Material hergestellt wird und leichter zu tragen ist.

Bedeutung heute

Repräsentierte die Goldhaube früher vor allem Reichtum und sozialen Status, steht sie heute für Gemeinschaft und soziales Engagement. Dieser Wandel ist bemerkenswert: Was einst ein Privileg wohlhabender Bürgerfrauen war, ist heute eine breit getragene Trachtenform ohne Standesschranken.

Ab den 1970er Jahren erhielt das Tragen alter Festtagstrachten eine neue Bedeutung. Soziale Unterschiede lösten sich auf, und die gesellige Gemeinschaft wurde zum sinnstiftenden Motiv. Stickkurse entstanden, Ortsgruppen wurden gegründet, und das Wissen um die Herstellungstechnik lebte neu auf.

Allein in Oberösterreich gibt es heute rund 17.300 Goldhaubenfrauen, organisiert in 423 Ortsgruppen, darunter etwa 2.000 Kinder und Mädchen. Fixpunkte im Goldhaubenjahr sind vor allem Fronleichnamsprozessionen, Erntedankfeste, Maiandachten und die Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt am 15. August.

2016 wurde die Tradition der Herstellung und Verwendung der Linzer Goldhaube in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Eine Anerkennung, die zeigt, wie lebendig dieses Handwerk trotz seiner jahrhundertelangen Geschichte geblieben ist.

Gstanzlsingen

Irgendwann auf jeder echten Hochzeit im Alpenraum steht einer auf, klopft mit dem Bierkrug auf den Tisch, und schon ist es still im Saal. Was jetzt kommt, hat niemand vorbereitet – und genau darin liegt der Reiz: In vier gereimten Zeilen nimmt der Sänger die Braut, den Bräutigam oder gleich die ganze Verwandtschaft aufs Korn, treffsicher, oft frech, aber nie wirklich verletzend. Kaum ist der letzte Reim verklungen, johlt die Runde, und der Nächste überlegt sich schon seine eigene Antwort. Das ist Gstanzlsingen.

Ein Vierzeiler mit langer Geschichte

Der Begriff „Gstanzl“ geht vermutlich auf das italienische Wort „Stanza“ zurück, eine Strophenform mit fester Reimordnung, wie sie schon in der Renaissance gebräuchlich war. Verwandte Formen wie die norditalienische Villotta oder die spanische Copla sind nachweislich älter als ihre deutschsprachigen Ableger, und der sogenannte Schnaderhüpfel-Rhythmus lässt sich bereits im 17. Jahrhundert in weltlichen wie geistlichen Liedern nachweisen. Im bairisch-österreichischen Sprachraum hat sich daraus das Gstanzl entwickelt: ein knapper Vierzeiler im Dreivierteltakt, oft mit elfsilbigen, jambischen Versen, gereimt in Paar- oder Kreuzreim. Je nach Gegend heißt dieselbe Form auch Schnaderhüpfl, Schanderhagge oder Stückl – die Vielfalt der Namen verrät, wie tief die Tradition regional verwurzelt ist.

Wirtshaus, Hochzeit und Almhütte

Gstanzln haben keinen festen Ort. Sie erklingen spontan in der Wirtsstube, beim Tanz, auf der Alm oder eben bei der Hochzeit – überall dort, wo Menschen zusammensitzen und einer den Mut hat, als Erster den Ton anzugeben. Besonders lebendig ist der Brauch bei ländlichen Hochzeiten geblieben: Im Salzburger Pongau etwa bilden die Gäste beim sogenannten Brauttanz einen Kreis um das frisch vermählte Paar, während Gstanzln aus dessen bisherigem Leben zum Besten gegeben werden – liebevoll bloßstellend, wie es sich für den Anlass gehört. Getragen wurde diese Tradition über Jahrhunderte von denselben ländlichen Kameradschaften, die auch andere Feste prägten: den Zechen, die auf Kirchtagen und Hochzeiten aufspielten und tanzten.

Gesang, nicht Schrittfolge

Damit unterscheidet sich das Gstanzlsingen deutlich von einer Tanzform wie dem Innviertler Landler: Während der Landler eine über Generationen weitergegebene, feste Schrittfolge ist, lebt das Gstanzl von der spontanen Wortkunst des Augenblicks – auch wenn beide Traditionen häufig zusammenfanden, weil zum Landler, Boarischen oder Steirer gesungen wurde und die Verse sich rhythmisch an die Tanzmusik anpassten. In der Praxis verschmelzen Tanzen und Dichten dabei oft zu einem einzigen geselligen Ereignis, ohne dass eines das andere ersetzt.

Zur klanglichen Vollendung gehören zudem das Jodeln sowie – vor allem im Salzkammergut – das „Paschen“, ein rhythmisches Klatschen in der Gruppe, das dem improvisierten Gesang einen festen Puls gibt. Geübte Sängerinnen und Sänger schaffen es, stundenlang neue Strophen zu erfinden, ohne sich zu wiederholen – eine Fertigkeit, die von Generation zu Generation weitergegeben und auf Gstanzlsänger-Treffen bis heute gepflegt wird.

Vom Innviertel in die ganze Alpenrepublik

Wie lebendig die Tradition geblieben ist, zeigt sich exemplarisch im Innviertel: Im oberösterreichischen Aspach findet seit Jahrzehnten das „Innviertler Gstanzlsingen“ statt, ein Treffen, das sich als „das Original“ versteht und mittlerweile weit über die Region hinaus in der Volksmusikszene bekannt ist. Solche Veranstaltungen zeigen, dass das Gstanzlsingen längst nicht nur beiläufiger Hochzeitsscherz ist, sondern eine eigenständige, ernsthaft gepflegte Kunstform – mit eigenen Stars wie Roider Jackl, der von 1906 bis 1975 vor allem mit seinen bissig-politischen Gstanzln über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt wurde.

Ob am Wirtshaustisch, auf der Alm oder beim eigens organisierten Sängertreffen: Das Gstanzl bleibt, was es immer war – schlagfertige Poesie auf Zuruf, die den Moment einfängt und ihn im selben Atemzug zum Lachen bringt.

Halterbua

Halterbua ist bairisch-österreichisch und bedeutet im wörtlichen Sinn: der Bub, der das Vieh hält. Also: der Hirt. Wer in einer steirischen oder salzburgischen Almhütte aufgewachsen ist, kennt den Begriff noch gut. Andernorts sagt man schlicht Halterbuam (Plural), im Steierischen besonders verbreitet, in Bayern und Salzburg ebenfalls geläufig.

Das Wort Halter hat dabei eine lange Geschichte. Im Mittelhochdeutschen bedeutete haltære ganz direkt „Hirt“ oder „Bewahrer“. Der Stamm geht auf althochdeutsch haltan zurück, was ursprünglich „hüten“ und „weiden“ meinte, also das Betreuen einer Herde. Erst später verschob sich die Bedeutung in Richtung „festhalten“ oder „aufbewahren“, wie wir es heute kennen. Der Halterbua ist demnach keine folkloristische Erfindung, sondern ein echtes, altes Berufswort.

Wer war der Halterbua?

In der bäuerlichen Welt des Alpenraums, die über Jahrhunderte von der Almwirtschaft geprägt war, gab es auf jeder Alm jemanden, der das Vieh betreute. Das war nicht immer der Bauer selbst. Oft war es ein Knecht, ein älterer Pensionist oder tatsächlich ein junger Bub aus der Nachbarschaft, der für einen Sommer die Aufgabe übernahm, die Tiere zu hüten, zu zählen, auf ihren Gesundheitszustand zu achten und sie morgens auf die Weide und abends wieder ein.

Der Halterbua lebte während der Sommermonate auf der Alm, oft in einer einfachen Hütte ohne Strom, mit Wasser aus dem Brunnen. Die Entlohnung war gering, die Arbeit täglich und wetterabhängig. Man kannte seine Tiere beim Namen oder zumindest am Aussehen, wusste welche zu welchem Hof gehörte, und bemerkte sofort, wenn eins fehlte.

Der Dienst begann meist Anfang Juni, wenn die Kühe auf die Alm getrieben wurden, und dauerte bis in den Herbst. Täglich ging es auf einen Rundgang, um die Vollzähligkeit der Herde und den Gesundheitszustand der Tiere zu überprüfen.

In der Almwirtschaft verwurzelt

Die Almwirtschaft gehört seit Jahrhunderten zum Leben der Alpenregionen. Auf Almen werden die Weideflächen während des Sommers von Nutztieren genutzt, die seit Generationen bewirtschaftet werden. Wenn die Tage kühler werden und der Almsommer vorbei ist, ziehen die Tiere zurück ins Tal. Der Halterbua war in diesem System eine wichtige, wenn auch wenig glamouröse Rolle: Er sorgte dafür, dass alles seinen geordneten Gang nahm.

Die Almwirtschaft im Alpenraum lässt sich bis zu vier Jahrtausende zurückverfolgen. Durch jahrhundertelange Bewirtschaftung dieser hochgelegenen Flächen entstand eine Kulturlandschaft von hohem Wert. Der Halterbua war über all diese Zeit ein Fixpunkt im Betrieb der Alm.

Nicht Senne, nicht Bauer

Es lohnt sich, den Begriff vom Senner oder der Sennerin abzugrenzen, mit dem er manchmal durcheinandergebracht wird. Sennerinnen und Senner sind Hirtinnen und Hirten, die auf der Alm das Vieh betreuen und gleichzeitig die Milch zu Käse, Butter und anderen Milchprodukten verarbeiten. Der Halterbua hingegen war reiner Viehhüter, ohne die Verantwortung für die Milchverarbeitung. Diese Unterscheidung war in der Praxis nicht immer trennscharf, aber begrifflich ist sie vorhanden.

Heute: zwischen Erinnerung und Realität

Der Begriff Halterbua klingt heute für viele nach einer versunkenen Welt. Das stimmt zum Teil: Die klassische Figur des Kindes oder Jungbauern, der allein mit der Herde auf der Alm verbringt, ist in der modernen Landwirtschaft weitgehend verschwunden. Eingezäunte Weiden, Mobiltelefone und veränderte Arbeitsverhältnisse haben das Berufsbild grundlegend gewandelt.

Und doch: Das Leben als Halterbua ist heute eher Berufung als Beruf, da man von der Entlohnung für diese Arbeit kaum leben könnte. Die Bezahlung erfolgt durch die Gemeinschaft der Bauern, deren Tiere auf der Alm betreut werden, und auch eine Unterkunft muss gestellt werden. Es gibt also noch Menschen, die diese Rolle übernehmen, meistens aus Leidenschaft zur Natur und zu den Tieren, nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.

Im Volksmund lebt der Halterbua auch als Figur der Volksmusik weiter. Das Lied „Der Halterbua“ des Ischler Viergesangs ist nur eines von mehreren Beispielen, wie diese Rolle romantisiert und gleichzeitig bewahrt wurde.

Heiliggeistloch

Wer in einer alten Dorfkirche den Blick nach oben richtet, entdeckt manchmal eine kreisrunde Öffnung im Gewölbe des Kirchenschiffs, oft geschmückt mit gemalten Flammenzungen, Engeln oder Tauben. Dieses unscheinbare Loch trägt einen großen Namen: Heiliggeistloch.

Das Heiliggeistloch, auch Himmelloch oder Pfingstloch genannt, ist eine Öffnung in der Decke des Kirchenlanghauses, meist in der Nähe des Chores. Ihr eigentlicher Zweck war zunächst ein rein praktischer: Sie diente zur Lüftung des Kirchenraums. Im Laufe der Zeit aber wurde aus dem schlichten Baudetail ein liturgisches Ausdrucksmittel von großer Wirkungskraft.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Der Brauch ist seit der Gotik bekannt und geriet nach der Aufklärung nach und nach außer Gebrauch. Heute wird er in einigen Kirchen wieder aufgegriffen. Wann genau die Öffnung erstmals liturgisch genutzt wurde, lässt sich nicht auf ein genaues Datum festlegen. Sicher ist, dass das Mittelalter eine ausgeprägte Neigung zur sinnlichen Vergegenwärtigung des Unsichtbaren kannte. Der Heilige Geist, von Natur aus körperlos und unsichtbar, brauchte ein Bild, eine Geste, einen Moment. Das Loch in der Decke bot genau das: einen Durchlass zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen menschlichem Raum und göttlichem Oben.

Was durch das Loch herabkam

Während des Pfingstgottesdienstes ließ man durch die Öffnung eine weiße Taube als Symbol des Heiligen Geistes fliegen, eine geschnitzte Holztaube herabsenken oder Blumen in den Kirchenraum regnen. Besonders spektakulär, aber auch riskant war ein anderer Brauch: Gelegentlich ließ man brennendes Werg durch das Loch fallen, als Sinnbild der Feuerzungen, die laut der biblischen Pfingstgeschichte auf die Apostel herabkamen. Die Brandgefahr war erheblich, weshalb dieser Brauch offenbar nur selten und mit Vorsicht praktiziert wurde.

Das Heiliggeistloch war aber nicht nur an Pfingsten in Gebrauch. An Christi Himmelfahrt wurde etwa ein Licht durch die Öffnung geschwenkt, Süßigkeiten und Blumenkränze für die Jugend hinabgeworfen, oder eine Christusfigur stieg an einem Seil durch das Loch in den „Himmel“ auf. Für die Gläubigen, viele von ihnen des Lesens unkundig, war solch ein sichtbares Zeichen weit mehr als bloßes Theater. Es war Glaubensvermittlung mit den Mitteln des Erlebens.

Regionale Besonderheiten

Im Alpenraum haben sich vereinzelt besonders lebendige Beispiele erhalten. In der Kapelle bei Ebbs in Tirol hängt unter einem geöffneten Heiliggeistloch noch heute eine Pfingsttaube, auch in Söll in Tirol findet sich ein Heiliggeistloch mit schwebender Taube. In Mittenwald in Bayern und im Kloster Neustift in Südtirol hat sich der Brauch erhalten, an Christi Himmelfahrt eine Christusstatue durch das Heiliggeistloch nach oben zu ziehen, um die Himmelfahrt für die Gemeinde sichtbar zu machen.

In Kaumberg im niederösterreichischen Bezirk Lilienfeld ist ein Pfingstloch erhalten, das noch gemalte Flammenzungen aus dem frühen 16. Jahrhundert zeigt.

Im Passauer Dom wurde das Heiliggeistloch auf besondere Weise weitergenutzt: Über der Öffnung im Dachgebälk befindet sich ein Orgelwerk, dessen Klang durch das vergitterte Loch in den Kirchenraum herabdringt.

Die Verbindung zur Heiligengeist-Taube in der Stube

Wer den Text zur Suppenbrunzer kennt, dem erschließt sich hier ein interessanter Zusammenhang: Die hölzerne Taube, die in bäuerlichen Stuben über dem Esstisch hing und an der heißen Suppe kondensierte, ist das häusliche Gegenstück zum kirchlichen Brauch. Was im Gotteshaus das Heiliggeistloch mit der herabgelassenen Schnitzfigur darstellte, fand im bäuerlichen Alltag seinen bescheidenen Widerschein in der über dem Tisch schwebenden Taube. Beide Orte, Kirche und Stube, verbindet die gleiche Vorstellung: Der Heilige Geist ist mitten unter uns, er kommt von oben herab.

Bedeutung heute

Obwohl der Brauch nach der Aufklärung weitgehend verschwand, wird er heute in einigen Kirchen wieder belebt. Für viele Kirchengemeinden ist das Heiliggeistloch heute vor allem ein bauhistorisches Zeugnis, das davon erzählt, wie lebendig und sinnlich die mittelalterliche und frühneuzeitliche Liturgie war. Die Idee, das Abstrakte konkret erfahrbar zu machen, hat dabei nichts von ihrer Kraft verloren.

Herrenfest

Wer im Kirchenkalender blättert, stößt auf ein dichtes Geflecht aus Festen, Gedenktagen und Hochfesten. Mittendrin eine besondere Gruppe: die Herrenfeste. Dahinter steckt kein einzelner Termin, sondern ein ganzes System von Feiertagen, das die katholische Kirche über das Jahr verteilt hat, um das Leben und Wirken Jesu Christi zu begehen.

Als Herrenfeste oder Feste des Herrn bezeichnet man jene Hochfeste und Feste im Kirchenjahr, die das Heilsgeheimnis Jesu Christi entfalten: von seiner Menschwerdung und Geburt über die Himmelfahrt bis hin zur Erwartung seiner Wiederkunft. Das Kirchenjahr selbst trägt deshalb auch den Namen „Herrenjahr“. Es dreht sich, grob gesagt, nicht um eine lineare Geschichtserzählung, sondern um eine jährliche Wiederholung derselben heilsgeschichtlichen Stationen, durch die die Gläubigen immer wieder in das Geheimnis Christi hineingezogen werden sollen.

Wie das Kirchenjahr seine Form bekam

Die älteste Grundlage des christlichen Kalenders ist schlicht jeder Sonntag. Schon seit dem 2. Jahrhundert galt der wöchentliche Versammlungstag als „Tag des Herrn“, lateinisch Dominica, weil er an die Auferstehung Jesu erinnerte. Dazu trat die 50-tägige Osterzeit als zweite tragende Säule des Kirchenjahres.

Im Lauf der Jahrhunderte wuchs dann ein immer dichteres Netz von Festtagen heran. Zunächst entstanden sogenannte historisierende Herrenfeste wie die Beschneidung des Herrn, die Taufe Jesu, die Darstellung Jesu im Tempel und die Verkündigung des Herrn, die alle an konkrete Ereignisse aus dem Leben Christi anknüpfen. Später kamen weitere Feste hinzu, unter anderem die Verklärung Christi (seit 1457) und das Fest der Heiligen Familie (seit 1921).

Ab dem Hochmittelalter entwickelte sich dann ein neuer Typ: die sogenannten Ideen- oder Devotionsfeste, bei denen nicht ein heilsgeschichtliches Ereignis, sondern ein Glaubensinhalt oder ein Ehrentitel Christi im Mittelpunkt steht, etwa die Dreifaltigkeit, die Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie oder sein Königtum. Zu diesen Ideenfesten gehören der Dreifaltigkeitssonntag (10. Jahrhundert), Fronleichnam (13. Jahrhundert), das Herz-Jesu-Fest (17. Jahrhundert) und das Christkönigsfest, das erst 1925 eingeführt wurde.

Einige der heutigen Herrenfeste tragen heute einen anderen Namen als früher. Im Zuge der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden bestimmte Feste, die ursprünglich marianisch geprägt waren, umbenannt und ausdrücklich als Herrenfeste ausgewiesen, weil ihr theologischer Kern das Wirken Christi betrifft, darunter die Verkündigung des Herrn (25. März) und die Darstellung des Herrn (2. Februar).

Die wichtigsten Herrenfeste im Überblick

Die katholische Kirche kennt heute folgende Hochfeste des Herrn:
Weihnachten (25. Dezember), Erscheinung des Herrn (6. Januar), Verkündigung des Herrn (25. März), die drei österlichen Tage von Gründonnerstag bis Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, der Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam, das Herz-Jesu-Fest sowie das Christkönigsfest am letzten Sonntag des Kirchenjahres.

Dazu kommen Feste mit etwas niedrigerem liturgischen Rang wie die Taufe des Herrn, die Verklärung Christi (6. August) und die Kreuzerhöhung (14. September).

Zwei Herrenfeste und ihr Brauchtum im Alpenraum

Von all diesen Festen haben zwei im Alpenraum besonders lebendiges volkskundliches Brauchtum entwickelt.

Fronleichnam: der Herr zieht durch die Straßen

Fronleichnam ist das „öffentlichste“ der Herrenfeste. Der Name kommt aus dem Mittelhochdeutschen: vrôn stand für „was den Herrn betrifft“, lîcham bedeutete „Leib“. Das Fest wurde von Papst Urban IV. im Jahr 1264 für die gesamte Kirche angeordnet, setzte sich jedoch nur langsam durch. Sein Kern ist die Überzeugung, dass Christus in der konsekrierten Hostie leibhaftig gegenwärtig ist, und so wird er an diesem Tag buchstäblich durch die Ortschaft getragen.

In den meisten Pfarren folgt nach der Messe eine Prozession, bei der das Allerheiligste in einer Monstranz unter einem Baldachin, dem sogenannten „Himmel“, getragen wird. Entlang der Prozessionsrouten werden Birkenbäumchen aufgestellt, Fenster mit Blumen und Kerzen geschmückt. In manchen Orten Kärntens und der Steiermark legen Frauen früh am Morgen kunstvolle Blumenteppiche aus Blütenblättern mit Sinnbildern und Sprüchen nieder.

In Hallstatt hat der enge Ortsgrundriss zu einer besonders eindrucksvollen Lösung geführt. Weil der kleine Salinenort kaum Platz an Land bot, verlegte man die Prozession auf den See: Boote und Salzschiffe, mit Laub und Blumen geschmückt, begleiten das Allerheiligste über das Wasser. Das ist kein neumodisches Spektakel, sondern eine jahrhundertealte Tradition.

Das Herz-Jesu-Fest

Das Herz-Jesu-Fest, ein Freitag nach Fronleichnam, ist im Alpenraum vor allem als tirolerisches Fest bekannt. Sein volkskundlicher Reichtum liegt in den Bergfeuern, die alljährlich die Hänge erleuchten.

Der Brauch, im Juni Feuer zu entzünden, geht auf ältere Sonnwend- und Johannisfeuer zurück. In Erinnerung an das „Herz-Jesu-Gelöbnis“ von 1796 wurden diese vorchristlichen Feuer umgedeutet und mit einem religiösen Inhalt verbunden. Damals drohten die Truppen Napoleons in Tirol einzumarschieren. Die Tiroler Landstände, Adel, Bürger und Bauern, beschlossen in Bozen, das Land dem Herzen Jesu zu weihen und gelobten, das Fest in Zukunft in Ehren zu halten, wenn göttlicher Beistand käme.

Die Feuer werden heute in ganz Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol gepflegt und oft in Form von Herzen, Kreuzen oder den Christuszeichen IHS und INRI auf den Berghängen entzündet. Am Herz-Jesu-Sonntag, dem dritten Sonntag nach Pfingsten, wird das Gelöbnis jedes Jahr erneuert. Dass dieser Brauch auch politische Dimensionen bekam, etwa in der Südtirolfrage nach dem Ersten Weltkrieg, zeigt, wie eng religiöses Brauchtum und Regionalidentität im Alpenraum oft verflochten sind.

Das Herrenfest im engeren Sinn

In volkskundlichen Quellen aus Österreich, besonders aus dem bäuerlichen Milieu, meint „das Herrenfest“ oft ganz konkret den 2. Februar. Der offizielle liturgische Name lautet heute: Darstellung des Herrn.

Das Fest wird 40 Tage nach Weihnachten begangen und erinnert daran, dass Maria und Josef den neugeborenen Jesus als erstgeborenen Sohn gemäß jüdischem Brauch in den Tempel nach Jerusalem brachten, wo der greise Simeon das Kind als Licht der Welt pries. Daraus entstand die Bezeichnung Lichtmess: An diesem Tag werden die Kerzen für das kommende Jahr geweiht, und Lichterprozessionen erinnern an die Lichtsymbolik des Festes.

Bis zur Liturgiereform der 1960er-Jahre galt Lichtmess noch als Marienfest. Seither wird der Tag wieder als Herrenfest begangen, mit dem offiziellen Namen „Darstellung des Herrn“.

Im bäuerlichen Jahreskalender war der 2. Februar weit mehr als ein kirchlicher Termin. Das Dienstjahr in der Landwirtschaft endete an diesem Tag: Mägde und Knechte erhielten ihren Lohn, hatten einige freie Tage und konnten den Dienstherren wechseln. Bis 1912 war Mariä Lichtmess in Bayern ein gesetzlicher Feiertag.

Der Volksglauben rund um diesen Tag ist reich und regional unterschiedlich. Am Abend des Lichtmesstages kamen die Familien zum gemeinsamen Rosenkranzbeten zusammen, wobei so viele geweihte Kerzen brannten, wie Beter anwesend waren. Die Art, wie eine Kerze brannte, wurde gedeutet: Flackerte sie stark, drohte dem Besitzer Krankheit; erlosch sie zu früh, galt das nach dem Volksglauben als Zeichen des nahenden Todes.

Die geweihten Kerzen wurden auch außerhalb der Kirche eingesetzt: bei Geburten, Sterbefällen und Unwettern zündete man sie an, um Schutz zu erbitten.

Warum das alles heute noch relevant ist

Die Herrenfeste sind kein museales Relikt. Sie strukturieren bis heute den Jahresrhythmus in vielen Gemeinden des Alpenraums, sie geben Feiertagen einen Inhalt jenseits des freien Tages, und sie verbinden Glauben mit konkreten Erfahrungen: Licht in der Dunkelheit des Februars, das Tragen des Allerheiligsten durch den Ort, Feuer auf den Bergen in der Sommernacht. Dass viele dieser Bräuche ältere, vorchristliche Schichten in sich tragen, macht sie volkskundlich noch interessanter. Die Kirche hat selten bei null angefangen, sondern bestehende Rhythmen aufgegriffen und mit neuem Inhalt gefüllt.

Herrgottswinkel

Der Begriff stammt aus dem Altbayrischen und bedeutet wörtlich übersetzt “Gottes Ecke”. Es handelt sich dabei um einen speziellen Bereich in einem Wohnhaus, der für religiöse Symbole und Artefakte reserviert ist.

Der Herrgottswinkel hat seinen Ursprung in der tief verwurzelten katholischen Tradition Bayerns und Österreichs. In einer Zeit, in der der Kirchgang oft beschwerlich und zeitaufwendig war, bot der Herrgottswinkel den Menschen einen privaten Ort der Andacht und des Gebets in ihren eigenen vier Wänden.

In der Regel befindet sich der Herrgottswinkel in der Stube, dem zentralen Wohnraum des Hauses. Er ist oft in der Ecke gegenüber der Tür (oder in alten Gebäuden gegenüber des Ofens) angeordnet, sodass er von jedem Punkt im Raum aus sichtbar ist. In diesem heiligen Winkel hängt in der Regel ein Kruzifix oder ein Heiligenbild, oft begleitet von anderen religiösen Gegenständen wie Rosenkränzen, Heiligenfiguren oder Kerzen.

Auch heute noch ist der Herrgottswinkel in vielen traditionellen Häusern in Bayern und Österreich zu finden. Er ist ein Zeichen der tiefen Religiosität dieser Regionen und ein Ausdruck der engen Verbindung zwischen Glauben und Alltag. Der Herrgottswinkel ist nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein Ort der Besinnung und des Innehaltens in der Hektik des Alltags.

In der modernen Architektur und Inneneinrichtung hat der Herrgottswinkel oft einen symbolischen Charakter. Er kann als Ausdruck der persönlichen Spiritualität und des Respekts vor der Tradition verstanden werden. In einigen Fällen wird der Herrgottswinkel auch in modernen Interpretationen umgesetzt, beispielsweise durch minimalistische Kreuze oder abstrakte religiöse Kunst oder auch persönliche Gegenstände (ohne tiefer religiöse Bedeutung).

Hoagascht

Ist im Bayrischen, Salzburgischen und bis ins Südtirol gebräuchlich. Grundlegend war es ein Treffen, eine Unterhaltung außerhalb der eigenen vier Wände. Man tauschte sich aus und es war üblich hier keine Streitigkeiten zu pflegen.

In neuerer Zeit werden auch Musikantentreffen oder andere Treffen rund ums Brauchtum mit dem Begriff Hoagascht zu bezeichnen. Damit wird einfach auf die Gemütlichkeit dieser Zusammenkünfte angespielt. Auch Gasthäuser und Fernsehsender nutzen diesen Begriff immer mehr, da er eine typische gemütliche Heimatverbundenheit ausdrückt.

Er dürfte sich von den beiden Begriffen Hoam, Homat (für deheim, Heimat) und Goarden (Garten) ableiten. Früher hatte jeder Hof eine Bank neben dem Eingang stehen, auf der die seltenen Pausen verbracht wurden oder auch die Altbäuerin und der Altbauer saßen. Man setzt sich dazu und konnte sich gemütlich unterhalten, Erfahrungen austauschen oder einfach „heimkommen“.